Ischgl - Hoch oben über Ischgl genießen Tourenskifahrer die einsamen Gipfel

Hoch oben über Ischgl genießen Tourenskifahrer die einsamen Gipfel

Von: Jochen Hägele, ddp
Letzte Aktualisierung:
Ischgl Tirol Ski
Hoch oben über Ischgl genießen Tourenskifahrer die einsamen Gipfel. Foto: ddp

Ischgl. Es ist kurz nach sechs - und Richards lang gezogenes „Morgen. Wollen wir aufstehen?” lässt keine Widerrede gelten. Die vier Gestalten, die sich im Matratzenlager aus den Schlafsäcken quälen, wollten es ja schließlich auch nicht anders.

Es ist kurz nach sechs - und Richards lang gezogenes „Morgen. Wollen wir aufstehen?” lässt keine Widerrede gelten. Die vier Gestalten, die sich im Matratzenlager aus den Schlafsäcken quälen, wollten es ja schließlich auch nicht anders. Gerade beginnt Tag zwei des fünftägigen Skitourenkurses auf der Heidelberger Hütte, 2264 Meter hoch in der Silvrettagruppe gelegen. Aus dem Dachfenster geht der Blick über blau schimmernde Berggipfel.

Zwei Tage vorher standen etwa 20 Hütten-Neuankömmlinge im feuchten Morgendunst unten in Ischgl und warteten auf den Wirt, der seine Gäste mit Schneemobil samt Anhänger aus dem Tiroler In-Skiort abholte. Auf der Fahrt ließen sich zunächst durch die beschlagenen Scheiben noch schemenhaft Liftstationen und Pistenraupen erahnen, die bereits früh im Einsatz waren, dann wurden auch diese Zeichen der Zivilisation immer spärlicher - bis schließlich die Alpenvereins-Hütte erreicht war. Einsam liegt sie in einem kargen Hochtal, rechts und links die zackigen Berggipfel der Silvretta. 20 Augenpaare widerstehen dem gleißenden Licht, das die schneebedeckten Hänge reflektieren, und legen in Gedanken Aufstiegs- und Abfahrtsrouten in die unendlich weiße Landschaft.

Die meisten Alpinskifahrer kennen Skitourengeher nur als eigenbrötlerische Querulanten, wenn diese wie Käfer in der falschen Richtung am Pistenrand bergauf kriechen und mitleidige Blicke oder ein „aus dem Weg” ernten. Das Skigebiet Ischgl - laut Tourismuswerbung bedeutet das vor allem „215 Pistenkilometer und eine Transportkapazität von 78 500 Personen pro Stunde” - ist für Tourengeher also eine Art Vorhof zur Hölle.

Doch dahinter lockt die paradiesische Einsamkeit der Silvretta. Die einmalige Landschaft mit ihren Gipfeln, Scharten und Gletschern fordert zu Eroberungen, Überquerungen, Durchschreitungen heraus, per Eintagestour oder als mehrtägige Wanderung von Hütte zu Hütte. Um sieben Uhr steht die Truppe wie abkommandiert vor der Hütte. Richard, Kursleiter und Bundeswehroffizier a.D. strahlt seine vier Schüler voll unerschütterlicher Vorfreude an. Auf dem Plan, der am Vorabend minutiös erarbeitet wurde, steht heute eine gewaltige Tour - zumindest für Anfängerverhältnisse. Und bereits am Vortag hatte sich herausgestellt, dass sich zum Fortgeschrittenkurs nur übermotivierte Anfänger gemeldet hatten.

