Die Suche nach dem schwarzen Eis - Schlittschuhwandern in Schweden

Von: Aglaja Adam, dpa
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Im Winter verwandeln sich die Seen und Buchten Schwedens in riesige Eisflächen. Dann ist die Zeit für Schlittschuhwanderungen gekommen. Auf überlangen Kufen gleiten die Sportler übers schwarze Eis - ausgerüstet mit Eispickeln und Zweitwäsche für den Notfall. Foto: dpa

Stockholm. Anders lenkt seine Kufen vorsichtig an die Kante. Nur ein Schritt trennt ihn vom tiefschwarzen Wasser. Er klopft kräftig mit dem Stock auf das Eis unter seinen Füßen. Den Touristen stockt der Atem.

Aus sicherem Abstand beobachten sie den Skating-Wanderführer, bereit zur Rettungsaktion. Aber der Guide weiß, was er tut. Er kennt das Eis in der weiten Schärenlandschaft rund um Schwedens Hauptstadt Stockholm. Im Winter lebt er auf Schlittschuhen, ist immer auf der Suche nach dem perfekten Eis. „Wer es finden will, muss nach dem Wasser schauen”, sagt er. Anders ist „isbitnad”, wie die Schweden sagen - vom Eis gebissen.

Mit der bloßen Hand fährt der 60-Jährige in das Loch, das er mit der Spitze seines Wanderstocks in das Eis geschlagen hat. Die Ostsee unter ihm ist 30 Meter tief. Auf zehn Zentimeter bemisst Anders die glitzernde Schicht auf dem Meer. Dick genug, um eine Gruppe Skater zu tragen. Mindestens sieben Zentimeter sollten es sein, erklärt er. Meist kein Problem in Schweden: In den kalten Wintermonaten Januar, Februar und März wird das Eis auf den Seen und Buchten des Landes bis zu einem Meter dick. 25 Zentimeter reichen, um darauf mit einem Lastwagen zu fahren.

Das Eis ruft. Mit gekonnten Schwüngen schlittert Anders vom Wasser weg. Links, rechts, links, rechts, gleichmäßig holt der Schwede aus, scheinbar mühelos gleitet er über die blanke Oberfläche. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wer selten auf Schlittschuhen steht, für den ist Tourenskaten eine Herausforderung.

Die Füße stecken in klobigen Wanderstiefeln. Unter den Zehen ist ein Eisenhaken befestigt, der in die Kufen geklemmt wird - ähnlich wie bei Langlaufskiern. Nur der vordere Fußteil ist mit dem dünnen Stahl verbunden. Die ersten Schritte erweisen sich als wackelige Angelegenheit. Ein Schieben, Schaben und Stolpern beginnt, bis der eigene Rhythmus gefunden ist und die überlangen Kufen übers Eis gleiten. Knapp einen halben Meter sind die wenige Millimeter dünnen, messerscharf geschliffenen Schienen lang - zum Pirouettendrehen absolut ungeeignet.

Sicher bahnt sich Anders den Weg über das Eis. Gleichmäßig geht es dahin. Ein Klacken, wenn die Schlittschuhe aufsetzen, ein Kratzen, wenn sie darüber hinweggleiten. Ansonsten nur das Heulen des Windes, der eigene Herzschlag und die unberührte Landschaft. Manchmal tauchen am Horizont schemenhaft andere Läufer auf. Synchron in langen Reihen skaten sie hintereinander, getaucht in gleißendes Sonnenlicht, das das Eis fast schmerzhaft in die Augen strahlen lässt. Kommt der Wind von hinten, heißt es weitergleiten, immer weiter.

Doch das Schweben über das perfekte, schwarze Eis, durch das die Tiefe des Meeres schimmert, währt nicht ewig. Manchmal bedeckt Schnee die spiegelglatte Oberfläche und bremst die Schlittschuhe unsanft. Schmilzt er wieder, bildet sich eine rauhe Buckelpiste. Den einen oder anderen Fahrer hebt es da schon mal aus den Kufen. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kann die oberste Eisschicht außerdem weich werden. Wenn sie zerklirrt, bricht der Eisläufer zwar nicht ein. Doch auf doppeltem Boden sind Gleichgewichtssinn und Reaktionsvermögen gefragt. „Man muss einen Blick für das unterschiedliche Eis entwickeln”, sagt Anders.

Besonders Niederländer begeistern sich fürs Tourenskating. Zu Hause gehören viele einem Eislaufverein an, regelmäßig drehen sie im Stadion ihre Runden. Um in den Genuss des Natureises zu kommen, reisen sie nach Schweden. Frostige Winter sind in den Niederlanden selten geworden.

Auf den riesigen Eisflächen kennen fortgeschrittene Skater kein Halten mehr. Tief in den Knien, den Oberkörper nach vorne gelehnt, erreichen sie leicht 30 Stundenkilometer. An einem Tag nehmen sie mehr als 60 Kilometer unter die Kufen. Wer da hinterher will, kommt schnell ins Schwitzen, eingepackt in lange Unterhosen und Fleecepulli unter dem Anorak.

