Odessa - Die verblasste Perle am Schwarzen Meer: Odessa will wieder glänzen

Die verblasste Perle am Schwarzen Meer: Odessa will wieder glänzen

Von: Horst Heinz Grimm
Letzte Aktualisierung:
Die verblasste Perle am Schwarzen Meer: Odessa will glänzen
Der Stolz der Stadt: Das Opernhaus wurde 2007 nach acht Jahren Renovierung wieder eröffnet. Es erinnert an die großen Zeiten Odessas. Foto: dpa

Odessa. Odessa war Jahrzehnte vergessen, doch nun beginnen sich Urlauber im Westen wieder an die einstige Perle am Schwarzen Meer zu erinnern. Vor allem Kreuzfahrtschiffe laufen in der ukrainischen Hafenstadt ein - meist direkt am weltbekannten Wahrzeichen, der Potemkinschen Treppe. Ihre 192 Stufen scheinen endlos nach oben anzusteigen.

Odessa ist eine moderne Stadt: Zarin Katharina die Große ließ sie 1794 anlegen, um für ihre Marine einen Handelsplatz und Hafen zu schaffen. Sie hatte diesen Abschnitt der Schwarzmeerküste zwischen Donau und Don von den Türken erobert. Im Hinterland liegt fruchtbares Ackerland, seine Erträge machten Odessa in wenigen Jahrzehnten reich. Beim Bummel durch die Straßen bekommt man eine Ahnung von der einst glanzvollen Zeit.

„Unser Stolz ist das Opernhaus”, erklärt die Jura-Studentin Galina Maslova, die in ihrer Freizeit als Touristenführerin arbeitet. „Es wurde 2007 nach acht Jahren Renovierung wieder eröffnet.” Der aktuelle Spielplan bietet ein klassisches Repertoire von 15 Opern und zehn Balletten. „Die Sopranistin Olga Perrier-Spodareva, die an internationalen Bühnen auftritt, hat vor drei Jahren hier ihr Debüt gehabt”, erzählt Galina Maslova, wie viele ihrer Kommilitonen eine Musikliebhaberin.

Pompöses Opernhaus

Das pompöse Opernhaus ließen sich die Stadtväter Odessas 1887 nach Plänen des renommierten Wiener Architektenbüros Fellner und Helmer bauen, das auch die Entwürfe für das Schauspielhaus in Hamburg lieferte. Die Sänger kamen natürlich aus Italien. Odessa hatte sich schon kurz nach seiner Gründung nach Europa orientiert. Der erste Gouverneur hieß Emmanuel de Richelieu, ein Verwandter des mächtigen französischen Kardinals und Staatsführers. Unter seiner Regierung erlebte die Stadt einen Boom. Er war nicht von Dauer.

Heute habe die Stadt viel aufzuholen, sagt Ilja Kosyrin, der ebenfalls Besucher durch die Stadt führt. „Die Sanierung des Zentrums kostet Milliarden.” Ein Blick in Treppenhäuser ehemaliger Bürgerhäuser abseits der Hauptstraßen bestätigt seine Schätzung. Putz bröckelt von den Wänden, im Flur stinkt es nach Urin. Die Menschen, die hier leben, sind weit entfernt vom Luxus der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg.

Zumindest die Fassade glänzt bisweilen noch. Breite, baumbestandene Boulevards durchziehen das schachbrettartig angelegte Odessa. Den historischen Kern prägten dieselben Baustile wie in Wien oder Paris. Eindrucksvolle Fassaden zieren die mehrstöckigen Häuser aus dem 19. Jahrhundert. In den Läden darin wird beinahe die gesamte Palette westlicher Luxusmarken angeboten.

„Wir einfachen Odessiten können hier nicht kaufen”, sagt Kosyrin, „Kunden sind wohlhabende Badegäste aus Russland und anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion”. Er zeigt auf einen teuren Geländewagen, in den eine sehr junge Blondine in knappen Klamotten und ein reifer, kräftiger Mann im Designer-Joggingdress klettern. Kein ungewöhnliches Bild hier.

Kilometerlange Strände vor der Stadt und viele Sonnentage machen Odessa weiter zu einem beliebten Urlaubsort für Osteuropäer. Reiche haben sich hier Ferienhäuser zugelegt. Doch längst schätzen auch Westeuropäer die „Goldene Küste” der Ukraine wegen der wilden Partys. „Es kommen auch viele Sextouristen”, erklärt Kosyrin. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) registrierte für Odessa die höchste Rate an HIV-Infektionen in Europa.

Wirtschaftliche Nöte

Galina Maslova will über das Thema nicht reden, sie schämt sich, dass wirtschaftliche Nöte die - verbotene - Prostitution fördern. Sie zeigt lieber die verblassten Schönheiten der einst mondänen Stadt, von der Russlands Nationaldichter Alexander Puschkin sagte: „Hier atmet man ganz Europa.” Weltoffen geben sich die Odessiten wieder und hoffen auf eine neue Zukunft. „Deshalb renovieren wir auch an jeder Ecke”, sagt Maslova und führt in eine überdachte Einkaufsstraße aus der Gründerzeit.

Ein Tag reicht, um einen Eindruck von Odessa zu bekommen. Für einen Besuch in der Oper sollte man allerdings übernachten. Von einer Fahrt zum außerhalb gelegenen „Sieben-Kilometer-Markt” rät Kosyrin dagegen ab. „In dieser Containerlandschaft versorgen sich Händler mit Waren zu äußerst günstigen Preisen.” Touristen, besonders mit Fotoapparat, seien gar nicht gern gesehen.

Wer den Weg zurück zum „Seebahnhof” sucht, schreitet über die Treppe, deren Ruf der Regisseur Sergei Eisenstein 1925 mit seinem Film „Panzerkreuzer Potemkin” begründete. Die ergreifende Szene darin: Regierungstruppen schießen meuternde Matrosen des Schiffes nieder, die die Stufen erklimmen. Damals hieß das Wahrzeichen noch Richelieu-Treppe; seit 1955 erinnert der Name Potemkinsche Treppe an die Meuterei gegen das Zarenregime.
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