Im Sommer den zweiten Frühling erleben

Von: Dagmar Thiel, ddp
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Blauer-Mohn-Weg im Botanischen Garten Refords Garten in Grand-Metis in Kanada. Elsie Reford legte den wohl schönsten botanischen Garten in Nordamerika an. Er findet sich dort, wo ihn keiner vermutet: 350 Kilometer nordöstlich von Quebec-City im wilden Niemandsland der kanadischen Halbinsel Gaspesie. In dem kleinen Ort Grand-Metis am Sankt-Lorenz-Strom befinden sich die Jardins de Metis, nach ihrer Gründerin auch Reford Gardens genannt. Im rauen maritimen Klima der Gaspesie wachsen auf 36 Hektar heute über 3000 Pflanzenarten und -sorten aus aller Welt, darunter auch sehr seltene Exemplare. Foto: ddp

Québec. Inmitten der Gehölze verführt ein Fernrohr den Betrachter. Der Blick hindurch zeigt das Schwarz-Weiß-Foto einer aparten Frau, die sinnierend ins Grüne sieht. Obwohl die Grande Dame der kanadischen Gartenkunst bereits seit 42 Jahren tot ist, bleibt nicht nur ihr Bild, sondern auch ihr Vermächtnis allgegenwärtig: Elsie Reford legte den wohl schönsten botanischen Garten in Nordamerika an.

Er findet sich dort, wo ihn keiner vermutet: 350 Kilometer nordöstlich von Québec-City im wilden Niemandsland der kanadischen Halbinsel Gaspésie.

In dem kleinen Ort Grand-Métis am Sankt-Lorenz-Strom befinden sich die Jardins de Métis, nach ihrer Gründerin auch Reford Gardens genannt. Im rauen maritimen Klima der Gaspésie wachsen auf 36 Hektar heute über 3000 Pflanzenarten und -sorten aus aller Welt, darunter auch sehr seltene Exemplare.

1886 erwarb Lord George Stephen, der erste Präsident der Eisenbahngesellschaft Canadian Pacific Railway, das Land und errichtete sich hier eine luxuriöse Lodge zum Angeln.

Die Gaspésie zählte einst zu den beliebtesten Sommerferiengebieten der anglo-kanadischen Bourgeoisie. 1918 schenkte Stephen, der zu den zehn reichsten Männern der Welt zählte, das Anwesen seiner Nichte Elsie Reford.

Sie verwandelte das bis dahin unberührte Stück Natur in eine bezaubernde und höchst abwechslungsreiche Gartenlandschaft.

Elsie Reford begann mit der Anlage des Gartens im Sommer 1926 mit 54 Jahren. „Sie war immer sehr an Natur interessiert, brachte sich die Gartengestaltung aber selbst aus Büchern bei”, sagt ihr Urenkel Alexander Reford, der das Familienerbe heute verwaltet.

Elsie Reford reiste mit dem Schiff 50 Mal nach England, um sich über Botanik und britische Gartengestaltung zu informieren. „Wenn man bedenkt, dass eine Überfahrt damals sieben Tage dauerte, war sie insgesamt ein Jahr auf den Schiffen unterwegs”, sagt Alexander Reford.

Aus der ganzen Welt holte seine Urgroßmutter Blumen und Gehölze in den Osten Kanadas. So führte sie auch neue und außergewöhnliche Pflanzenarten ein, darunter den extrem seltenen Blauen Mohn aus dem Himalaja, heute die Symbolblume des Gartens. 1967 starb die Gründerin mit 96 Jahren.

Besucher aus Europa können in den Jardins de Métis im französischsprachigen Québec im wahrsten Sinne des Wortes einen zweiten Frühling erleben: Viele in Europa heimischen Pflanzen brachte Elsie Reford hierhin, wegen des kalten Klimas ist die Natur aber etwa sechs Wochen zurück.

So zeigen auch die Pfingstrosen bei einem Besuch Anfang Juli erst ihre harten grünen Köpfe, während sie bei der Abreise zu Hause bereits verblüht waren.

Das extreme Klima vertragen die Pflanzen erstaunlich gut. Von November bis Mai liegt in der Gaspésie eine vier Meter hohe geschlossene Schneedecke, Temperaturen von minus 35 Grad sind keine Seltenheit.

„Der Schnee schützt die Pflanzen vor dem Frost”, sagt Alexander Reford. Darunter sei der Boden oftmals nicht einmal gefroren, so gut isoliere die weiße Pracht, erklärt der Historiker das Mikroklima.

Stolz ist Reford insbesondere auf die weltweit größte Population des Blauen Mohns in Grand-Métis. Ein imposantes Feld blauer Blüten schimmert durch die Blätter der hohen Bäume. Die Mitarbeiter der Reford Gardens gewinnen hier Samen der schattenliebenden und schwer zu züchtenden Blume.

Die englisch anmutende Anlage ist in zahlreiche themenbezogene Flächen unterteilt: Primelgarten, Holzapfelgarten, Allee der Azaleen, Moosgarten oder Enzian-Weg mit allein 3000 Enzian-Pflanzen. Hinzu kommen verwilderte, von Bächen durchzogene und nur über Holzstege zu erreichenden Areale.

Die ursprüngliche Natur Ostkanadas wurde bewusst in die Konzeption einbezogen. Und so überzeugen die Reford Gardens als gelungener Mix aus Verwilderung und klarer Struktur.

Heute finden sich hier nicht nur die Blumen von Elsie Reford, mit den Jahren haben Gartenarchitekten das Sortiment erweitert. Für neue Impulse sorgt vor allem das alljährliche International Festival of Gardens, in dem Künstler, Garten- und Landschaftsarchitekten aus aller Welt gestaltete Landschaften, Skulpturen und Kunstwerke präsentieren.

„Durch dieses Festival wird der Garten ständig erweitert, die Künstler bereichern ihn und zeigen immer neue Blickwinkel auf die Natur”, sagt Alexander Reford. Über 200 Künstler haben in den vergangenen zehn Jahren die Gärten gestaltet, manche Arbeiten sind geblieben und überraschen die Besucher beim Rundgang.

Seit 2006 ist hier auch der „bois de biais” zu sehen, eine künstlerisch gestaltete Gartenparzelle der Berliner Gartenarchitekten Véronique Faucheur, Marc Pouzol und Marc Vatnel vom „atelier le balto”.
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