Saskatoon - Kanadas raue Seite: Wildwestferien in Saskatchewan

Kanadas raue Seite: Wildwestferien in Saskatchewan

Von: Chris Melzer, dpa
Letzte Aktualisierung:
Saskatchewan
Klassisches Kanada: Auf den Seen und Flüssen Saskatchewans können Urlauber wunderbar Kanu fahren. Foto: Tourism Saskatchewan/Douglas Walker/dpa

Saskatoon. Vegetarier haben in Saskatchewan wenig Spaß. In der Prärieprovinz in Kanada isst man Hamburger und Würstchen aus Bison-, Elch, Hirsch- oder Bärenfleisch, hier wird Tieren das Fell über die Ohren gezogen, um aus ihm Mokassins oder Handschuhe zu machen.

Für alle anderen ist Saskatchewan ein Geheimtipp, wo Urlauber den Wilden Westen hautnah erleben, reiten, Kanu oder Hundeschlitten fahren, vorzüglich und deftig essen und vor allem nette Menschen kennenlernen. Wenn man denn Menschen trifft.

Saskatchewan ist fast doppelt so groß wie Deutschland und hat halb so viele Einwohner wie Mecklenburg-Vorpommern. Viele sind Farmer, gut zehn Prozent der weltweiten Weizenernte kommen aus der Provinz. Ein paar sind Cowboys. Die heißen hier Wrangler und kümmern sich jeden Tag um Pferde, Rinder und Touristen.

John scheint alle Klischees eines Cowboys zu erfüllen: Sein Truck, aus dem laute Countrymusik dröhnt, ist ebenso gewaltig wie seine Sonnenbrille oder die Gürtelschnalle. Als er sich etwas behäbig hinter dem Lenkrad herausquält, fällt hinter ihm fast die Gitarre aus dem Wagen. Doch im Umgang mit den Pferden ist er ebenso sorgsam wie mit den Touristen.

„Das ist Coco”, sagt er und hilft dabei in den Sattel. „Sie ist friedlich, ihr beide werdet Euch ganz sicher vertragen.” Bis auch die anderen sitzen, dauert es ein bisschen. Aber schließlich lässt John seinen „Garfield” loslaufen, und die anderen Pferde trotten gemächlich hinterher. Anfangs ein paar bange Gesichter, aber das gibt sich bald. Die Pferde sind auf Stadtmenschen besser eingestellt als umgekehrt.

Es geht raus zu den Bisons, die im Prince Albert National Park noch in großen Herden unterwegs sind. John hat ein Auge immer bei den Touristen, das andere auf dem Boden. „Bison track”, sagt er und deutet auf eine frische Hufspur im Lehm. Wenig später bestätigt ein noch feuchter Fladen, dass die Reiter auf der richtigen Spur sind.

Das Image vom stillen, einsamen Cowboy kann falscher kaum sein. Es wird geplappert und geplappert. Man erzählt Geschichten, die man selbst erlebt hat oder die andere erlebt haben oder die auch noch nie jemand erlebt hat, die aber gut klingen. Vor allem von Bären. Etwa von der Camperin, die den Tisch deckte, und als die Familie dann kam, saß ein Bär im Campingsessel und machte sich über die Leckereien her. Oder die Touristen, die einen Bären mit den großen rosa Plastiknudeln verjagten, mit denen sie gerade zur Wassergymnastik wollten.

„Du bist im Schwarzbärland”, informiert eine Broschüre und gibt ein paar Tipps: Den Hund besser zu Hause lassen, immer nach Spuren Ausschau halten, Bären nicht provozieren und: Nicht rennen. „Ein Schwarzbär ist so schnell wie ein Rennpferd. Sie könnten ihm sowieso nicht weglaufen.”

John trabt voran und hebt die Hand. Die Gespräche verstummen, gleich ist das Grüppchen auf der Long Meadow. Gespannt schauen alle um die Büsche - und sind enttäuscht. Keine Bisons. Ein paar Rehe beäugen neugierig die Besucher, am Waldrand ist ein Hirsch zu sehen, sogar ein Stinktier wackelt durch die Wiese. Mehr Wildtiere, als die meisten je auf einem Haufen gesehen haben - aber eben keine Bisons.