Aber auch die Profis müssen stets auf der Hut sein. Natureis ist niemals gleichmäßig dick. Anders kann die Gefahr hören. Knarrt es dumpf und tief unter den Kufen, ist das Eis stabil. Je höher das Scharren klingt, desto dünner ist es. Knackt es, schrillen bei ihm die Alarmglocken. „Der Mensch hat ein sensibles Gehör für brechendes Eis”, erklärt der Guide. Ein Überlebensmechanismus aus grauer Vorzeit.

Respekt vor der Natur ist angebracht, Angst nicht. Anders geht seit 40 Jahren mit Gruppen auf das Eis. Er versprüht das Gefühl, dass nichts schiefgehen kann. An diesem Wochenende hat sich Anders der gemächlicheren Fahrer angenommen. „Business Class” nennt er seine Gruppe liebevoll. Ertrunken sei bei ihm noch keiner, garantiert er grinsend. Wer einbricht, erfriere eher. Um die null Grad hat das Wasser unter der Oberfläche im Winter. Jede Minute zählt. Ohne zwei Eispickel lässt der Guide deshalb niemanden auf das Eis. Diese Nägel mit Griff trägt jeder Skater um den Hals, dazu eine Trillerpfeife. Wer einbricht, kann die Spitzen ins Eis rammen und sich daran an Land ziehen.

Zum Lebensretter kann auch der Rucksack werden, den jeder Schlittschuhfahrer tragen muss - mit knapp neun Kilo kein Leichtgewicht. In einer wasserfesten Tüte befindet sich darin Wechselkleidung. Wer baden gegangen ist, muss sofort raus aus den nassen Klamotten. Der Rucksack mit der Zweitgarderobe dient im Wasser auch als Schwimmweste. „Er treibt den Eingebrochenen an die Oberfläche”, erklärt Anders. An den Rucksackträgern sind Rettungsleine und Karabinerhaken befestigt.

Auf einer der unzähligen Steininseln im Schärengarten Stockholms treffen sich Sprinter und gemütliche Läufer zum Mittagessen wieder. Aus den Jacken dampft es, über den trockenen Birken und Kieferästen zieht der Rauch in den tiefblauen Himmel. Wer 20 Kilometer in den Beinen hat, für den wird ein gegrilltes Würstchen zum Festmahl.

Zwei Niederländer haben bereits ihre Erfahrung mit den Tücken des Natureises gemacht. In Wechselkleidung sitzen die Bruchpiloten am Lagerfeuer und wärmen sich. Sie sind nicht genau genug der Spur ihres Führers gefolgt. Die Guides klopfen Risse durchs Eis mit einem Stock ab. Wenn sie ihr Okay geben, darf die Gruppe langsam die Bruchstelle passieren.

In der Ferne reihen sich die Inseln aneinander. Knapp 30 000 sind es im Schärengarten von Stockholm auf einer Fläche von rund 6000 Quadratmetern. Manche sind bewaldet und bewohnt, die kleineren felsig und rund. Zu vielen weiß Anders eine Geschichte. Da gibt es den kleinen Felsarchipel, der Astrid Lindgrens Kinderbuch „Ferien auf Saltkrokan” den Namen gab. Oder die Insel, die sich Skype-Gründer Niklas Zennström, ein Schwede, gekauft hat. Viele Stockholmer besitzen Sommerhäuser in den Schären, im Winter sind sie verlassen. Entstanden ist die zerklüftete Küstenlandschaft in der Eiszeit.

Eiszeit wollen nun auch wieder die ersten Skater. Sie haben genug vom Ausruhen und wollen wieder die Kufen schwingen. Wer schon an einer Skating-Tour teilgenommen hat, weiß, dass schönes Wetter und gutes Eis nicht selbstverständlich sind. Bengt Kull, dessen Firma 30.000 Öar Schlittschuhwanderungen anbietet, kennt das Risiko. Seit 13 Jahren organisiert er Wochenendtouren, fünf bis zehn von Januar bis März. Manchmal waren es minus 30 Grad oder es schneite so sehr, dass das Eis unter weißen Bergen verschwand.

Gutes Eis ist nicht leicht zu finden. „Wir mussten einmal 350 Kilometer fahren, bis wir eine gute Stelle gefunden haben”, erzählt Bengt Kull. Auf der Homepage des Stockholmer Schlittschuh-Clubs SSSK, mit 12.000 Mitgliedern der größte Schwedens, geben sich die Sportler Tipps, bewerten das Eis auf Seen und in den Buchten, warnen vor gefährlichen Stellen. Satellitenbilder der Nasa zeigen die Eisdecke. Rund 300.000 Skater sind in Schweden derzeit in 30.000 Vereinen organisiert, Tendenz steigend. Anhänger hat die Sportart, die vor rund 100 Jahren das Militär aufgebracht hat, inzwischen auch in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Doch trotz aller moderner Hilfsmittel muss ein Guide Temperatur, Wind und Luftfeuchtigkeit richtig deuten - und im Zweifel eine Tour abbrechen. Anders zögert nicht. In einer Bucht im Schärengarten nördlich von Stockholm sind ihm die Bedingungen zu riskant. Mit seinem Stock klopft er die Oberfläche ab. Immer wieder durchbricht der Stock das dünne, weiche Eis. Anders blickt auf seine Karte und sagt: „Ich habe eine Entscheidung getroffen: Wir fahren zurück.”
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