Nordhausen - Kautabak und Doppelkorn: Nordhausen ist mehr als nur das Tor zum Harz

Kautabak und Doppelkorn: Nordhausen ist mehr als nur das Tor zum Harz

Von: Andreas Heimann, dpa
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Der berühmteste Nordhäuser ist ein klarer Schnaps: Eine Mitarbeiterin der Kornbrennerei zeigt verschiedene Flaschenetiketten des Unternehmens. Foto: dpa

Nordhausen. Der berühmteste Nordhäuser ist ein Schnaps. Der Korn aus der Stadt im Norden Thüringens wird seit mindestens 1507 gebrannt. Der zweitberühmteste Nordhäuser hat dunkle Locken und einen dynamisch geschwungenen Schnurrbart.

In der rechten Hand hält er ein Schwert, die linke stützt sich auf ein Schild mit Reichsadler. Und die golden schimmernde Krone passt gar nicht schlecht zum eleganten roten Mantel. Die Roland-Figur vor dem Rathaus macht noch immer einiges her. Im Mittelalter war sie ein Symbol städtischen Selbstbewusstseins. Nordhausen hatte es zu Recht.

Die Stadt, die zu den ältesten Thüringens gehört und als „Tor zum Harz” gilt, hat ihr mittelalterliches Gesicht zwar verloren. Einen Besuch lohnt sie aber noch immer - oder gerade wieder. Das gilt nicht zuletzt, seit zur Landesgartenschau vor fünf Jahren einiges für das Stadtbild getan wurde, etwa auf dem Petersberg mit den Nordhäuser Terrassengärten. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zwar weitgehend zerstört. Und der Wiederaufbau in der DDR ab 1957 hatte nicht das Ziel, das historische Erbe zu retten. Dennoch ist eine ganze Reihe von Baudenkmälern erhalten, die zeigen, wie herausragend Nordhausen einst für die Region war.

Die St. Blasii-Kirche gehört dazu. Sie fällt schon von weitem durch ihre unterschiedlichen Türme auf, die beide umzukippen drohen. Die jetzt wieder farbenfrohen Fachwerkhäuser in der Barfüßerstraße, „Deutschlands kürzester Fußgängerzone”, machen einiges her. Aber auch das Renaissance-Rathaus aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts zeigt, dass sich die Stadt, in der heute gut 44 000 Menschen leben, damals einiges leisten konnte.

Der mittelalterliche Roland ist nicht erhalten. Die Nordhäuser haben 1717 einen neuen anfertigen lassen, und auch der musste viel mitmachen. „Den Bombenangriff im April 1945 hat er noch überstanden”, sagt Dorothee Schwarz von der Stadtführer-Gilde. „Aber Wind und Wetter haben ihm so zugesetzt, dass er 1993 restauriert werden musste.” Das Original kam erst ins Museum und dann ins Vestibül des Rathauses, wo es heute noch zu besichtigen ist. An der Stelle unter freiem Himmel, an der er seinen traditionellen Platz hatte, steht nun eine Kopie aus Kunstharz, der Wind und Wetter nichts anhaben können.

Rund 25 solche Roland-Figuren gibt es in Deutschland, zum Beispiel auf dem Bremer Marktplatz. So wie Bremen freie Hansestadt war, war Nordhausen freie Reichsstadt. „Es hatte eigene hohe Gerichtsbarkeit und einen eigenen Scharfrichter”, erzählt Dorothee Schwarz. Im frühen Mittelalter war der historische Roland ein Ritter im Heer Karls des Großen. Nordhausen entstand ungefähr in dieser Zeit. Heinrich I. hatte hier im zehnten Jahrhundert schon eine Burg. Und gerne wird die Sage erzählt, dass dem sächsischen Herzog in Nordhausen die Königswürde angetragen wurde. Das nimmt Wernigerode allerdings auch für sich in Anspruch.

