Kinder willkommen: Eine Führung über den Friedhof in Stahnsdorf

Von: Daniela David, dpa
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Hier wirds gruselig: Den Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau kennen die Kinder so wenig wie seinen Gruselklassiker „Nosferatu” - aber mit Dracula und Vampiren kennen sie sich aus. Foto: dpa

Stahnsdorf. „Was ist ein Friedhof?”, will Olaf Ihlefeldt wissen. „Auf dem Friedhof weinen die Menschen und sind ganz traurig”, erklärt die siebenjährige Anna. Diese Antwort erhält der Verwalter des Südwestkirchhofs in Stahnsdorf oft.

Viele der Mädchen und Jungen, die an seinem Friedhofsspaziergang für Kinder teilnehmen, haben vorher noch nie einen Friedhof betreten. Noch weniger kennen sie den riesigen Parkfriedhof in Stahnsdorf südwestlich von Berlin. 120.000 Menschen sind hier begraben, darunter viele Prominente.

„Der Friedhof tröstet die Menschen, den Toten gehts gut hier”, versichert er den kleinen Besuchern zur Begrüßung. Sie sind beeindruckt, wenn sie hören, dass der Stahnsdorfer Friedhof eine Größe von 200 Fußballfeldern hat. Damit ist er der zweitgrößte Friedhof Deutschlands nach Ohlsdorf in Hamburg.

Das Ehrengrab von Edmund Rumpler schmückt eine Statue: eine menschliche Figur mit Flügeln am Rücken. Die Kinder sehen darin einen Engel. Doch dann schauen sie genauer hin. Die Flügel sind angeschnallt, und der Engel entpuppt sich als Mensch, der fliegen will. Rumpler war Erfinder und Flugzeugkonstrukteur, erzählt ihnen der Friedhofsverwalter. Das verstehen die Kinder, Flugzeuge kennen viele aus der Nähe.

Aber das Wort Mausoleum hat noch keiner gehört. Sind da in dem kleinen Haus etwa Mäuse drin? Entwarnung: Der Begriff Mausoleum stammt vom persischen Statthalter Mausolos, der sich ein Haus für die Zeit nach dem Tod bauen ließ. Die Kinder sind überrascht, wie hell es innen ist. In der Decke befindet sich ein Fenster. „Damit die Seele zum Himmel entweichen kann”, sagt Ihlefeldt.

Am anonymen Urnengräberfeld ist den Kindern die Enttäuschung anzumerken: „Da sind ja gar keine schönen Grabsteine!” Ihlefeldt pflichtet ihnen bei. „Nach der anonymen Bestattung suchen die Angehörigen oft vergeblich die genaue Stelle, wo ihr Verwandter liegen könnte.”

Dann begegnen die Kinder Hänsel und Gretel. Der Name des Begrabenen, Engelbert Humperdinck, ist ihnen zwar neu, seine Märchenoper kennen sie. Das Werk wird im November hier sogar direkt am Grab des Komponisten aufgeführt. „Auf unserem Friedhof gibt es eben auch Musik und Theater”, erklärt der Kirchhofverwalter, der die Führungen ehrenamtlich in seiner Freizeit macht.

An Grabstätte von Friedrich Wilhelm Murnau und seinen beiden Brüdern wird es ein bisschen gruselig. Der Name des Stummfilmregisseurs sagt den kleinen Besuchern nichts. Auch seinen Filmklassiker „Nosferatu” haben sie noch nicht gesehen. Aber mit Dracula und Vampiren kennen sie sich aus. Mutig wagen sich die Kleinen die Treppe hinunter zur Gruft. „Wir gehen jetzt die Toten besuchen”, kündigt Ihlefeldt an und öffnet die knarrende Grufttür. Keiner von ihnen hat bisher einen Sarg gesehen.

Es riecht nach feuchtem Keller. Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, die von der Taschenlampe schwach erhellt wird. Drei Särge stehen nebeneinander, zwei aus Holz, einer aus Metall. Das fällt den Kindern gleich auf. Murnau, der 1931 in Kalifornien bei einem Autounfall starb, ist in einem amerikanischen Sarg bestattet und wurde erst später nach Deutschland überführt.

„Und wenn da jetzt ein Vampir rauskommt?”, fragt Lilli etwas ängstlich. Ihlefeldt versichert den Kindern, dass in Särgen keine Vampire liegen. Als alle wieder an der frischen Luft sind, schüttelt sich die achtjährige Johanna: „Ich dachte, eine Hand würde nach mir greifen!” Und Marie meint: „In einer Gruft will ich nicht bestattet werden.”

Auf dem Weg zur nächsten Station wundern sich die Kinder über die Buchstaben auf einem Grabstein - arabische Schrift. Sie erfahren, dass der Südwestkirchhof Stahnsdorf zwar der Evangelischen Kirche gehört, aber hier Menschen anderer Konfessionen ebenso bestattet sind, auch Moslems und Juden. Bei den meisten aber erkennen sie den kleinen Stern, der die Geburt anzeigt, und das Kreuz den Tod.

Die Kinder sehen sich die Grabsteine genauer an und entdecken einen abgebildeten Schmetterling. Seine Entwicklung? Die kleine Johanna kennt sie: Ei, Raupe, Kokon und dann ein neuer Schmetterling. „Ein ewiger Kreislauf, der Schmetterling ist das Symbol für den Zyklus des Lebens”, erklärt Olaf Ihlefeldt. „Das Leben fängt an, das Leben hört auf - wie im Kokon, und ein neues Leben geht los.”

Information: Südwestkirchhof Stahnsdorf, Bahnhofstraße 2, 14532 Stahnsdorf (Tel.: 03329/61 41 06, E-Mail: info@suedwestkirchhof.de)
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