Hollywood in Babelsberg - Potsdam feiert sich als Stadt des Films

Von: Andreas Heimann, dpa
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Hollywood in Babelsberg - Potsdam feiert das Jahr des Films
Erst eine Orangerie, dann ein Pferdestall: Das Filmmuseum Potsdam ist in einem eindrucksvollen Gebäude mit langer Geschichte beheimatet. Foto: dpa

Potsdam. Potsdam feiert das „Jahr des Films”. Gründe dafür gibt es genug: Der Filmpark Babelsberg wird 20, das Filmmuseum 30 Jahre alt. Und die Anfänge der Filmindustrie liegen sogar ein Jahrhundert zurück: 1911 wurde in Babelsberg der Grundstein für das erste Filmstudio gelegt.

Hollywood feiert 100 Jahre Traumfabrik: 1911 eröffnete im fernen Kalifornien das erste Filmstudio. Im gleichen Jahr wurde aber auch in Babelsberg vor den Toren Berlins der Grundstein für das erste Studio gelegt. Bis zum ersten Drehtag für den Stummfilm „Totentanz” dauerte es zwar noch bis zum Februar 1912, aber Potsdam feiert sich bereits in diesem Jahr als „Stadt des Films” und hat zu diesem Anlass nicht nur Filmfans einiges zu bieten. Jubiläen stehen auch im Filmmuseum an, das 30 Jahre alt wird, und im Filmpark, der 20. Geburtstag feiert.

Babelsberg, heute ein Stadtteil von Potsdam, war vor dem Ersten Weltkrieg ein Nest, ruhig und abgeschieden. Bei Dreharbeiten in Berlin war es zuvor mehrfach zu Bränden gekommen. „Die Studios mussten wegen der Feuergefahr raus aus der Stadt”, erzählt die Medienwissenschaftlerin Prof. Elizabeth Prommer, die das Projektbüro „Stadt des Films” leitet. Und so fiel die Wahl auf Babelsberg. Die Filmstudios dort sind inzwischen international gefragt. Quentin Tarantino hat hier genauso gedreht wie Roman Polanski.

Der Potsdam Tourismus Service hat rechtzeitig zum „Jahr des Films” eine neue geführte Tour unter dem Titel „Facetten einer Filmstadt” konzipiert. Sie zeigt Besuchern unter anderem den Filmpark und die Villenkolonie Neubabelsberg, in der UFA-Stars wie Marika Rökk oder Brigitte Horney zu Hause waren. Eine Stadtführung durch die Villenkolonie gibt es bereits seit längerem. Norma Kühl ist in Babelsberg zu Hause, sie hat schon viele solcher Führungen gemacht und kennt die Geschichte der Gründerzeitbauten.

Im Kaiserreich zog in die Villen mit Blick auf den Griebnitzsee, wer Geld hatte und große Gärten schätzte. „Künstler, Wissenschaftler, Bänker, Anwälte”, zählt Norma Kühl auf. Die Architekten hatten oft freie Hand. Gustav, der Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal, ließ sich ein Haus bauen, das mit seinen Zinnen und Türmchen eher wie eine Burg aus einem Disney-Film wirkt und später als „Gästehaus der Ufa-Stars” bekannt wurde. Viele Schauspieler von Hans Albers bis Heinz Rühmann haben dort gewohnt, während sie in Babelsberg drehten.

Die Schauspielerin Brigitte Horney besaß ein nicht ganz so protziges Haus am Johann-Strauß-Platz. Erich Kästner schrieb dort 1941 das Drehbuch für den Ufa-Film „Münchhausen” - in dem Hans Albers die Hauptrolle spielte. Am schönsten aber findet Norma Kühl die Villa Sarre, die sich Friedrich Sarre, Leiter der Islamischen Sammlung im Berliner Bodemuseum, bauen ließ - inklusive einer Kopie des Löwenfrieses am Ischtar-Tor von Babylon. Das Haus liegt hoch oben und schaut auf Babelsberg hinab.