Fest steht, dass Heinrich tatsächlich König wurde und Nordhausen sehr schätzte. Drei seiner Kinder wurden dort geboren. Seine Frau Mathilde gründete dort 961 ein Damenstift. Zusammen mit der Königspfalz war es die Keimzelle der späteren Stadt. Die Pfalz war bei Königen und Kaisern ziemlich beliebt, inklusive bei Friedrich Barbarossa.

Ein Rundgang durch die Stadt führt entlang der Stadtmauer, vorbei am Hungerturm mit den Resten des alten Gefängnisses. Das älteste Gebäude Nordhausens ist ein früherer Getreidespeicher, der bereits 1292 angelegt wurde.

Ebenfalls weit ins Mittelalter zurück reicht die Geschichte des Doms zum Heiligen Kreuz. Der Altar ist zwar aus dem Barock und das Kirchenschiff spätgotisch. Aber die Krypta stammt noch aus der Romanik. „Es ist der älteste und auch der schönste Raum in Nordhausen”, sagt Dorothee Schwarz. Kein Kapitell der Säulen in dem schlichten, niedrigen Gewölbe gleicht dem anderen. Seinen ungewöhnlichen Namen hat die katholische Kirche von einer ganz besonderen Reliquie: einem Splitter aus dem Kreuz Christi - das war im Reliquienkult des Mittelalters praktisch nicht zu übertreffen.

Das Museum im „Tabaksspeicher” ergänzt die Eindrücke, die ein Spaziergang durch Nordhausen bietet, ideal: Unter anderem gibt es eine archäologische Sammlung. Zu sehen sind der Backenzahn eines Fellnashorns genau wie Schenkelknochen des Steppenbisons oder das Skelett einer Frau aus der Jüngeren Steinzeit. Die Ausstellung zeigt aber auch, wie die Bäckermeister im Mittelalter „kernbrot und prezzeln” herstellten, Nordhäuser Händler mit Blaudruck aus der Färberpflanze Waid viel Geld machten, oder wie Gerber und Schuhmacher zur größten Innung der Stadt aufstiegen.

Interessant ist vor allem der Ausstellungsteil zur Industriegeschichte: Die erste Tapetenfabrik Deutschlands wurde 1812 in Nordhausen gegründet - einige Tapeten aus dem 19. Jahrhundert sind im Museum noch zu sehen. Auch der Tabak aus Nordhausen hatte lange einen Namen. Tabakfabriken gab es etliche. „Echt Nordhäuser Kautabak” wurde in Tontöpfen verkauft. Um 1926 beschäftigte Grimm & Triepel, Deutschlands größte Kautabakfabrik, mehr als 730 Arbeiter. „Mein Großvater hat auch gepriemt”, erinnert sich Dorothee Schwarz.

Zigarren wie „Jägerstolz” wurden nicht nur in Nordhausen geraucht, sondern auch in Berlin oder Köln. In der DDR kam eine Reihe bekannter Zigarettenmarken aus Nordhausen: von Cabinett und Club bis f6. Das Museum lässt auch die hochprozentigen Suchtmittel nicht außen vor: Der berühmte Korn wird schon seit mehr als 500 Jahren gebrannt. Im Jahr 1726 gab es 69 Brennereien in der Stadt, 1820 kamen 40 Prozent des Branntweins in Preußen aus Nordhausen. Und noch 1948 gab es zehn Betriebe, die Schnaps produzierten. Der „VEB Nordbrand” wurde 1991 privatisiert - Nordhäuser Doppelkorn gibt es noch immer. Und anders als der Roland besteht er nach wie vor aus den Originalzutaten.

Informationen: Stadtinformation, Markt 1, 99734 Nordhausen (Tel.: 03631 - 69 67 97, E-Mail: stadtinfo@nordhausen.de), Stadt- und Gästeführer Gilde Nordhausen (E-Mail: gildemeister@gilde-nordhausen.de).
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