Ein Stück Holland in Deutschland: Ein Bummel durch Friedrichstadt

Von: Andreas Heimann, dpa
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Ein Stück Holland hoch im Norden: Friedrichstadt
Ein Stadtführer der etwas anderen Art: Heinrich Carstensen und seine Kolleginnen zeigen vor allem das holländische Erbe in Friedrichstadt. Foto: dpa

Friedrichstadt. Heinrich Carstensen ist eine auffällige Erscheinung: Er trägt blaue Holzschuhe und eine blaue Mütze, ein weißes Hemd und ein rotes Halstuch. Das sind die Farben der niederländischen Flagge. Und das ist kein Zufall.

Denn Carstensen führt durch Friedrichstadt, das holländischste Fleckchen Erde in ganz Deutschland. Warum ausgerechnet ein Nest weit oben in Schleswig-Holstein Grachten hat und Häuser mit Treppengiebeln, die so holländisch aussehen wie nur was, ist schon eine irre Geschichte.

Carstensen erzählt sie immer wieder gerne, wenn er Besucher durch die Kleinstadt führt. Die Hauptrollen darin spielen ein leicht größenwahnsinniger Herzog, ein paar intolerante Dogmatiker und ein Haufen religiös Verfolgter. Ohne sie gäbe es Friedrichstadt nicht. Der Herzog hieß - logisch - Friedrich und träumte davon, in seinem kleinen Reich namens Schleswig-Gottorf eine Handelsmetropole zu haben für den Seeverkehr in alle Welt. So gründete er am 24. September 1621 Friedrichstadt, das über die Eider mit der Nordsee verbunden ist.

„Damals war es ein kleines Städtchen”, erzählt Carstensen. „Und das ist es dann auch geblieben.” Die Hoffnungen auf ein Handelszentrum von Weltrang haben sich nicht erfüllt - „heute haben wir um die 2560 Einwohner.” Der Herzog ließ allerdings Kanäle ausheben wie die Grachten in Amsterdam und Bauhandwerker und Ingenieure aus Holland kommen. Er gewährte Stadtrecht, Marktrecht und Glaubensfreiheit - und bald hatte die kleine Stadt sieben Konfessionen. Fünf davon gibt es noch heute - und vier Kirchen. Das klingt schon rekordverdächtig.

Die ersten Glaubensflüchtlinge, die dem theologischen Dogmatismus ihrer holländischen Heimat entkommen wollten, waren Remonstranten, eine protestantische Splittergruppe. Carstensen lässt sie bei seiner Stadtführung nie unerwähnt. Er zeigt dann das Haus, in dem die frühere, betagte Pastorin der Gemeinde lebt. Eines der Zimmer mit Fenster zur Straße ist eingerichtet wie eine Puppenstube - zu sehen sind Figuren aus der Stadtgeschichte inklusive des Theologen Jakob Arminius, auf den sich die Remonstranten berufen.

Einmal im Monat ist in der Kirche gegenüber Gottesdienst. „Dann kommt ein Pastor aus Groningen”, sagt Carstensen. Er predigt auf Deutsch - das Vaterunser aber wird nach wie vor auf Niederländisch gesprochen. Durch die hohen Fenster fällt viel Licht. Dass es keinen Altar gibt, kein Taufbecken und keine Heiligenfiguren, fällt dadurch umso mehr auf. Hinter der Kirche liegt der Friedhof, auf dem auch die Katholiken der Stadt begraben werden. Deren Kirche St. Knud steht zwar noch, wird heute aber nicht mehr als Gotteshaus genutzt.

Ein Stopp bei der Stadtführung gilt immer auch dem Paludanushaus in der Prinzenstraße, einem der schönsten Gebäude der Stadt. Es ist schneeweiß und hat ebenfalls einen Treppengiebel. Der Mann, der es bauen ließ, hieß Godefridus Paludanus, war als Prediger für die Remonstranten tätig und machte viel Geld als Kaufmann. Seit rund 40 Jahren gehört das schicke Gebäude der dänischen Minderheit der Stadt, die es zum Beispiel für Versammlungen nutzt. Auch der Pastor der dänisch-lutherischen Kirchengemeinde wohnt dort, wenn er in Friedrichstadt ist. Die Dänen haben in Friedrichstadt einen eigenen Kindergarten, eine Grund- und eine Hauptschule.

Das älteste Haus der Stadt ist nicht weit entfernt. Es wurde noch im Gründungsjahr 1621 aus rotem Backstein erbaut. Heute wohnt dort Dora Zentner. Die ältere Dame war einst eine gute Freundin von Miriam Cohen, der Tochter des Rabbis. Synagoge und Rabbinat sind nur ein paar Schritte entfernt. Im 19. Jahrhundert waren die 450 Juden die zweitgrößte religiöse Gruppe der Stadt. „Es gab allein 13 jüdische Schlachtereien”, erzählt Carstensen. Im „Dritten Reich” wurden fast alle Friedrichstädter Juden ermordet, Miriam Cohen sowie ihre Eltern in Auschwitz. Die Synagoge wird nun für Kulturveranstaltungen genutzt und sieht von außen weitgehend so aus wie vor vielen Jahrzehnten.

Im Mittelburgwall steht ein Gebäude, das Alte Münze heißt, obwohl hier nie Münzen geprägt wurden. Ein reicher Kaufmann wohnte hier, heute ist es das Stadtmuseum. Nebenan ist das Bethaus der Mennoniten zu finden, einer ebenfalls protestantischen Glaubensgemeinschaft. „Es gibt aber nur noch ein halbes Dutzend Gemeindemitglieder”, sagt Carstensen. „Und der Pastor reist aus Hamburg-Altona an.”

Heinrich Carstensen kennt Angehörige aller Konfessionen in Friedrichstadt persönlich. Er selbst gehört zur größten Gruppe, der evangelische-lutherischen Kirche: „Wir sind um die 1700.” Ihnen gehört die St. Christophorus-Kirche, deren Turm aus Granitsteinen von weitem zu sehen ist. „Die Kirche ist 1649 fertig geworden”, erzählt Carstensen. „Also relativ spät, aber die Gemeinde hatte kein Geld.”

Protzig ist die Innenausstattung des Gotteshauses auch heute nicht gerade. Immerhin gibt es ein überdimensionales Altarbild des Barockmalers Jürgen Ovens. „Er hat es der Kirche geschenkt”, sagt Carstensen. „Oben links im Bild hat er sich selbst dargestellt.” Und weil er der Kirche auch einiges Geld gespendet hatte, bekam er das Recht, nach seinem Tod 1678 dort begraben zu werden.

Einige der sehenswertesten Gebäude stehen rund um den Markt - zum Beispiel neun Treppengiebelhäuser, die einst holländischen Kaufleuten gehörten. Auch ein auffälliges Brunnenhäuschen ist dort zu sehen, das eine Turmhaube hat, die zwar an die Gotik erinnert, aber aus dem 19. Jahrhundert stammt. Das Amtsgericht ist heute das „Markt-Café”. Etwas links davon ist die Tourist-Information, wo Carstensen und seine Kollegen täglich um 11.30 Uhr die Stadtführung starten. Wem das nicht reicht, kann später eine Grachtenfahrt machen und sich entspannt zurücklehnen. Alles Wichtige hat Carstensen ja schon erzählt.
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