Klein-Paris mit großem Aufstieg: Leipzig feiert Jubiläumsjahr

Von: Torsten Hilscher, ddp
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Leipzig/ Grassi
Das Grassimuseum. Gemessen am ewigen Rivalen Dresden wird Leipzig als Reiseziel gewaltig unterschätzt. Dabei hat die Messemetropole alles, was zu einer wichtigen Destination gehört: Flughafen, große Theater, endlose Ausstellungshallen, Parks und Landschaftsschutzgebiete, eine Oper sowie als Konzerthalle der Sonderklasse das Gewandhaus. Foto: ddp

Leipzig. Gemessen am ewigen Rivalen Dresden wird Leipzig als Reiseziel gewaltig unterschätzt. Dabei hat die Messemetropole alles, was zu einer wichtigen Destination gehört: Flughafen, große Theater, endlose Ausstellungshallen, Parks und Landschaftsschutzgebiete, eine Oper sowie als Konzerthalle der Sonderklasse das Gewandhaus.

Hinzukommen seltene Museen, lebendige Kleinkunst-, Studenten-, Jugend- und Fitnesskultur. Und der aufstrebende - wenn auch blockierte - Wassersport. 2009 sind es vor allem zwei Themenjahre, die die Welt auf Leipzig schauen lassen.

Eine erste Ahnung vom einstigen deutschen Handelszentrum bekommt, wer via Schiene eintrifft. Der Hauptbahnhof ist ein Monument des Industriezeitalters, aus dessen breiter Front die Reisenden direkt über den Willy-Brandt-Platz ausschwärmen, da sich das Zentrum innerhalb des Rings am besten zu Fuß erkunden lässt.

Zwischen passagendurchzogenen Handelshäusern, teilsanierten Plattenbauten und stilechten Wohnriegeln aus den 50er Jahren steht das Museum der bildenden Künste. Der Solitär macht sich so gar nichts aus seiner Umgebung, wartet dafür mit einer erstaunlichen grafischen Sammlung auf. Seine Gemäldesammlung bezeichnet sich bescheiden als „bürgerlich”, obgleich Meisterwerke von Franz Hals und Caspar David Friedrich zu sehen sind, für Zeitgenössisches wurde ein Max-Beckmann-Saal eingerichtet. Verehrer der Leipziger (Mal-)Schule finden dort ihren Tempel.

Ähnlichen Seltenheitswert besitzt das Grassi, das nur 20 Minuten entfernt liegt. Frisch saniert beherbergt es die Museen für Angewandte Kunst, Völkerkunde und Musikinstrumente. Allein die Architektur des 1925 bis 1929 errichteten Komplexes ist eine Schau. Drinnen zeugen gesprosste Fenster, Designerklinken und kunstvolle Türeinfassungen wie auch schicke Treppenhäuser von einer der Sache dienenden Moderne.

Auf dem Rückweg in die City begegnet dem Gast ein weiteres Highlight guter Architektur, die auch nach Jahrzehnten funktioniert. Anstelle des 1943 zerstörten Neuen Theaters entstand 1956-1960 die Oper. Der holzgetäfelte Saal ist - anders als sein düsteres Pendant im Schauspielhaus - eine Sensation.

Das gekachelte Foyer mag möglicherweise nicht jeder auf Anhieb - spätestens beim Plausch mit dem sächselnden Kantinenpersonal wirds aber "äscht gemietlisch” - Blick auf das neue Gewandhaus inklusive. Und die Bühne? Dank Chefregisseur Peter Konwitschny und dem Gewandhausorchester spielt die Oper im Land ganz oben mit. Angeschlossen sind Leipziger Ballett, Keller- und Jugendtheater und für die „leichte Muse” die Musikalische Komödie in Lindenau.

Für Neid selbst im klassikverwöhnten Dresden sorgt 2009 das Leipziger Mendelssohn-Jahr. Hatte die sächsische Residenz nicht ihren Carl-Maria von Weber verschmäht und Richard Wagner sogar verjagt, während Felix Mendelssohn-Bartholdy als junger Musiker in Leipzig der Darling war (und Clara Schumann ohne den bösen - Dresdner - Vater hier mit Robert ihre schönsten Jahre verlebte)?!

Ein Muss ist das Kabarett Academixer. In Zeiten seichter Comedians setzt das Kellertheater lieber auf Handwerk, echte Pointen und professionelle Musik. Weil aus dem schönen Art-Déco-Interieur eine humorlose Klimaanlage pustet, sollte sich der Gast allerdings warm anziehen. Kein Witz - die Stadtwerke gehören zu den Sponsoren des Kabaretts.

Ökologisch überkorrekt agiert Leipzig dagegen bei einer angesagten Freizeitsportart. Wird innerstädtisch bereits auf dem freigelegten Karl-Heine-Kanal gepaddelt, hoffen Region und Kommune auf Motorboot-Fans für die gefluteten Tagebaue, das Neuseenland. Aber bitte eingeschränkt: Charterboote müssen alternative Energiequellen nutzen, private Boote sollen teure EU-Richtlinien erfüllen, was zu Zwei-Klassen-Tourismus führen kann.

Leipzig überschätzt sich mit solchen Regeln, findet denn auch der Wirtschaftsverband Wassersport Berlin-Brandenburg. Zum Vergleich: Rund um Berlin befindet sich das größte Binnenwassersportrevier Europas. Dort tuckern auch alte Boote Marke Eigenbau und Motoren aus jener Zeit, als EU noch ein Fremdwort war. Leipziger Seen sind also in doppelter Hinsicht kein Muss. Ein Schelm, wer Böses denkt: Die Studie zu den Vorschriften verfertigt eine Dresdner Ingenieurfirma.

Das Dilemma mit Eigenwerbung ist nicht neu. Goethes Slogan „Mein Leipzig lobt ich mir, es ist ein Klein-Paris” war nach der Wiedervereinigung zu lang, es folgte „Leipzig kommt”. Die Konkurrenz ätzte „Dresden ist schon da”. Inzwischen wirbt Leipzig mit „Leipziger Freiheit” oder auch „Heldenstadt”.

Zu Recht. Als Krönung der Montagsdemonstrationen zogen am 9. Oktober 1989 fast 80 000 Menschen durch Leipzig und besiegelten mit Kerzen und Gebeten das Ende der SED-Herrschaft. Gewürdigt wird das Ereignis im Geschichtsforum gleich beim Alten Rathaus. Dort und in der ehemaligen Stasi-Zentrale „Runde Ecke” können Jüngere nachvollziehen, was alles hätte ausbleiben können: Ende des Unrechtsstaates, Mauerfall, Wiedervereinigung und eine unvergleichliche Stadt, die wie nie zuvor in ihrer Geschichte strahlt.
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