Eisenbahngeschichte erleben: Mit dem Pinienzapfenzug nach Nizza

Von: Bernd F. Meier, dpa
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Eisenbahngeschichte erleben: Mit dem Pinienzapfenzug nach Nizza
Von den Pinienwäldern der Provence zu den Palmen an der Côte dAzur führt die Bahnstrecke von Digne-les-Bains nach Nizza - hier der Bahnhof von Chabrières. Foto: dpa

Digne-les-Bains. Nur viermal am Tag pendelt der Pinienzapfenzug von der Hoch-Provence zur Côte dAzur. Für die 150 Kilometer lange Strecke von Digne-les-Bains nach Nizza benötigt der Schienenbus mehr als drei Stunden. In diesem Jahr feiert die Bahnstrecke einen runden Geburtstag: Sie ist genau 100 Jahre alt.

Die große Bahnhofsuhr in Digne-les-Bains ist längst stehen geblieben. Wie lange sie schon ihren Dienst verweigert, weiß niemand zu sagen. Dort beginnt die Fahrt zunächst mit einer Zeitreise in die Vergangenheit, zu Europas größtem Ammonitenfeld bei Digne. Besucher aus aller Welt kommen in den Thermalbadeort, um an der Straße nach Barles einen Fund aus der Frühgeschichte zu bewundern: die mit 350 Quadratmetern größte freiliegende Ammonitenplatte. 1500 Versteinerungen von Muscheltieren haben Fachleute auf dem Gestein gezählt. Sie sind mehr als 200 Millionen Jahre alt.

„Vor 27 Jahren wurden die frühgeschichtlichen Spuren per Zufall beim Straßenbau entdeckt”, erzählt die Deutsch-Französin Hélène Vignot vom Tourismusbüro Digne. Inzwischen ist ein Teil der Hoch-Provence zum Geologischen Park erklärt worden, und im „Musée Promenade” in Digne wird die Entwicklung der frühen Erdgeschichte anschaulich dargestellt. Vom Museum bis zum Bahnhof wandert man rund eine Stunde entlang des Bléone-Flusses.

Es ist eine bunt gemischte Schar, die sich zum Zug nach Nizza eingefunden hat: Alte Frauen, die auf dem Wochenmarkt in Digne einkaufen waren. Ein britisches Ehepaar, offenbar Eisenbahnfans, die bald ihre Videokamera surren lassen werden. Ein paar junge Rucksacktouristen auf dem Rückweg zur Küste. Und eine ältere Dame, die einer abgewetzten Kladde mit spitzem Bleistift ihre Reise-Impressionen anvertrauen wird.

Mit durchdringendem Hupen rumpelt der blaue Triebwagen aus dem Bahnhof, vorbei an halb verfallenen Lokschuppen und vor sich hin rostenden Ladekränen. Tempo 75 erreicht der Schienenbus auf der schmalen Spur, schaukelnd durch jede Kurve und von heftigen Stößen begleitet. Dann der erste Stopp, irgendwo in der Einsamkeit von Pinienwäldern an einem Wartehäuschen, das einer Bushaltestelle ähnelt. 50 Haltepunkte gibt es insgesamt an der eingleisigen Strecke.

Vom 600 Meter hoch gelegenen Digne schlängelt sich der Schienenstrang entlang der „Route Napoleon” - der Nationalstraße 85 - über Barrême und durchs wilde Tal des Verdon bis zum winzigen Bahnhof Thorame-Haute. Es geht über 16 steinerne Brücken, 15 Eisenviadukte und durch 25 Tunnel, von denen die Felsenröhre bei Thorame-Haute mit 3,4 Kilometern die längste ist. Der Tunnel markiert mit 1022 Metern über dem Meeresspiegel darüber hinaus den höchsten Punkt der Strecke. Über 20 Jahre wurde an dem Schienenstrang gebaut, bevor 1911 die ersten Züge zwischen Digne und Nizza dampfen konnten.

