Ein, zwei Viertel schlotze: Auf dem Wiiwegli durchs Markgräflerland

Von: Nilgün Burgucu, dpa
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Weil am Rhein. Gutedel, Faust und heilendes Wasser: Rund 80 Kilometer weit führt das Wiiwegli von Weil am Rhein nach Freiburg. Vor allem zur Zeit der Weinlese lohnt sich die Tour. Auf einer Etappe begleitet sogar der Teufel die Wanderer.

In schönstem Alemannisch verabschiedet die Wirtin die Wanderer nach dem Frühstück: „Euri Bagasch bring mir denn uf Bellinge abe! Vyl Spass uf de Wiiwegli”. Als Wegzehrung gibt es noch eine Tüte mit Obst, Broten und Getränken. Besonders im Herbst ist eine Wanderung auf dem Wiiwegli zwischen Weil am Rhein und Freiburg lohnenswert - wenn die Natur das Laub der Reben und der Wälder in Rot und Gold färbt, und die Zeit der Weinlese ansteht.

Rund 80 Kilometer lang ist der Weg, in vier Etappen ist er bequem zu bewältigen. Auch wer nur ein Teilstück des Wiiweglis geht, sieht sich in einen Paradiesgarten versetzt. Bei einem Pauschalangebot wird das Gepäck wie von der Wirtin in Weil am Rhein versprochen, nach Bad Bellingen und zu den anderen Etappenorten geliefert. Dadurch sind auch steilere Aufstiege durch Streuobstwiesen und Weinberge nicht allzu beschwerlich.

Doch mehr als 100 Höhenmeter am Stück sind ohnehin selten zu bewältigen. Durch Reben, Wald und kleine Dörfer schlängelt sich der mit gelber Weintraube auf roter Raute gut markierte Weg am Hang des Schwarzwaldes entlang. Eine ausgezeichnete Route für Genusswanderer.

Schon der erste Aufstieg zum Hang des Tüllinger Berges wird belohnt durch einen Panoramablick über Rhein, Jura, Basel und Vogesen. Dann geht es durch Wiesen und wellige Weinhänge, vorbei an denkmalgeschützten und von Weinbergen gerahmten Dörfern zum Ziel der Tagesetappe in Bad Bellingen.

Der Schwarzwald rückt dort ganz eng an den Rhein heran. Das Wiiwegli muss sich deshalb für ein Stück die alte Römerstraße mit den Autos teilen. Schon die Römer kannten das wohltuende Thermalwasser, das in Bad Bellingen, aber auch andernorts am Oberrhein aus dem Boden strömt und nach der Wanderung die Lebensgeister wieder weckt. Zur Zeit der Weinlese hat Bad Bellingen eine weitere wohltuende Spezialität im Angebot: eine reinigende und entschlackende Traubenkur.

Doch wie der Name des Weges schon sagt: Auf dem Wiiwegli, dem Weinweglein, geht es auch etwas promillehaltiger zu. Dem weißen Gutedel, den Markgraf Karl Friedrich im 18. Jahrhundert vom Genfer See in seine Heimat brachte, können Wanderer kaum ausweichen. Er steht bei Winzern und Winzergenossenschaften hoch im Kurs. Fast überall wird er angeboten. Die besten Weine im Markgräflerland brauchen den Vergleich mit denen vom Kaiserstuhl nicht zu scheuen.

„Da waren einige ganz schön sauer, doch der frühe Vogel fängt den Wurm”, sagt die resolute Winzerin Roy Blankenhorn. Sie sicherte sich 1999 die Internetadresse gutedel.de für ihr Weingut in Schliengen, einem der Orte auf der zweiten Etappe. Als im Jahr darauf der 4000. Geburtstag der Traube gefeiert wurde, merkten es auch die anderen Winzer.

„Kein komplexer Wein, aber schön zum Süffeln. Da trinkt man gern mal ein zweites oder drittes Glas”, sagt sie über ihre wichtigste Traube und ärgert sich, dass mancher Kollege Gutedel zu Billigpreisen verramscht. „In der Schweiz”, klagt sie, „hat er einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.”

Die Etappe von Müllheim nach Staufen ist nicht nur kulturell ein Höhepunkt der Wanderung. In Sulzburg steht mit St. Cyriak eine der schönsten romanischen Kirchen der Region, und in Staufen kitzelt Rainer G. Mannich altes Schulwissen aus Goethes Meisterwerk heraus.

„Aaah, der Doktor Faust! Eine meiner Lieblingsseelen.” Dem Mimen sitzt der Schalk im Nacken. Seit zehn Jahren wechselt der Schauspieler mit den langen weißen Haaren blitzschnell und diabolisch kichernd zwischen Faust und Mephisto. Mit Goethe-Zitaten führt er Besucher durch die verwinkelten Gässchen von Staufen. Der berühmte Alchimist Dr. Johann Georg Faustus, Vorbild für Goethes Dramenfigur, hatte dort im „Gasthaus zum Löwen” versucht, Gold zu machen.

Man könnte meinen, der Teufel treibe heute noch sein Unwesen im Untergrund, denn als die Stadt versuchte, für ein Erdwärmeprojekt Löcher zu bohren, quoll das Gestein wie ein Hefekuchen und sorgte im Rathaus und vielen weiteren Gebäuden für Risse.

Im Herbst sitzen Einheimische und Gäste in den Straußenwirtschaften des Örtchens zusammen. Zwiebelkuchen gibt es, neuen Süßen, Schäufele und Brägele (Bratkartoffeln). „Dazu schlotzt man ein, zwei oder mehr Viertele badischen Wein”, erzählt Mannich.

Am letzten Tag der Wanderung geht es von Staufen nach Freiburg. Wald und Weinberge wechseln sich ab. Die Orientierung fällt leicht: immer in Richtung Münsterturm von Freiburg. Auf dem Marktplatz rund um das Münster ist jeden Tag außer sonntags Markt. Die Bauern aus der Region verkaufen hier ihre Produkte - jetzt im Herbst natürlich auch die Trauben, die am Wegesrand des Wiiweglis wachsen.

Info-Kasten: Wiiwegli

Anreise: Die Anreise nach Weil am Rhein oder Freiburg erfolgt über die Autobahn A5. Auch per Bahn sind beide Städte erreichbar. Nächster Flughafen ist Basel.

Reisezeit: Geeignete Wandermonate sind April/Mai und September/Oktober.

Informationen: Schwarzwald Tourismus, Ludwigstraße 23, 79104 Freiburg (Tel.: 0761/896 46 40). Dort ist auch eine kostenlose Broschüre mit Etappenplänen und Einkehrtipps erhältlich.

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