Flaggen und Schaukämpfe: 150 Jahre Bürgerkrieg in den USA

Von: Chris Melzer, dpa
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Flaggen und Schaukämpfe: 150 Jahre Bürgerkrieg in den USA
Krieg spielen: Im Sommer stellen jedes Jahr Tausende von Laiendarstellern in Gettysburg die Gefechte von Nord- und Südstaaten nach. Foto: dpa

Richmond. In das Weiße Haus in Washington kommt man als Deutscher kaum rein. Sicherheitsbestimmungen machen es fast unmöglich, in die Zentrale der Macht vorgelassen zu werden. Doch nicht einmal zwei Autostunden entfernt gibt es ein weiteres Weißes Haus, das auch mal Regierungssitz war und Besucher mit offenen Armen willkommen heißt.

Das „White House of the Confederacy” in Richmond war einst Präsidentensitz der amerikanischen Südstaaten. Genau 150 Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges in den USA ist es eines der interessanten Ziele in und um Washington, die die Geschichte des grausamen Krieges zwischen Nord und Süd lebendig machen.

Der Konflikt war schon bei der Gründung der USA 1776 entstanden. Doch die Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten 1860 war der Zündfunke am Pulverfass. Lincoln war zwar nicht der radikale Verfechter der Sklavenbefreiung, als den ihn der Süden bezeichnete. Aber er war Verfechter der Einheit der USA. Als die Südstaaten sich vom Dezember 1860 an einer nach dem anderen aus den USA verabschiedeten, akzeptierte der Norden das nicht. Am 12. April 1861 begann mit dem Angriff der Südstaaten auf Fort Sumter der Bürgerkrieg. Er sollte vier Jahre dauern, fast 600.000 Tote kosten und ein zerrissenes Land zurücklassen.

„Heute ist davon nicht mehr viel übrig”, sagt Sam Craghead, der im Weißen Haus in Richmond Besucher herumführt. „Klar sieht man hier noch oft die Flagge der Südstaaten, aber das ist mehr Folklore. Es gibt doch heute ganz andere Konflikte in diesem Land.”

Im Museum hängt die weltweit größte Sammlung von Südstaatenflaggen. „Es gab die Konföderierten Staaten ja nur vier Jahre, aber da hatten sie drei Fahnen”, erklärt Craghead. „Die, die man überall sieht, mit dem blauen Andreaskreuz auf rotem Grund, wurde eigentlich erst in den 1960er Jahren populär. Im Krieg kannte sie kaum jemand, weil es nur die Seekriegsflagge war.”

Im Erdgeschoss ist das zu sehen, was Besucher von einem Kriegsmuseum erwarten: Uniformen, Trommeln, Fahnen und immer wieder Waffen. Ein Stockwerk höher wird es stiller, persönlicher: „Die Schlachten waren nur ein Bruchteil der Zeit”, sagt Heimathistoriker Craghead. „Die meiste Zeit war Langeweile und der Kampf gegen Ungeziefer, Dreck und Krankheiten.”

In den Zelten blühten Glücksspiel, Keilereien - und Kunst. „Wir haben eine Geige hier, die einer mit ins Feld nahm. Ein anderer malte - und es wurde ganz viel gelesen.” Damals war bei den Konföderierten unter General Robert Lee das Buch „Die Elenden” von Victor Hugo populär. „Sie lasen das so viel, dass die Unionssoldaten sie nach dem Originaltitel nur noch als Lees Miserables, Lees Elende, bezeichneten.”

Zwischen Washington und Richmond liegen gerade einmal 150 Kilometer. In dieser Region wurden die meisten Schlachten des Bürgerkrieges ausgefochten. Manche Städte wechselten in vier Jahren Krieg 38 Mal die Fahne. Heute sind es hübsche Städtchen, die besonders im Frühjahr und im Herbst zum Kurzurlaub einladen.

Zum Beispiel Fredericksburg oder Charlottesville, die Heimatstadt des dritten Präsidenten Thomas Jefferson. Die einzigen Kriegsspuren sind Denkmäler im Zentrum. Fast jedes Städtchen hat aber ein kleines Museum mit Artefakten eingerichtet, die zuweilen nach Jahrzehnten noch auf Dachböden oder in Scheunen gefunden wurden. Manchmal sind kleine Schätze dabei.

Petersburg südlich von Richmond war Schauplatz einer Belagerung. Ein Gedenkpark erinnert an „den Krater”: Um den Verteidigungsring zu durchbrechen, gruben Bergleute der Nordstaatenarmee, viele von ihnen deutschstämmig, einen Tunnel unter die Palisaden und füllten ihn mit Sprengstoff. Die Explosion riss einen gewaltigen Krater in die Befestigung, doch die Unionssoldaten waren über den Anblick so erschüttert, dass sie nicht vorrückten. Der Krater ist längst grasüberwachsen und Teil eines Nationalparks. Dennoch ist er auch nach eineinhalb Jahrhunderten noch deutlich zu erkennen.

Ein anderer Acker wurde gleich zweimal zum Schlachtfeld. Manassas liegt nur ein paar Meilen südlich vom Dulles Airport, auf dem die meisten Washington-Besucher landen. Gleich nach Kriegsbeginn 1861 und dann noch einmal ein Jahr später tobten hier Schlachten, beide Male gewann der Süden. Ranger vom Nationalparkamt führen heute Besucher an alten Blockhütten und polierten Kanonen vorbei, Touristen aus den Südstaaten lassen sich vor dem Reiterstandbild von Thomas „Stonewall” Jackson fotografieren. Wenn die Filme im Besucherzentrum erklären, wie die Verwundeten unter der sengenden Sonne elendig verreckten, fließen auch nach 150 Jahren noch Tränen.