Damals dauerte die Bummelfahrt durch die Berge fünf Stunden. Statt mit Kohle wurden die Dampfloks der Überlieferung nach mit Pinienzapfen beheizt, die das Zugpersonal und die Reisenden entlang der Schienen einsammelten. So kam die Bahn zu ihrem historischen Namen „Train des Pignes”, was übersetzt Pinienzapfenzug heißt.

Besonders das Teilstück zwischen Digne und Thorame-Haute gilt wegen der zahlreichen Brücken, Kurven, Dämme und Tunnel als Meisterwerk der Ingenieurkunst. Es begeistert heutzutage, 100 Jahre nach der Eröffnung, die Eisenbahnfreaks aus aller Welt. Eine technische Meisterleistung ist auch die Kreiskehre von le Fugeret, wo sich der Gleiskörper in einer imposanten Schleife am Berghang entlang windet und dabei um mehr als 180 Grad dreht.

Trotz der vor sich hin rostenden Drehscheiben und verfallenen Güterschuppen zählt die Bahnstrecke nicht zum alten Eisen. Viele Berufspendler, Schüler und Studenten nutzen den Pinienzapfenzug. Das sei bequemer als die tägliche Pendelei mit dem Auto, erklärt Mylène Bénichou von der Bahngesellschaft CP. Eisenbahnfans kommen von überall her, sogar aus Japan, China und Amerika. Den Bummelzug besteigen Jahr für Jahr um die 500.000 Fahrgäste, Tendenz steigend.

Im Bahnhof von Entrevaux wird es richtig voll. Dutzende Ausflügler steigen zu, die von Nizza aus mit dem Frühzug bis hierhin gefahren sind, um ein paar Stunden durch die Jahrhunderte alten Gassen zu schlendern. Auf steilem Fels erhebt sich die mittelalterliche Burg, die Festungsbaumeister Vauban einst errichten ließ. Ein paar Stationen weiter ist der stille Flecken Puget-Théniers einen Besuch wert. Das Dorf mit den verwinkelten Häusern aus dem 13. Jahrhundert macht sich heute unter Bergsteigern einen Namen. Auf dem Klettersteig „Les Demoiselles coiffées” können auch Anfänger unter Anleitung erfahrener Bergführer mit Seil und Haken zum Gipfel gelangen. Schwindelfreiheit, Mut und Kondition werden allerdings vorausgesetzt.

Im ehemaligen Güterschuppen, in dem heute das Verkehrsamt untergebracht ist, können Kletterer die notwendige Ausrüstung leihen. Von Puget-Théniers bis Nizza sind es noch 65 Kilometer für den Pinienzapfenzug, dessen Schienenstrang nun Kurve um Kurve dem schluchtenähnlichen Tal des Var-Flusses folgt. Nach etwas mehr als drei Stunden endet die beschauliche Reise mitten im Häusergewirr von Nizza am Bahnhof „Nice-CP”, der Südstation in der Rue Alfred Binet. Von dort streben die Touristen durch die quirlige Großstadt über die Avenue Malaussena dem glitzernden Mittelmeer entgegen, zu Nizzas prachtvoller Flaniermeile Promenade Anglais. Unter Palmen begegnen sich hier die Schönen und die Reichen, Touristen und Träumer.

Informationen: Französische Zentrale für Tourismus, Postfach 100 128, 60001 Frankfurt (E-Mail: info.de@franceguide.com). Chemin de Fer de Provence (CP), B.P. 1387, F-06007 Nice Cedex 1 (Tel.: 0033/4/97 03 80 80, E-Mail: trainpigne@aol.com).

Fahrtzeiten: Viermal am Tag verkehren die Dieseltriebwagen der privaten Bahngesellschaft Chemin de Fer de Provence (CP) zwischen Digne und Nizza. Wer den Morgenzug ab Digne oder ab Nizza nutzt, hat ein paar Stunden Zeit, die kleinen Dörfer an der Strecke zu besuchen.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist von Mai bis Juni und von September bis Oktober. Die Hochsaison im Juli und August meiden Urlauber besser wegen den Ferien in Frankreich.

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