Während der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 wohnten auch die „Großen Drei” in Babelsberger Villen: Der amerikanische Präsident Harry S. Truman residierte im „Little White House”, das heute der Friedrich-Naumann-Stiftung gehört. Winston Churchill war im heimeligen Sommerhaus eines Bankiers untergebracht, das Ludwig Mies van der Rohe entworfen hatte. Stalins Villa hatte nicht ganz so viel Stil.

Wo heute das Filmmuseum Potsdam zu Hause ist, standen erst Blumentöpfe und dann Pferde: Das barocke, 1685 erbaute Gebäude diente zunächst als Orangerie, später als Marstall für preußische Gäule. Friedrich der Große ließ es so umbauen, wie es heute aussieht. Das Filmmuseum ist erst seit 30 Jahren dort untergebracht. Und weil seine Geschichte in die DDR zurückreicht, ist der Bestand an Exponaten zu DEFA-Filmen besonders groß.

Das Filmmuseum hat ein eigenes Kino mit 135 Plätzen. Zu Stummfilmen spielt eine mehr als 80 Jahre alte Kinoorgel. Ursprünglich hat sie in einem Chemnitzer Kino die Filme untermalt, bis sie im Zeitalter des Tonfilms überflüssig wurde. Inzwischen restauriert, imitiert sie wieder Donnergrollen und Paukenschläge, Glockenklang und Lok-Pfiffe - oder bringt Instrumentalmusik, passend zur Handlung des Films. Die Welte-Kino-Orgel ist eine von nur noch vier Exemplaren in Deutschland.

Eine neue Dauerausstellung ist für 2012 geplant. In der jetzigen sind Exponate rund um den Film zu sehen: ein Kleid Zarah Leanders, Polanskis Regiestuhl oder ein Toupet von Hans Albers. Auch Originalrequisiten aus „Operation Walküre”, dem Film mit Tom Cruise über das Stauffenberg-Attentat, werden gezeigt. Mehr als eine Million Fotos gehören zum Bestand, dazu eine Technik-, eine Plakat- und eine Kostümsammlung.

Eine Sonderausstellung, die noch bis zum 3. Juli zu sehen ist, widmet sich Polanskis Filmen, der gleich zweimal in Babelsberg gedreht hat: „Der Pianist” und „Ghostwriter”. Und oben unter dem Dach gibt es eine Sandmännchen-Ausstellung für die jüngsten Besucher. Das Sandmännchen ist schließlich Babelsberger.

Ein Ausflugsziel nicht nur für Cineasten ist der Filmpark Babelsberg - nahe des Geländes, wo mit der Grundsteinlegung fürs erste Babelsberger Studio alles begann. Die benachbarten Filmstudios sind nicht zu besichtigen. Viele Fans der Soap „Gute Zeiten schlechte Zeiten” (GZSZ) kommen dennoch, um das Außenset anzusehen und mit etwas Glück einen Blick auf die Dreharbeiten zu werfen.

Außerdem gibt es zum Beispiel ein „4D-Kino”, in dem täglich drei verschiedene Filme gezeigt werden, und eine Stuntshow, in der eine professionelle Stuntcrew filmreife Action zeigt. Neu in diesem Jahr ist die „Blaue Kugel”, in der Sabine Christiansens Talkshow gedreht wurde und in der nun ein „Erlebniskino” einzieht, bei dem die Zuschauer in die Handlung eingreifen können.

Rund 300.000 Besucher kommen jedes Jahr, sagt Gabriele Stegner vom Filmpark Babelsberg, darunter viele Familien. Eine überdimensionale Tigerente von Janosch steht am Wegrand. Und „Panama” heißt auch das Kinderland, wo die jüngsten Besucher toben oder Boot fahren können. Eltern, die keine Antwort auf die Frage „Wie geht eigentlich Fernsehen?” wissen, können ihren Nachwuchs ins „Fernsehstudio” des Filmparks schicken.

Dort wird gezeigt, wie man ins Fernsehen kommt - und wer mag, kann das in einer kleinen Rolle gleich selbst ausprobieren. Das sind vielleicht nicht die Szenen, an die man sich in 100 Jahren noch erinnern wird - aber beim Fernsehen geht es ja auch nicht um Filmkunst für die Ewigkeit.

Informationen: Potsdam Tourismus Service, Tel.: 0331/27 55 88 99.
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