In der Spur der Väter: 90 Kilometer Wasalauf in Schweden

Von: Daniel-Patrick Görisch, dpa
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Durch eine tief verschneite Landschaft: Der Wasalauf lockt Freizeitsportler jedes Jahr Anfang März in die schwedische Provinz Dalarna. Foto: dpa

Mora. Beim längsten Langlaufrennen der Welt werden am 7. März 2010 wieder etwa 47.000 Ausdauersportler in Mora in Schweden erwartet.

Der 90 Kilometer lange Wasalauf ist der Höhepunkt eines über zehn Tage gestreckten Großereignisses mit verschiedenen Läufen. Auch Nicht-Profis können auf der berühmten Strecke dabei sein.

Seine Gesichtszüge sind so rau wie die Landschaft in der Provinz Dalarna im tief verschneiten Mittelschweden. Mit zittrigen Händen nippt Gabriel Torenfält an der heißen Blaubeersuppe. Am Wegesrand in tausenden Pappbechern gereicht, lässt sie die Augen von müden Langläufern glänzen. Gabriel ist 87 Jahre alt, 2009 war er der älteste Wasalauf-Teilnehmer. „Man muss kämpfen. Komm ins Ziel oder stirb”, sagt er mit dünner Stimme. Er will 2010 wieder dabei sein.

Die Wettkampfwoche ist diesmal vom 26. Februar bis 7. März angesetzt worden. In neun Läufen fiebern die Teilnehmer dem Holztor auf der Hauptstraße des Städtchens Mora entgegen. Dessen Inschrift lautet: „In der Spur der Väter, für die Siege der Zukunft”. Nur wer beim Hauptlauf der Profis teilnehmen will, muss Mitglied eines Skiclubs sein. An den Start gehen bis zu 15.800 Läufer. Dem Sieger winken 75.000 Kronen, umgerechnet etwa 7350 Euro. Profis wie der Sieger von 2009, Daniel Tynell aus Schweden, sind vier Stunden unterwegs. Das Gros läuft nach etwa acht Stunden in Mora ein.

An den zwei Tagen der „Öppet Spår” genannten Jedermannläufe dürfen alle ab 17 Jahren starten, die sich die 90 Kilometer zutrauen. Doch Vorsicht: Das Gelände ist bergig, und es kann kalt werden. Minus 15 Grad sind nicht selten. Die Veranstalter empfehlen mindestens 500 Skikilometer in der Saison als Vorbereitung, genügend Schlaf sowie reichlich Kohlenhydrate. Gelaufen wird im klassischen Stil - der Schlittschuhschritt ist verboten, mit Ausnahme der Skating-Rennen über 30 und 45 Kilometer.

Wer als Jogger und Gelegenheitslangläufer das Abenteuer erleben möchte, startet am besten beim „Halvvasan” über 45 Kilometer. Das Rennen ist entspannter und das Flair ganz ähnlich, wenn von Oxberg aus 5000 Teilnehmer auf die halbe Strecke gehen.

„Der Vasaloppet ist eine Lebenseinstellung”, meint die Teilnehmerin Gertrud Sandborg. Nach der Abfahrt von Vasslan, dem spannendsten Beobachtungspunkt an der Strecke, schiebt ihr Ehemann Gunnar ein Schinkenbrot in den Mund. Das Ärztepaar aus Askersund rät: „Man muss ständig essen, sonst schafft man es nicht.”

Mit dem Wasalauf feiert Schweden sein größtes Sportfestival: Etwa 300.000 Skiläufer und Zuschauer zieht es dafür in die abgeschiedene Waldregion am Siljansee, wo Elche und Bären leben. Die Hotels sind ausgebucht, die Woche beschert der Region einen Wirtschaftsschub. Familien vermieten ihre Häuser, Hunderte Sportler übernachten in Turnhallen. Wer es ruhiger mag, mietet ein Holzhaus im 30 Kilometer nördlich gelegenen Orsa. Auch für Wintercamper ist dort Platz.

164 Euro kostet die Teilnahme bei der Anmeldung. Kurz vor der Wasawoche werden die Preise erhöht. Dafür gibt es perfekt präparierte Loipen und an den Verpflegungsstationen einen Wachsservice für die Ski, Brot und literweise Blaubeersuppe. 3500 Helfer packen mit an. Im Messezelt von Mora gibt es die Startnummern und eine Infomappe mit Aufklebern für die Ski sowie dem Chip für die Zeitwertung. Fans und Verwandten macht er das Mitfiebern von zu Hause möglich: Wer die Startnummer eines Teilnehmers kennt, kann im Internet seine Rennposition verfolgen.

