Faule Tage und Zeitdruck: Fraser Islands zwei Geschwindigkeiten

Von: Christian Röwekamp, dpa
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Faule Tage und Zeitdruck: Fraser Islands zwei Geschwindigkeiten
Kein Abbild der Sahara: Auf Fraser Island, der größten Sandinsel der Welt, erwartet ein grüner Mix aus Eukalyptus- und Regenwald die Besucher. Foto: Tourism Queensland/dpa/tmn

Hervey Bay. Wer sich die größte Sandinsel der Welt wie ein Abbild der Sahara vorstellt, liegt daneben: Fast überall ist die Landschaft auf Fraser Island in Australien sehr grün. Urlauber begegnen freundlichen Walen, frechen Dingos - und gänzlich unerwarteten Alkoholkontrollen.

Immer stoppt einen die Polizei da, wo man es nicht vermutet. Eben noch ist der weiße Pick-up über den Sand gesprintet, nun zwingt ein Blauuniformierter den Fahrer zum Halten. Nördlich von Happy Valley, einem Ort am 75-Mile-Beach auf Fraser Island, haben Queenslands Ordnungshüter einen mobilen Posten aufgebaut.

Sie suchen jedoch nicht vorrangig nach Rasern - auf der knüppelharten Strandpiste sind 80 Kilometer pro Stunde erlaubt. Sie haben betrunkene Fahrer im Visier. Von denen gibt es auf der weltgrößten Sandinsel vor Australiens Ostküste nicht wenige: Angler zum Beispiel, die in den anbrandenden Pazifikwellen stehen, halten die Rute in der einen Hand - und in der anderen eine Bierdose.

Sich einen faulen Tag machen, angeln, trinken, sonst nichts tun: All das gehört für „Aussies” zu einem Ausflug nach Fraser Island. Die Insel mit ihren 250 Kilometer langen Stränden, ihrem dichtem Eukalyptusbewuchs und einer seltenen Form von Regenwald ist ein Teil des Great-Sandy-Nationalparks und seit 1992 auch Weltnaturerbe.

Damit steht sie unter besonderem Schutz. Es gibt statt Asphaltstraßen nur einige Sandpisten, bis auf wenige kleine Resorts und Hütten keine Bebauung, dafür aber rund 350 Vogel- und 19 Schlangenarten. All das macht Fraser zu einem beliebten Ziel - nicht nur bei Einheimischen.

Während die „Locals” die engen, holprigen und hügeligen Trassen im Inselinneren mit ihren Allradautos meistern, warten auf die auswärtigen Ausflügler große Busse mit riesigen Reifen. Jeder Fahrer nimmt bis zu 40 Gäste an Bord, wenn morgens die Fähre vom Festland anlegt.

Dann schwärmen die Busse aus, jeder fährt die Attraktionen auf Fraser Island in einer festgelegten Reihenfolge an. Dadurch gehen sich die Gruppen ein wenig aus dem Weg. Länger mal an einem Ort zu bleiben, ist deshalb nicht drin - der nächste Allradbus kommt gleich.

Auch Touristenführer Jon Willert steht jedes Mal spürbar unter Druck, wenn er den Dieselmotor ausschaltet. „Hier haben wir sieben Minuten”, lautet dann die Parole. Oder: „Bitte in zehn Minuten wieder am Bus sein.” An den Höhepunkten der Tour bleibt aber doch etwas mehr Zeit - zum Beispiel am Lake McKenzie mit seinem glasklaren Wasser.

Oder in Central Station, einem alten Holzfällerlager, wo Jon Willert die verschiedenen Baumsorten erklärt, die auf Fraser einst im großen Stil geschlagen wurden. Aus Kauri-Kiefern wurden meist Schiffsmasten, die nur hier heimischen Satinay-Pinien dagegen wurden für den Suezkanal und den Wiederaufbau der Londoner Docks nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet. Die Pfähle verrotten im Wasser sehr langsam.

Holzfällersiedlungen und Sand, Sand, Sand: Das war lange Zeit fast alles, was es auf der Insel gab. Die Männer mit den großen Sägen landeten 75 Jahre nach der Ankunft der ersten Europäer in Australien auf Fraser - und blieben lange. Erst 1991 wurde die Forstwirtschaft eingestellt, um den Unesco-Welterbestatus nicht zu gefährden.

