Weihnachtskiste

Fit wie Peer Gynt: Wandern im Nationalpark Jotunheimen

Von: Michael Juhran, dpa
Letzte Aktualisierung:
Jotunheimen 1
Wandern gehört in Norwegen zur Lebenseinstellung. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Landschaft dafür perfekt geeignet ist. Foto: dpa
Jotunheimen 2
Nach der Kletterpartie: Auf der Besseggen angelangt entschädigt eine traumhafte Aussicht für alle Anstrengungen. Foto: dpa

Gjendesheim. Es müssen weit über 1000 Frischlufthungrige sein, die sich an diesem Samstag im August am Rand des Sees versammeln, um den Berggrat der Besseggen zu erklimmen. Das reicht vom 5-jährigen Burschen bis zur 80-jährigen Seniorin, vom drahtigen Sportlertyp bis zum korpulenten Genießer. Sie alle wollen eine der Traumwandertouren im Reich der Riesen (altnorwegisch: Jotune) in Angriff nehmen.

Eine Tour, die etwa 17 Kilometer über einen Berggrat entlang des Gjendesees im norwegischen Jotunheimen Nationalpark führt, 1100 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Spätestens seit Henrik Ibsen seinen Peer Gynt im gleichnamigen Nationalepos in halsbrecherischem Tempo auf einem Bock über die Besseggen reiten ließ, kennt fast jeder Norweger diese Felsformation.

Dies ist aber nur eine Erklärung für den Ansturm, der an den Wochenenden zwischen Anfang Juni und Ende September Tausende hierher lockt - ein Phänomen, wie man es vielleicht noch vom japanischen Fuji kennt. Für die meisten Wanderer gehört dieser Weg einfach zu den schönsten Panoramatouren überhaupt. Sie genießen die Ausblicke auf die Bergwelt der Riesen.

Sportliche Wanderer messen ihre Kräfte und unterbieten sich gegenseitig in der Zeit, die sie für die Strecke benötigen. Der Rekord liegt inzwischen bei einer Stunde und 20 Minuten. Und dann gibt es noch die Sammler, die in einer Liste eifrig einen Gipfel nach dem anderen abhaken. Aber auch ausländische Touristen haben inzwischen dieses Wanderjuwel entdeckt: An jedem Felsvorsprung hört man eine andere Sprache - Deutsch ist ganz vorne mit dabei.

Am Fuß der bis zu 1743 Meter hohen Bergkette teilt sich die Schar der Wanderlustigen. Die große Mehrheit setzt von der ältesten norwegischen Wanderherberge in Gjendesheim mit dem Schiff nach Memurubu über. Kleiner ist die Gruppe derer, die die entgegengesetzte Richtung mit Ausgangspunkt in Gjendesheim wählt.

In beiden Fällen eröffnen sich spektakuläre Panoramablicke, die den Fjordlandschaften im Westen des Landes in nichts nachstehen. Rund um den Gjendesee strecken sich im 1151 Quadratkilometer großen Nationalpark über 250 Gipfel mit mehr als 1900 Höhenmetern in den Himmel.

Als wäre die Gebirgsregion mit ihren majestätischen Bergrücken, schneebedeckten Gipfeln, glasklaren Bergseen, weiß schäumenden Bächen und tosenden Wasserfällen nicht schon schön genug, wartet die Besseggen mit einem besonderen Highlight auf: Etwa in der Mitte der Wanderstrecke trennt ein schmaler Bergrücken - das Band - den dunkelblauen Bessvatnet-See auf 1374 Höhenmetern vom türkisfarbenen Gjendesee auf 984 Höhenmetern. Seine Färbung verdankt der Gjendesee den Gletscherflüssen Memuru und Storåa.

Am Band treffen auch die beiden Wanderschlangen aufeinander, die sich wie Ameisenketten über die Felsrücken winden. Auf jedem Wiesenfleck, auf jeder Felsplattform sitzen kleine Gruppen zur norwegischen Brotzeit Lunsj zusammen. Sie holen die Thermoskanne mit Kaffee aus dem Rucksack. Norwegischer Braunkäse aus Ziegenmilch (Gjetost) sorgt für die auf der zweiten Etappe erforderlichen Mineralien.

Der Ort für die Brotzeit ist gut gewählt, denn anschließend erwartet die Wanderer der wohl anstrengendste, aber auch schönste Streckenabschnitt. Auf einem steilen Grat geht es die Besseggen hinauf. Für manche wird es zur vorsichtigen Kletterei, erfahrene Bergsteiger bewältigen den Felsgrat dagegen nicht selten mit den Händen in den Hosentaschen. Oben angelangt entschädigt eine traumhafte Aussicht für alle Anstrengungen, bevor es über einen langgezogenen Bergrücken und dann relativ steil wieder bergab nach Gjendesheim geht.

Dass die Norweger so naturverbunden und wanderfreudig sind, hat sicher mit ihrer Geschichte zu tun, die von den Wikingern bis in die Neuzeit durch Landwirtschaft, Fischfang und Bergbau geprägt war. Auf kargem Boden waren die Bauernhöfe oft meilenweit voneinander entfernt, von den Städten ganz zu schweigen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Wandern zu einem Volkssport - und Lebensgefühl. In jeder kurzen Sommersaison sind allein auf der Besseggen bis 50 000 Wanderer unterwegs - mehr als 1 Prozent der norwegischen Bevölkerung.