Die Stätten der frommen Frauen: Beginenhöfe in Flandern

Von: Bernd F. Meier, dpa
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In den Beginenhöfen finden Besucher prächtige Gotteshäuser - wie hier die St.-Margareta-Kirche in Lier. Foto: Bernd F. Meier/dpa/tmn

Brügge/Lier. Sie waren die Glaubensburgen der Kreuzfahrer-Witwen Flanderns, doch heute eint die Beginenhöfe der verschiedenen Städte nur noch ihre Geschichte. In einem wohnen nun Studenten, in einem anderen Künstler. Doch im schönsten der Höfe hören Besucher heute noch den Choralgesang frommer Frauen.

Sankt Catharina, Sankt Hubertus und Sankt Margareta heißen die Häuser in der kleinen Oude Kerkhofstraat. Nach Hausnummern fragen die Besucher hier im Beginenhof des Städtchens Lier in Flandern vergebens.

„Im frühen Mittelalter haben sich die Menschen an den Namen von Heiligen orientiert, so fanden sie stets das richtige Haus”, erzählt Liers Stadtführer Willy van Elsen beim Rundgang über holpriges Pflaster. „Hausnummern gibt es ja erst seit dem 18. Jahrhundert.”

Zu dieser Zeit war der Beginenhof von Lier bereits rund 500 Jahre alt. Er ist einer der 32 erhaltenen Höfe in Flandern, die allesamt im frühen Mittelalter errichtet wurden. 13 der Beginenhöfe wurden 1998 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen.

Ein Besuch gleicht einer Zeitreise in das 13. Jahrhundert. Damals zogen viele Männer als Kreuzritter nach Jerusalem, einige kehrten nicht zurück. Der Überlieferung nach schlossen sich vielerorts Witwen und Waisen zu Gemeinschaften der Beginen zusammen. Beginen mussten kein Ordensgelübde ablegen, gelobten aber Keuschheit sowie Gehorsam und folgten den Regeln einer gewählten Vorsteherin. Die Frauen sorgten selbst für ihren Lebensunterhalt: Sie webten Leinen, klöppelten Spitze und pflegten die Kranken und Armen.

Heute künden nur die beschaulichen Bauwerke von der Geschichte der frommen Frauen in Flandern. „Wie ein kleines Dorf am Rand der Stadt ist unser Beginenhof auch noch heute”, sagt Fons Bonroy in der kleinen Zweigstelle des Tourismusbüros in dem 10.000-Einwohner-Städtchens Diest.

400 Beginen, 160 Kinder und 40 Novizen lebten zur großen Zeit Ende des 17. Jahrhunderts in den durch große Tore abgeschotteten Häuserzeilen. Bereits 1926 endete ihre Ära in Diest. „Heute sind die 81 Häuser ganz normale Wohnungen, die von der Gemeinde vermietet werden”, erklärt Bonderoi. In manchen haben sich Künstler niedergelassen - Keramiker, Illustratoren, Cartoonisten.

Das Xaveriushuis mit dem schmucken Kräutergarten wurde hingegen zum modernen Kochstudio umgestaltet. In dem flämischen Zentrum für Ess- und Tischkultur werden regelmäßig Kochkurse angeboten. Manchmal gibt sich der Fernsehkoch und ehemalige Küchenchef der königlichen Familie, Felix Alen, in dem 400 Jahre alten Gebäude die Ehre. Mit seinen Gästen bereitet er dann feine Witloof-Gerichte zu. Das ist der bitter schmeckende Chicorée, der auf flämischen Feldern heranwächst.

Weltliches Treiben in Diest, religiöses Leben in Brügge: Seiner ursprünglichen Bestimmung als Ort der Besinnung und des Gebets kommt der dortige Beginenhof noch besonders nahe. 26 Schwestern des Benediktiner-Ordens leben in einem Teil des um 1250 entstandenen „Wijngaard” (Weingarten). „Wir sind ein lebendiges Symbol, dass es neben der Welt draußen vor den Türen des Beginenhofes noch eine andere Welt gibt”, sagt die 71-jährige Schwester Stephanie: „Die Welt der Spiritualität.”

Das empfinden auch viele Besucher aus aller Welt so, wenn sie den Gebeten und dem Gregorianischen Choralgesang der Ordensfrauen in der Kirche lauschen. Mehr als 3,5 Millionen Touristen kommen Jahr für Jahr ins historische Brügge. „Und die meisten besuchen sicherlich bei ihren Streifzügen durch die Stadt auch den Beginenhof”, schätzt Jean-Pierre Drubbel vom Tourismusbüro Brügge.

Wie im frühen Mittelalter werden auch heute noch abends um 18.30 Uhr die schweren Tore des „Wijngaard” bis zum folgenden Morgen verschlossen. Dann sind auch die Besucher des Klosters, die für ein paar Tage im Gästehaus Abstand vom Alltag suchen, aller Hektik weit entrückt.

Der Brügger Beginenhof gilt manchen Besuchern als der schönste in Belgien: Im weiten Rund gruppieren sich die weiß gekalkten Backsteinhäuschen um das Rasengrün der Parkanlage. Von Stürmen der nahen Nordsee zur Seite geneigt sind die kirchturmhohen kanadischen Pappeln. Im Frühjahr erstrahlen auf dem Rasen Tausende Narzissen in leuchtendem Gelb.

Stressiger geht es im Großen Beginenhofes in Leuven zu: 450 Studenten und Professoren dienen die frühmittelalterlichen Mauern als Bleibe während ihrer Zeit an der größten Katholischen Universität Belgiens. „Die Studenten dürfen die bis zu 70 Quadratmeter großen Buden maximal drei Jahre lang nutzen”, erläutert die Kunsthistorikerin Suzanne van Aerschot. Die Appartements im Großen Beginenhof sind begehrt, die Warteliste ist lang. „In der Stille des Beginenhofes lässt es sich eben gut arbeiten.”

Informationen: Tourismus Flandern-Brüssel, Cäcilienstraße 46, 50667 Köln, Tel.: 0221/270 97 70, E-Mail: info@flandern.com.
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