Die Sandschicht ist an manchen Stellen bis zu 100 Meter dick, an der Farbe lässt sich das Alter bestimmen: Je heller, desto älter ist das fein gemahlene Quarzgestein, das ursprünglich vom Festland stammt und durch die Flüsse in den Pazifik gespült wurde. In Central Station im Inselinneren ist der uralte Sand fast weiß, der frische an den Stränden ist dunkelgelb.

Der Paradestrand ist der 75-Mile-Beach an der Ostküste. Er ist offiziell ein Highway, entsprechend schnell wird gefahren. „Immer gut umschauen”, empfiehlt Jon Willert beim Aussteigen. „Die Brandung ist so laut, da hört man die Autos nicht.” Und auch nicht die Flugzeuge: Sportmaschinen nutzen den Strand als Start- und Landebahn für Flüge mit Touristen, die das Naturwunder von oben sehen möchten.

Die Tourbusse stoppen auf dem 75-Mile-Beach zum Beispiel am Eli Creek. Durch den Bach fließen pro Stunde 4,2 Millionen Liter Süßwasser in den Pazifik. An einigen Stellen kann gebadet werden, was im Ozean nicht ratsam ist - es gibt viele Haie und starke Strömungen in der Gegend.

An der Mündung des Eli Creek fließt aber auch anderes in Strömen: Bier. Hier haben sich besonders viele Angler versammelt, junge Leute aus Busgruppen fläzen sich faul auf dem Sand. Manche Touristenführer füllen die Bierdosen in einen Trichter, der in einem Schlauch mündet. Wird unten das Ventil geöffnet, muss „auf Ex” getrunken werden, damit nichts danebengehen. Spätestens hier wird klar, warum die Polizei auf Fraser mobile Kontrollposten hat.

Eine andere Attraktion am 75-Mile-Beach ist das Opfer eines Sturms. Nicht weit vom Eli Creek liegt in der Brandung, was von der „Maheno” übrigblieb. Das 1905 gebaute Passagierschiff sollte 1935 eigentlich zum Abwracken nach Japan geschleppt werden, als es von einem Zyklon an die Küste geworfen wurde. Seitdem rosten die Überreste vor sich hin und sinken immer tiefer in den Sand ein.

„Im Zweiten Weltkrieg diente die Maheno als Übungsziel für die australische Luftwaffe”, erzählt Jon Willert. Viel Schaden verursachten die Piloten aber nicht. Mehr Erfolg hatten da die Spezialeinheiten, die das korrekte Anbringen von Sprengminen am Schiff trainierten.

Das Betreten des rostroten Wracks ist strikt verboten, auch darauf haben Polizei und Nationalpark-Ranger ein wachsames Auge. „Wer erwischt wird, muss vor Ort hohe Strafen zahlen”, warnt Jon. Das gilt auch für die Angler, die hier in der Brandung stehen und dabei die Delfine beobachten, die ab und zu aus den Wellen hüpfen.

Deutlich größere Meeressäuger sind für viele Touristen ein zweiter Grund, an die Fraser Coast zu reisen: In Hervey Bay auf dem Festland, wo viele Rentner leben und wohin im Winter Dauercamper aus dem Süden Australiens fliehen, starten von Mitte Juli bis Ende Oktober täglich Ausflugsboote zum „Whale watching”. Manche der acht Touranbieter garantieren eine Begegnung mit den bis zu 15 Meter langen Buckelwalen. Einer der bevorzugten Tummelplätze der Wale ist die Platypus-Bucht zwischen Fraser Island und Hervey Bay.

Während er mit seiner „Quick Cat II” die Bucht ansteuert, erzählt Kapitän Chris Rodgers von den Anfängen der Wal-Touren 1986. Es habe Jahre gegeben, in denen von Flugzeugen aus nach den Meeresgiganten gesucht wurde, die Piloten dirigierten die Boote.

„Damit haben wir um 2005 aber wieder aufgehört, weil die Zahl der Wale wieder zugenommen hat”, sagt Rodgers. „Es ist nicht mehr schwer, welche zu finden. Es kommen wieder mehr als 200 Wale pro Saison.” Die Platypus Bay ist nur bis zu 20 Meter tief - ideal für Buckelwale, um ihre Kälber zur Welt zu bringen und neuen Nachwuchs zu zeugen.

Es dauert einige Zeit, bis Chris Rodgers an diesem Nachmittag die ersten Tiere gefunden hat. Doch diese erweisen sich als überaus freundliche Zeitgenossen, sie machen den Pazifik zu ihrer Bühne, mit den Ausflüglern im Zuschauerraum.