Erst die Überkehrung des Lareinferner Jochs, dann auf die 3219 Meter hohe Schnepfenspitze und über das Ritzenjoch zurück - etwa 1200 Höhenmeter im Aufstieg. Hinter der Hütte geht es aus dem Fimberntal in Richtung Lareinferner Joch. Die so genannten Felle, die vor dem Aufstieg über den Belag gespannt werden, verhindern ein Zurückrutschen. In Spitzkehren gewinnen wir im steilen Gelände rasch Höhenmeter. Erst quer zum Hang gehen und dann den Bergski um knapp 180 Grad wenden und den Talski mit einem Schlenk aus dem Hüftgelenk nachziehen, das erfordert die richtige Technik. Bleiben die Skispitzen im Tiefschnee hängen, kostet das Kraft und oft auch das Gleichgewicht - der Skifahrer findet sich dann wieder ein Stück tiefer am Hang.

Oben am Joch ist die Stimmung ausgelassen. Die Sicht ist großartig. Die nächste Gruppe ist noch weit unten. Nach kurzer Abfahrt beginnt der Anstieg auf die 3219 Meter hohe Schnapfenspitze. Im Zickzack kämpft sich die Gruppe unter einer eisig blauen Gletscherzunge bergauf, wo sich jetzt die Sonne zeigt. Die Spur muss im frischen Schnee neu angelegt werden. Voranzugehen ist besonders kräfteraubend, daher wechselt die Spitzenposition wie beim belgischen Kreisel beim Radfahren.

Wenige Meter unterhalb des Gipfels beginnt die Felszone. Die Skier werden zu einem geschützten Skidepot zusammengestellt, und zu Fuß geht es weiter in Richtung Gipfelkreuz. Die etwas weicheren Skitourenstiefel haben Profilsohlen, die auch den Aufstieg über Klettersteige ermöglichen. Eisig kalter Wind peitscht ins Gesicht, während sich die Gruppe zum hastigen Gipfelfoto formiert. Die folgende Abfahrt führt durch den unberührten Tiefschnee.

Wer sich auf Skitouren begibt, sollte sicher abfahren und mit unterschiedlichen Schneebedingungen umgehen können. Oft lauern unter dem Schnee Felsen oder andere Hindernisse. Lawinenschutz ist besonders wichtig: Hangneigung, Schneebeschaffenheit und der aktuelle Lawinenbericht müssen studiert werden. Obligatorisch ist das LVS - das Lawinen-Verschütteten-Suchgerät, und die Übung im Umgang damit.

Die abschließende Überquerung des Ritzenjochs wird noch ein Härtetest. Eisiger Wind weht uns entgegen, Nebel erschwert die Orientierung. Oben gibt es keine Pause. Schnell die Felle abziehen und zurück zur Hütte, solange es noch hell ist. Mächtige Harschplatten fordern noch einmal volle Konzentration bei der Abfahrt. Der letzte Schwung endet direkt vor der Hütte. Im Trockenraum beim Verstauen des Materials können wir das Abendessen kaum erwarten. Wer noch mal vor die Hütte geht, sieht einen fantastischen Sternenhimmel.

Hüttenabende sind gemütlich und kurz: Spätestens nach der zweiten „Mensch-ärgere-dich-nicht”-Runde und der Planung der nächsten Tour fallen den ersten bereits die Augen zu. Um 22.00 Uhr knipst der Hüttenwirt das Licht aus. Am sechsten Morgen geht es auf den Skiern wieder hinunter ins Tal. Irgendwoher wummert schon oder noch immer DJ Ötzis „Der Anton aus Tirol”, ein paar Ladys in goldener Skikleidung sind schon auf Shoppingtour. Und irgendwie kommt Sehnsucht auf nach der Welt, die man gerade zurückgelassen hat, nach der Einsamkeit der Berge, nach Schlafengehen um zehn und sogar nach Richards Morgenappell.

Literatur: R. und S. Weiss: „Ötztal - Silvretta. Pitztal - Kaunertal - Oberinntal - Paznaun”, Bergverlag Rother; 12.90 Euro, ISBN-10: 3763359176

Dieter Seibert: „Silvretta. Die schönsten Skitouren: Zwischen Tirol, Vorarlberg und Engadin”, Tyrolia, 15,90 Euro, ISBN-10: 3702226974

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