Hunderte Pendelbusse bringen die Läufer am Renntag von Mora zum Start. Kurz vor dem Startschuss packt jeder die Kleider, die er über der Rennmontur getragen hat, in einen Sack. Tieflader transportieren sie dann zu den Massenduschen am Ziel. Neben dem winddichten Blouson gehören Mütze und Sonnenbrille sowie eine Gürteltasche für Kraftriegel und Wasser zur Standardausrüstung.

In Moras Sportläden können die Teilnehmer ihre Bretter präparieren lassen - am besten am Tag vor dem Lauf, denn die Profis passen das Wachs der aktuellen Schneebeschaffenheit an. Mit den in Deutschland häufig verkauften Schuppen-Ski sei man beim Wasalauf aber schlecht beraten, sagt Markus Berndt, ein Auswanderer aus Oranienburg, der seit zwei Jahren im Wasa-Team arbeitet. Denn diese Ski laufen nur bei Temperaturen nahe am Gefrierpunkt. Markus Berndt hilft deutschen Startern auch gerne bei Verständigungsschwierigkeiten.

Die Wasalauf-Tradition in Dalarna begann 1922. Die Zeitung „Vestmanlands Läns Tidning” hatte damals zu einem Gedenklauf für den Freiheitskämpfer und späteren schwedischen König Gustav Vasa aufgerufen. Der hatte im 16. Jahrhundert gegen die Dänen gekämpft und war vor ihnen von Mora aus in die Berge geflüchtet. Von einem Blutbad der Dänen aufgerüttelt, schickten die Leute von Mora ihre schnellsten Männer hinterher. Lars und Engelbrekt hießen die beiden Skiläufer, die den Mann zurückholten, der Schweden befreien sollte. Sie fanden ihn 90 Kilometer entfernt in Sälen. Das Wasalauf-Museum in Mora erzählt diese Geschichte, gleich davor liegt heute der Zieleinlauf.

Die meisten Sportler in der „Öppet Spår” haben das Tor längst erreicht, wenn sich die Sonne senkt. Mancher hat aufgegeben, ganz harte Knochen stapfen weiter durch die kalte Nacht. Die Partymusik an der Loipenautobahn auf Moras Hauptstraße ist aus. Skogs Gunnar aus Lappland packt seinen Stand mit dem Bärenfleisch zusammen. Nach mehr als zehn Stunden biegt Gabriel Torenfält auf die Zielgerade ein, vorbei an der Kirche, wo die Kranskulla gesegnet wird. Das ist jene schwedische Dame, die dem Sieger im Profirennen den Ehrenkranz um den Hals wirft. Viel Publikum hat Gabriel um diese Zeit nicht mehr, aber auch im kommenden Jahr will er sich beweisen, dass er noch lebt.

Wasalauf in Schweden

Anmeldung: Zum Wasalauf anmelden können sich Wintersportler online unter www.vasaloppet.se sowie im Wasalaufhaus, SE-79232 Mora (Tel. von Deutschland: 0046/250/392 00, E-Mail: info@vasaloppet.se).

Vorbereitung:Der Autor hatte sich als Langlaufanfänger für den 45 Kilometer langen „Halvvasan” angemeldet. Zur Vorbereitung kaufte er sich ein halbes Jahr vor dem Wettkampf ein Schuppen-Ski-Set und trainierte fünf Tage im Schwarzwald, etwa 100 Trainingskilometer in der Saison. Wegen Schneemangels mussten zweimal wöchentlich Jogging und Inlineskating in den zwei Monaten vor dem Wettkampf ausreichen. Er war fünf Stunden und 23 Minuten lang unterwegs. Die Unterarme und Knie schmerzten, 2500 Starter waren schneller - aber er war dabei.

Anreise:Teilnehmern wird empfohlen, eine Woche vor dem Lauf anzureisen, um sich mit dem Klima anzufreunden. Ein Auto ist am Ort hilfreich, daher kommen viele Deutsche auch im Winter mit dem eigenen Wagen. Mietwagen gibt es am Flughafen in Mora. Direktflüge nach Stockholm bieten von deutschen Flughäfen die skandinavische SAS sowie Lufthansa an. Von Stockholm nach Mora fliegt täglich Netjets.

Unterkunft:Hütten für vier Personen im nördlich gelegenen Ort Orsa kosten in der Wasalaufwoche etwa 7800 Kronen (etwa 765 Euro). In der übrigen Zeit sind sie ab 495 Kronen (etwa 48 Euro) zu bekommen.

Informationen:Touristenbüro Mora, Strandgatan 14a, SE-79230 Mora (Tel. von Deutschland: 0046 - 250 - 59 20 20, E-Mail: mora@siljan.se).
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