Große Attraktionen im kleinen St. Gallen

Von: Frank Heidmann
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Schmuckstücke an den Fassaden: St. Gallen ist bekannt für die reich verzierten Erker vieler alter Häuser. Foto: dpa

St. Gallen. Achtung, St. Gallen kann gefährlich werden: Genickstarre, ein offener Mund und eine dicke Beule am Kopf - vom Laternenpfahl - sind die Symptome. Denn viele Sehenswürdigkeiten der Kantonshauptstadt in der Schweiz liegen ein paar Meter über dem Boden, darunter schmucke Erker, Fresken an verzierten Jugendstilhäusern und die „Erststockbeizen” genannten Kneipen.

Da heißt es dann „Kopf hoch”. Selbst in der größten Attraktion, dem zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Klosterareal, wird der Blick der Besucher nach oben gelenkt: Die üppig-barocke Kathedrale und die berühmte Stiftsbibliothek zieren wunderschön gestaltete Decken.

Gut, dass wenigstens die Künstlerin Pipilotti Rist für entspannte Halsmuskeln sorgt - mit ihrem „Roten Teppich”. So nennen die St. Galler das knallrot bemalte Areal im alten Bleicheviertel, das sich im Sommer zu einer munteren Partymeile mausert. Rot ist hier das Pflaster, rot sind die steinernen „Loungemöbel”, und rot ist der ebenfalls steinerne Porsche inklusive Beton-Strafzettel an der Windschutzscheibe. Das Ganze ist ein hübscher Spaß; und die traditionsreiche Stadt beweist, dass sie auch moderne Seiten hat.

Doch ob man es will oder nicht: St. Gallen nimmt den neugierigen Touristen erstmal mit seiner mehr als 1000 Jahre alten und wie auf einem Präsentierteller liegenden Historie in Beschlag. Wer seinen Besuch am Bahnhof beginnt, ist erstaunt über die Weite des Bahnhofsplatzes und das mächtige Hauptpostamt. „Großstadt” meint man, doch denkste: Die Stadt hat nur rund 70 000 Einwohner.

Ganz schön groß, das kleine St. Gallen, aber das hat auch seinen Grund. „Man wollte Weltoffenheit zeigen”, erklärt Claudia Schneider, die Besucher durch die Stadt führt. „Man”, das waren die großen Textilhändler; um das Jahr 1910 kamen rund 50 Prozent der Weltstickereiproduktion aus St. Gallen. Die Textilbarone bauten ihre Geschäftshäuser, Villen und Museen im Jugendstil. Und noch heute sind die teilweise prächtigen Verzierungen an den Fassaden zu bestaunen.

Der Weg führt bald in Altstadtgassen, deren Erker eine Augenweide sind. Der „Pelikan-Erker” in der Schmidgasse, der „Kugel-Erker” in der gleichnamigen Straße und der spätmittelalterliche Erker im „Haus zur Greif” in der Gallusstraße: Sie alle bieten reiche Ornamente.

Besonders jetzt in der Vorweihnachtszeit zieht es Besucher fast schon automatisch ins nahe liegende Klosterareal. Dort steht ein großer Weihnachtsbaum, jedes Jahr von Designstudenten neu dekoriert - was bei allzu modernen Interpretation schon mal heftige Diskussionen auslöst. Unweit des Klosters lockt ein Weihnachtsmarkt mit rund 60 Ständen, 2009 vom 28. November bis Heiligabend. Dann drängeln sich nicht jeden Tag Tausende vor der Stiftsbibliothek, der barocken „Seelenapotheke”, wie über der Eingangstür in Altgriechisch steht. Um den wertvollen Parkettboden zu schützen, stehen genau 120 Paar Filzpantoffel bereit - mehr Leute zugleich kommen nicht hinein.

Anschließend ist es Zeit zur weltlichen Einkehr - die „Erststockbeizen” im Umkreis des Klosters liegen, wie der Name es schon sagt, im ersten Stock. Ob im „Bäumli” oder im „Goldenen Schäfli” - die Räume sind klein, manchmal windschief und urgemütlich mit ihrem Jahrhunderte alten Holzbalken. „Höhere Stände trinken oben”, lässt Thomas Hürlimann den sinnesfrohen Stiftsbibliothekar in seiner Novelle „Fräulein Stark” sagen - vielleicht begegnet man dem trinkfreudigen Gottesmann irgendwo in einer dieser Gaststuben wieder.

Informationen: St. Gallen-Bodensee Tourismus, Bahnhofplatz 1a, CH-9001 St. Gallen, Tel. von Deutschland: 0041/71/227 37 37.
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