„Wir haben hier jedes Jahr 110.000 Gäste in unserem Besucherzentrum und sogar 800.000 im Park. Aber weil der so groß ist, ist man fast immer allein”, sagt Henry Elliott. Der Park-Ranger hält auch Broschüren auf Deutsch parat. „Die Deutschen sind sehr an diesem Teil unserer Geschichte interessiert.”

Vielleicht, weil viele Deutsche im Bürgerkrieg mitkämpften. Tausende Einwanderer wurden vom Schiff weg rekrutiert. Ein altes Plakat in Gettysburg informiert - auf Deutsch - über „das Handgeld von 1 Dollar, das jedem Mann zugesichert ist”, der sich verpflichten ließ.

In Gettysburg tobte im Juli 1863 die Entscheidungsschlacht des Krieges. Das ist den sanften Hügeln im Süden Pennsylvanias kaum anzusehen. Doch ein großer Soldatenfriedhof - auch hier mit vielen deutschen Namen - lässt die Opfer nicht vergessen. Fast immer sieht man irgendwo Schulklassen, die zuvor Lincolns legendäre Rede zur Einweihung des Friedhofs auswendig gelernt haben. Die Park-Ranger erklären mit deutlicher, aber gedämpfter Stimme. Gettysburg ist heiliger Boden für die Amerikaner.

Die Region wurde vor allem von Deutschen besiedelt, Ortsnamen wie Hanover oder East Berlin verraten es. Am Bürgerkrieg kommt hier kein Besucher vorbei. In fast allen Hotels hängen Offiziersporträts oder ein paar Säbel. Führungen durch den Park sind besonders im Frühjahr und Herbst zu empfehlen. Im Sommer ist Hauptsaison, dann ist es heiß und voll. Allerdings stellen dann auch in den großen Schauspielen Laiendarsteller die Gefechte nach. Für manche Europäer mag das bizarr wirken, doch die meisten der Laienhistoriker gehen mit großem Ernst an die Sache und erzählen gern über die Zeit vor 150 Jahren.

Wer den Spuren des Bürgerkrieges in der Region um Washington folgen will, kann das mit einer Rundreise machen, bei der er nie länger als zwei, höchstens drei Stunden unterwegs ist. Nach der Landung in Baltimore oder Washington könnte Manassas das erste Ziel sein - wie es das auch für General Lee vor genau 150 Jahren war.

Zwei Stunden entfernt liegt Richmond. Die Ex-Hauptstadt des Südens hat viel von ihrem Glanz verloren, aber sie bietet immer noch genügend Sehenswertes. Das gilt auch für Petersburg. Wer es eilig hat, kann beide Städte an einem Tag sehen.

Über Charlottesville - neben der Stadt lohnt vor allem Thomas Jeffersons Anwesen „Monticello” einen Besuch - geht die Fahrt weiter nach Harpers Ferry. Zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg hatte der Konflikt hier ein Vorspiel, als John Brown mit ein paar Getreuen ein Waffenlager überfiel, um einen Sklavenaufstand zu entfachen. Doch die Armee - übrigens unter dem späteren Südstaatengeneral Lee - schoss seine Männer zusammen, Brown wurde gehängt. Das Städtchen ist ganz auf Touristen ausgerichtet, überall finden sich Menschen in historischen Kostümen, die das Leben vor 150 Jahren erklären.

Für die nächste Station sollten zwei Tage eingeplant werden: In Gettysburg ist nicht nur das Schlachtfeld zu erwandern. Gleich mehrere Museen wollen dazu noch das „damals” begreifbar machen. Besucher dürfen sich originalgetreu geschneiderte Uniformteile überziehen und das Kratzen der Wolle spüren. Oder das Gewicht eines Tornisters mit dünnen Lederriemen auf die Schultern laden. Es sind typisch amerikanische Museen: Sie gehen nicht sehr in die Tiefe, dafür kann, ja soll alles angefasst werden.

Die Rundreise endet wieder in Washington. Das Smithsonian-Museum zur Amerikanischen Geschichte, keine fünf Minuten vom Weißen Haus entfernt, informiert übersichtlich - und gratis - über die Geschichte der USA, also auch über den Bürgerkrieg. Jeweils nur ein paar Gehminuten entfernt liegen das gewaltige Lincoln Memorial und das Ford Theatre. Hier wurde Lincoln 1865 ermordet. Die Loge ist noch geschmückt wie damals, eine kleine Ausstellung im Keller informiert über das Attentat.

Ein Symbol des Bruches in der US-Geschichte ist das Washington Monument. Der Bau des fast 170 Meter hohen Obelisken wurde im Krieg unterbrochen und erst nach dem Sieg des Nordens beendet. Weil dann anderer Stein verwendet wurde, sieht man noch heute den Einschnitt. Er sieht aus wie eine Narbe.

Washington, Gettysburg und Richmond

ANREISE: Mehrere großen Fluggesellschaften fliegen Washington an, viele direkt von Deutschland aus. Neben dem Dulles Airport westlich der Hauptstadt gilt auch der von Baltimore als einer von Washingtons Flughäfen.

UNTERKUNFT: In Washington und Gettysburg gibt es viele Hotels aller Klassen. Gerade außerhalb der Hochsaison kann man Schnäppchen machen. Auch Richmond bietet viele Hotels, in den Motels am Stadtrand ist es billiger.

REISEZEIT: Die beste Reisezeit sind Frühjahr und Herbst. Im Sommer kann es heiß und vor allem extrem schwül werden. Zudem sind dann Millionen Amerikaner unterwegs, und die typischen Reiseziele sind überfüllt und teuer.
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