Zweiter Versuch, diesmal mit dem Pferdewagen. Rancher Gord Vaadeland hat seinen Vater Reuben mitgebracht, der fröhlich vom Kutschbock lächelt. 78 Jahre alt ist er, der erste aus der norwegischen Vaadeland-Familie, der in der neuen Welt geboren wurde. „Heute klappts”, sagt er munter und rumpelt mit dem Wagen los.

Nach eineinhalb Stunden kommt die kleine Schar wieder auf der Long Meadow an - und hat wieder kein Glück. „Noch ist der Tag nicht vorbei”, murmelt Reuben und unterhält sich mit den Touristen mit ein paar Brocken Holländisch oder Deutsch oder Schwedisch oder was die Gäste sonst mal mitgebracht haben. Gord ist derweil vorausgeritten und kommt nach einer Weile im Galopp zurück: Bisons!

Vorsichtig schleicht sich die Gruppe durchs Unterholz - und plötzlich sind sie da. Wie ein schwarzer Fleck steht die Herde auf der Wiese, den Kopf gesenkt und eng beieinander. Nur ein paar Bullen blicken prüfend in die Gegend. Ein paar Kälbchen, hell- statt dunkelbraun, stehen in der Mitte. „Die Wölfe schnappen sich zuerst immer die Jungtiere”, sagt Gord. „Aber in neun von zehn Fällen haben sie Pech.”

„Bisons haben ein sehr gutes Gehör und einen noch besseren Geruchssinn”, flüstert Gord. „Aber ihre Augen sind eine Katastrophe. Nicht bewegen, ganz still!” Minutenlang grasen die Riesen mit dem gewaltigen Brustkorb friedlich in der kanadischen Prärie. Schließlich hat eines der Männchen doch genug. Langsam setzt sich die Herde in Bewegung und verschwindet im Unterholz - ohne einen Laut. „Knapp 70 Tiere, schätze ich”, sagt Gord, „höchstens 5 Männchen”.

„Die Herde hat 67 Tiere, davon drei erwachsene Männchen”, sagt Jirod Merkle ein paar Stunden später. Der Biologe der University of Laval in Quebec hat die Tiere aus dem Unterholz beobachtet. „Wir wissen erstaunlich wenig über Bisons”, sagt er. „Derzeit versuchen wir zu klären, wie gut sie Wölfe abwehren können.”

Innerhalb von zehn Jahren wuchs die Population im Park von 100 auf 400 Tiere, doch seit fünf Jahren stagniert die Zahl. „Milzbrand hat einige Tiere getötet, aber es muss noch andere Gründe geben.” Die Biologen versuchen, die Wanderung der Tiere zu erforschen. „Wir wollen im ganzen Park Kameras installieren, die eine Art Gesichtserkennung haben. Die Software kann einzelne Tiere erkennen und ihre Bewegung dokumentieren.”

Früher wurden einzelne Bisons mit Sendern ausgestattet, doch das brachte nicht viel. Außerdem war es nicht so einfach, die Sender anzubringen oder wieder zu entfernen. „Einmal klappte der Schuss mit dem Narkosegewehr nicht”, sagt Gord augenrollend. „Wir sind der Kuh dann den ganzen Tag im Sattel hinterher. Es waren gut 60 Kilometer.”

Die Bisons sind der Stolz des Nationalparks. Wem das noch nicht Kanada genug ist, der kann in Saskatchewan auch Hundeschlitten fahren. Bradley Muir bietet an der Ostseite des Parks Touren von einer Stunde oder auch ein paar Tagen an. Er hält die komplette Ausrüstung bereit, inklusive Daunenjacken. „Die Touristen sitzen im Schlitten, und der Führer steht hinten und lenkt. Und wenn unsere Gäste sich das eine Stunde angeschaut haben, ist Wechsel.” Dann lenkt der Besucher selbst.

Das heißt, das Lenken übernimmt eigentlich der leading dog. Der läuft ganz vorn rechts, manchmal sind es aber auch zwei oder gar vier Führungshunde. Auf ein kurzes „Ha!”, das ist auf der ganzen Welt gleich, steuert der leading dog nach links, wer nach rechts will, muss „Gee!” rufen. Das ist alles, Zügel gibt es ebenso wenig wie Lenker, nur eine Peitsche, die aber nicht benutzt wird. Entsprechend teuer sind die Führungshunde. Ein guter Husky kostet 800 oder 1000 Dollar (umgerechnet rund 580 bis 724 Euro), ein leading dog ist doppelt so teuer. Auch die Schlittenfahrt für Touristen ist nicht billig: Die Zwei-Tage-Tour mit allem Drum und Dran kostet 500 Dollar (rund 362 Euro).