Vier große Buckelwale nahe beisammen hat der Kapitän entdeckt. Mal zeigen sie ihre Brustflossen, als wollten sie winken, mal lassen sie die Schwanzflosse theatralisch aus dem Meer ragen. Dann wieder heben sie neugierig ihre mit Seepocken übersäten Köpfe aus dem tiefblauen Wasser oder springen heraus, um krachend wieder einzutauchen. Fast eine Stunde dauert die Show, der Käptn ist zufrieden: „Das war Top-Qualität: Die Wale haben alles gezeigt, was sie gerne machen.”

Weniger freundlich, sondern frech und gefährlich sind die bekanntesten Tiere, die auf der Insel leben: die Dingos. Bis zu 200 der Wildhunde gebe es auf Fraser Island, schätzen die Ranger. An vielen Stellen geben Hinweistafeln Verhaltenstipps für Begegnungen mit ihnen. „Ruhig stehenbleiben, nicht wegrennen”, heißt es da, und vor allem „Eltern, passt gut auf Eure Söhne und Töchter auf”.

Dingos haben in der Vergangenheit schon Kinder auf der Insel attackiert, einmal mit tödlichem Ausgang. Um die Tiere gar nicht erst an den Menschen zu gewöhnen, ist das Füttern verboten. Im November 2010 musste eine Fotografin umgerechnet 28 000 Euro Strafe zahlen, weil sie Dingos regelmäßig mit Essen versorgt hatte. Sechs Tiere, die dadurch ihre Scheu verloren und Menschen angriffen, wurden getötet.

Der Dingo, den die Gruppe mit Jon Willert an diesem Tag auf Fraser Island entdeckt, ist eher amüsant. In der Nähe des Eurong-Resorts am 75-Mile-Beach macht er sich an der offenen Heckklappe eines Pick-ups zu schaffen. Auf den Hinterpfoten stehend, zerrt er zwei, drei Minuten lang mit seiner Schnauze an einem Behälter, bis dieser von der Ladefläche fällt - und mehrere Fische zum Vorschein kommen. Für den Dingo ein gefundenes, aber auch hart erarbeitetes Fressen.

Der Tourbus versperrt in diesem Moment dem Angler in der Brandung die Sicht. So kann der Wildhund seine Beute in Ruhe verschlingen. Erst als Jon wieder anfährt, bemerkt der Angler, was sich abspielt - und geht fluchend auf den Dingo los. Nun kann er mit dem Fischfang neu beginnen. Das war wohl nichts mit dem erhofften faulen Tag auf Fraser. Jon Willert gibt Gas - die nächste Attraktion wartet.

Fraser Coast

Anreise und Formalitäten: Die Fraser Coast in Queensland liegt nördlich der Millionenstadt Brisbane an der australischen Ostküste. Von Brisbane sind es rund 290 Kilometer bis Hervey Bay, die Autofahrt dauert ungefähr 3,5 bis 4 Stunden. Von verschiedenen Flughäfen in Europa kann man mit Umsteigen - zum Beispiel in Singapur, Bangkok oder Dubai - nach Brisbane fliegen. Touristen aus der EU brauchen einen Reisepass und müssen sich online unter www.immi.gov.au bei Australiens Behörden anmelden. Per E-Mail erhalten sie dann meist binnen weniger Minuten ihre „E-Visitor-Einreisegenehmigung”.

Klima und Freizeit: Subtropisches Klima. Verhältnismäßig viel Regen im Südhalbkugel-Sommer von Dezember bis März, wenn die Temperaturen oft die 30-Grad-Marke übersteigen. Im Winter (Juni bis August) tagsüber oft 20 bis 22 Grad und manchmal sehr kühle Nächte. Gute Reisezeiten sind Frühling (September bis November) und Herbst (April/Mai). Walbeobachtungssaison ist von Mitte Juli bis Oktober.

Geld: Ein Euro entspricht 1,34 australischen Dollar (Stand: Mai 2011).

Zeitverschiebung: Queensland ist Mitteleuropa während der europäischen Sommerzeit um acht Stunden voraus, sonst neun Stunden.

Informationen: Tourism Queensland München (Tel.: 089/75 96 98 869, E-Mail: germany@tq.com.au, Internet: http://www.queensland-australia.eu/iss/europe/german )
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