Fälschen und feilschen auf türkischen Märkten

Von: Susanne Hefekäuser, dpa
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Türkei / Jeans / Fälschungen
Ein Mann zeigt auf einem Markt in Istanbul eine gefälschte Markenjeans. Der türkische Zoll konfisziert jährlich türkische Kleidungsimitate im Wert von 1,5 Millionen Euro an der deutschen Grenze. Die Türkei liegt damit auf dem vierten Platz hinter Estland, China und Russland in der Fälscherstatistik. Foto: dpa

Istanbul. Der grauhaarige Zühtü steht vor seinem Stand auf dem Großen Basar in Istanbul und begrüßt die vorbeischlendernden Touristen mit einem fröhlichen „Welcome”. Sein strahlendes Lächeln wird umrahmt von tiefen Falten in braun gebrannter Haut. In seinem Laden, so groß wie ein Bushaltestellenhäuschen, türmen sich Jeanshosen feinsäuberlich aufeinandergestapelt bis unter die Decke.

Sie tragen die Etiketten von Levis, G-Star und Marc O Polo. „Türkische Originale” nennt man sie auf dem Basar liebevoll. „Fälschungen” würde der Zoll sie nennen.

Der Zoll konfisziert an der deutschen Grenze jährlich türkische Kleidungsimitate im Wert von 1,5 Millionen Euro. Die Türkei liegt damit in der Fälscherstatistik auf dem vierten Platz - hinter Estland, China und Russland. Doch nicht nur Kleidungsimitate kommen aus der Türkei, auch gefälschte Mobiltelefone, CDs und DVDs werden hier hergestellt. Die meisten Waren kommen per Schiff oder per Post nach Deutschland.

Doch auch deutsche Touristen statten sich im Türkei-Urlaub gerne in Läden wie dem von Zühtü mit günstigen Fälschungen aus. Dabei haben sie vom Zoll nichts zu befürchten, solange der Einkaufswert unter 430 Euro liegt und sie die Kleider selbst tragen wollen.

Auch die Verkäufer in der Türkei fürchten nicht unbedingt rechtliche Konsequenzen. „Natürlich ist das verboten, aber die Polizei macht so”, erzählt Zühtü und hält sich lachend die Hände vor die Augen. „Was sollen sie schon tun? Jeder verkauft hier Fälschungen.” Zwar gebe es manchmal Polizeikontrollen, aber dann werde nur nach bestimmten Marken gesucht. Die türkischen Behörden dürfen nur dann tätig werden, wenn eine Anzeige vorliegt. „Dann rufen die Verkäufer aus den anderen Läden an und ich verstecke die Hosen ganz schnell”, sagt Zühtü.

Wie viele auf dem Großen Basar in Istanbul bezieht Zühtü seine Waren aus Merter, einem Vorort von Istanbul. Hier, weitab vom Touristenrummel, quälen sich Lastwagen durch enge, staubige Straßen, den Berg hinauf zu den zahlreichen Textilfabriken. Der Putz blättert von den meisten Gebäuden, die schweren eisernen Rolltore sind verrostet. In den wenigen Fenstern der Gebäude hängen Garnrollen, deren buntes Leuchten durch die Gitter vor den Fenstern getrübt wird.

„Ob wir hier Fälschungen herstellen?” fragt ein Mann, der gerade den letzten Beutel Jeansnieten in einen weißen Kleintransporter wirft. In der Fabrik hinter ihm ziehen zwei Arbeiter eine Bahn Jeansstoff über einen langen Tapeziertisch, an den Wänden stapeln sich rosa Plastiksäcke mit Hunderten von Hosen darin. Der Mann wirkt unsicher, verschwindet in einem kleinen Büro. „Nein, wir haben hier keine Fälschungen”, sagt er, als er wieder herauskommt. In einer Ecke liegt ein Stapel Hosen mit beigefarbenem Marc-O-Polo-Logo.

Dass Produktpiraterie in der Türkei öffentlich und größtenteils unbehelligt von Behörden stattfindet, ist ein Dorn im Auge von deutschen Markenschützern. Der Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie fordert von der Türkei, im Markenschutz europäische Standards zu etablieren. Auch in den Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU ist das ein Thema. „Was soll ich machen?” sagt Zühtü. „Irgendwie muss ich mir ja mein Brot und meine Suppe verdienen. Und die Touristen wollen das.”
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