Gemächlicher geht es bei Morris McLachlan zu. Sein Vater holte früher mit Booten im Winter Eis aus dem See und verkaufte es im Sommer. Als in den 1970er Jahren auch in diese Gegend Strom und Kühlschränke kamen, transportierte die Familie statt Eis zunächst Parkranger und schließlich Touristen.

„Ich habe hier Menschen aus der ganzen Welt in meinem kleinen Boot”, sagt Morris. Er freut sich über jeden, der aus einem Land kommt, das er noch nicht in seiner Sammlung hat. Die meisten Touristen kämen aus Kanada. „Aber es reisen doch immer wieder Leute 10 000 Kilometer weit, nur um hier unsere Natur zu bestaunen. Da muss man doch gastfreundlich sein.”

Und so zeigt er den Fremden die Pelikane, die hier zu Tausenden brüten, und die Loons. Diese Eistaucher können 60 Meter tief tauchen. Er zeigt Biberburgen, deren Bewohner das Boot kurz betrachten, bevor sie mit einem lauten Schlag ihres breiten Schwanzes verschwinden. „Der große Baum dort rechts, ein paar Meter unter der Krone”, dirigiert Morris die Blicke zu einem gewaltigen Adlerhorst. „Darf ich mal”, sagt er und hakt sich bei einem Mann unter. Dann breiten beide die Arme aus und kommen auf gute drei Meter. „Das ist die Spannweite eines Adlers. Und entsprechend groß ist das Nest da oben.”

Angeln ist erlaubt. Zander und Hecht sind am beliebtesten, und hier weiß jeder, wie man sie zubereitet. Auch gewaltige Forellen ziehen manche aus dem See. „Wer angelt, um die Natur zu genießen und sich dann ein Abendbrot zu grillen, ist willkommen”, sagt Morris. „Aber Sportangler, die einfach nur den größten, schwersten, längsten Fisch wollen, passen nicht hierher.”

Morris bietet sogar Heiraten auf dem See, aber am wichtigsten ist ihm das Naturerlebnis. Das funktioniert allerdings mit High Tech: „Wir haben eine Unterwasserkamera, mit der wir zeigen können, was im See los ist. Und das ist eine Menge!” Er hat auch ein Richtmikrofon: „Damit hört man sogar das Abreißen der Halme, wenn das Wild am Ufer grast. Wir können ganz dicht dabei sein, ohne die Tiere zu stören.”

Dicht ran darf man sowieso nicht, nicht einmal das Einsammeln der Adlerfedern ist erlaubt. Es sei denn, man gehört zu den First Nations. Die Indianer gaben dem „See der hängenden Herzen” schließlich auch seinen Namen: „Wenn sie ein Tier erlegten, dankten sie ihm, dass es sie ernährte. Ein Stück des Herzens hängten sie dazu hier an die Bäume am See.” Kein Land für Vegetarier.

Anreise: Saskatoon, die größte Stadt der Provinz, und Regina, die Hauptstadt, haben internationale Flughäfen. Direktflüge aus Europa gibt es nicht. In der Regel gehen die Flüge über Toronto oder Montreal oder Minneapolis und Denver in den USA.

Unterkunft: Saskatchewan ist keine typische Urlauberregion. Die wenigen Hotels sind in der Regel teurer als in den USA. Empfehlenswert sind Motels oder Bed & Breakfest, unter 100 Dollar sind in der Saison aber nur wenige Zimmer zu bekommen.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist der Sommer - und der beschränkt sich auf Juli und August. Das Wetter ist sehr wechselhaft: Wenn es morgens eiskalt ist, kann trotzdem am Mittag Hochsommer sein. Der Winter ist malerisch in Saskatchewan, aber die abgeschiedene Region wird dann noch unwegsamer.

Geld: 1 Euro ist derzeit rund 1,36 Kanadische Dollar wert (Stand: 12. September 2011). Geld bekommt man an vielen Automaten auch mit deutschen EC-Karten. Auf alle Preise kommen noch die Steuern, in der Regel rund 10 Prozent. Trinkgelder gibt man wie in den USA: etwa 15 Prozent.

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