Ribe - Im Land der „Schwarzen Sonne” - Nationalpark dänisches Wattenmeer

Im Land der „Schwarzen Sonne” - Nationalpark dänisches Wattenmeer

Von: Juliane Matthey
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Dänemark
Stare versammeln sich in Schwärmen über der Marsch. Seit einem halben Jahr ist das dänische Wattenmeer Nationalpark. Foto: VisitDenmark/Bjoern Thunaes

Ribe. Für Klaus Melbye ist das Wattenmeer eine der schönsten Landschaften der Welt: Der große Himmel, die Weite, die Tiere, die man auf vielen Kilometern beobachten kann. Vor allem die Vögel, Hunderttausende, Millionen. „Da fühlt man sich als Mensch ganz klein”, sagt Melbye.

Der Naturführer sitzt in einem Schulungsraum des Dänischen Wattenmeerzentrums südlich von Ribe und schwärmt vom Wattenmeer, dieser einzigartigen Landschaft zwischen den westfriesischen Inseln und der dänischen Ho-Bucht. Zweimal am Tag zieht sich die See hier kilometerweit zurück und gibt den Meeresboden frei, mit allem, was auf ihm lebt. Der ideale Lebensraum für Wasservögel: Jedes Jahr machen etwa zwölf Millionen von ihnen auf ihrem Zug zwischen Nordeuropa und Afrika im dänischen Wattenmeer Rast.

Während im deutschen Wattenmeer bereits seit über 20 Jahren Nationalparks existieren, hat das dänische erst seit einem halben Jahr diesen Status: Im Oktober wurden das Watt und das angrenzende Marschland zum dritten und größten dänischen Nationalpark ernannt. Das solle bei Besuchern das Bewusstsein wecken, „dass wir hier etwas ganz Besonderes haben”, sagt der Naturführer des Wattenmeerzentrums. In Sachen Naturschutz änderte sich nichts - geschützt waren Watt und Marsch ohnehin schon nach nationalem und EU-Recht. Es könne höchstens sein, dass künftig mehr Besucher kommen, schließlich seien Nationalparks Touristenmagneten, sagt Melbye.

Vögel bieten ein spektakuläres Schauspiel

Das dänische Wattenmeer ist reich an Attraktionen. Die wohl spektakulärste ist die „Schwarze Sonne”, Dänisch „Sort Sol”, deren Hauptdarsteller Millionen von Staren sind. Im März und April gastieren sie hier, bevor sie weiterziehen in den Süden. Eine der besten Regionen, um „Sort Sol” zu beobachten, ist Tønder an der deutsch-dänischen Grenze. Hier finden wir uns zwei Stunden vor Sonnenuntergang ein.

Wo genau die Stare ihr Gastspiel geben, können nur Experten voraussagen. Und auch sie liegen nicht immer richtig. „Wir beobachten die Vögel jeden Tag und haben eine Idee, wo sie schlafen gehen”, sagt Flemming Juhl, einer der vielen privaten Naturführer, die im Nationalpark Touren anbieten. „Aber vielleicht gehen sie doch woanders hin. Das ist Natur, da kann man nichts machen.”

Heute kann man die Stare am besten auf der anderen Seite der Grenze sehen. Über den Marschwiesen am nördlichsten Zipfel Deutschlands stehen wir deshalb kurz darauf auf einem Deich, blicken über das Röhricht und warten. 300.000 Stare sind es wohl heute, schätzt Flemming. An guten Tagen sollen es über eine Million sein, die etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang ihr Schauspiel beginnen: Erst kommt eine kleine schwarze Wolke in schnellen Kurven herangeflogen, dann eine zweite, die Wolken werden größer und dichter, bis der Schwarm so groß ist, dass er die Sonne verdunkelt.

Was aussieht wie ein Kunststück zur Belustigung der menschlichen Zaungäste, ist bitterer Ernst: Die Stare stieben auf der Flucht vor Raubvögeln auseinander, die in den Schwarm hineinstürzen. Zehn bis 20 Minuten geht es so, dann senkt sich die schwarze Wolke hinab ins Schilf, wogt noch ein paar Mal auf, bevor es ruhig wird - optisch zumindest, denn vor der Nachtruhe brandet noch einmal ohrenbetäubendes Gekrähe auf.

Austern wurden aus dem Nordpazifik eingeschleppt

Am nächsten Morgen fahren wir an flunderplatten Feldern vorbei, auf denen Schafe grasen. Auf der anderen Seite gibt das Meer gerade wieder seinen Boden frei, so dass man für ein paar Stunden auf ihm spazieren gehen kann - zum Beispiel zum Austern suchen, einer der liebsten Wattaktivitäten der Dänen.

Schon vom Strand aus kann man die Bänke sehen: kleine schwarze Inseln, die aus dem Watt emporragen. Die Austern stammen ursprünglich aus dem Nordpazifik. Als blinde Passagiere kamen sie in Schiffen nach Dänemark. Schon früher gab es hier Austern, erzählt Flemming; in den 1930ern aber starben sie aus, als niemand Zeit hatte, die im Winter erfrorenen Muscheln zu ersetzen.

In Gummistiefeln waten wir durch Schlick und Pfützen, suchen nach lebenden Austern, die zuschnappen, als sie unsere Schritte spüren. Flemming knackt eine von ihnen mit dem Taschenmesser und reicht sie herüber. Der Glibber schmeckt nach purem Salz, Sand knirscht zwischen den Zähnen - geschmacklich lohnt es sich in jedem Fall, auf den Grill zu warten, den Flemming am Strand entfacht hat.

Die Austern-Saison dauert von Oktober bis April, gesammelt wird aber das ganze Jahr über. Am liebsten würde man die eingeschleppte Art wieder loswerden, bevor sie die Miesmuscheln verdrängt, sagt Flemming. Denn viele Zugvögel ernähren sich von Miesmuscheln. „Aber hier ist Vogelschutzgebiet, da darf man nichts machen.”

Die Natur sei im Gleichgewicht, heißt es im Wattenmeerzentrum. Ein Management nicht notwendig. Zugute kommt der Region, dass sie weitaus weniger dicht besiedelt ist als das deutsche oder niederländische Wattenmeer: „An 100 Kilometern Küste leben nur 200.000 Menschen; es gibt keine großen Städte und keine Industrie”, sagt Naturführer Klaus Melbye. Wer hier hinaus ins Watt geht, sieht schon bald nichts mehr als schlickbraune Unendlichkeit.

Fette Seehundleiber verschwinden im fernen Dunst

Das vielleicht sichtbarste Zeichen für das Gleichgewicht der Natur sind die Seehunde. Einst waren sie fast ausgerottet, jetzt liegen sie wieder zu Hunderten fett und zufrieden auf den Sandbänken: 3.000 Seehunde gibt es heute im dänischen Wattenmeer. Besonders gut beobachten kann man sie rund um die Inseln Rømø und Langli sowie vor Mandø, das ganz in der Nähe des Wattenmeerzentrums liegt. Bei Ebbe tuckern regelmäßig Traktorbusse vom Zentrum hinüber zu der winzigen Insel, von der aus man den Seehundbänken bis auf wenige hundert Meter entgegenstapfen kann.

Heute aber bleiben die Robben lieber fern und verstecken sich im Dunst. Wie hatte Flemming Juhl gesagt? Das ist Natur, da kann man nichts machen. Und auch Klaus Melbye betont: „Die Natur setzt das Programm.” Wer das verstanden hat, der ist für Erlebnisse wie die „Schwarze Sonne”, die zuschnappende Auster und die fernen fetten Seehundleiber auf den Sandbänken umso dankbarer.
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