Keswick - Die Seniorenresidenz lockt Abenteurer: Der Lake District wandelt sich

Die Seniorenresidenz lockt Abenteurer: Der Lake District wandelt sich

Von: Thorsten Wiese, dpa
Letzte Aktualisierung:
Lake District
Natürliches Kanu-Revier: Die vielen Seen bieten viel Raum zum Paddeln. Foto: dpa

Keswick. Der Lake District galt lange als heiles Bilderbuch-England für Senioren, und er lebte gut davon. Doch in den vergangenen Jahren hat die Region einen Imagewechsel geschafft - dank einer Seuche.

Sind die Berge so hoch oder ziehen die Wolken so tief? Als wir uns im Nieselregen an den Aufstieg im Langdale Valley machen, verstecken sich die Gipfel des Lake Districts im Trüben. Das Innehalten und Umherblicken lohnt sich trotzdem. Wer den Kopf hebt, sieht Wiesen und Schafe am Wegesrand, Falken und Eichhörnchen. Kleine Wasserfälle stürzen den Berg hinab.

Grobe Felsstufen weisen uns den Weg. Geübte können abseits des Weges auf schroffem Gestein steilere Partien erklettern. Und neben den Wanderrouten gibt es heute in Großbritanniens größtem Nationalpark noch weitaus mehr zu erleben: Die Region bemüht sich, zum Ziel für Outdoor-Sportler zu werden.

Das Langdale Valley erstreckt sich einige Kilometer nordwestlich des größten Sees, des Lake Windermere. Eine Wanderung durch das Tal ist eine der bekanntesten Touren im Lake District, wie uns Bergführer Andy Cave sagt. Bei klarer Sicht sei der Ausblick spektakulär, versichert er uns - auf weite Täler, grüne Wiesen und einsame Landcottages.

Andy kann das beurteilen. Der Buchautor ist einer der erfahrensten Hochgebirgs-Kletterer Großbritanniens, er hat Gipfel auf der ganzen Welt bestiegen. Die abwechslungsreiche Landschaft im Lake District ist für Andy dennoch etwas Besonderes. Er wohnt in der Nähe und kommt regelmäßig hierher. Und er beobachtet seit langem den allmählichen Wandel: „Es hat sich viel verändert. Es kommen immer mehr Touristen. Und sie wandern fast alle dieselben Wege entlang.” Wie viele Bergwanderer sorgt sich Andy um die Natur und die Zukunft des Gebiets in Zeiten, in denen sich das Klima wandelt und der Outdoor-Tourismus zunimmt.

Dabei waren hohe Besucherzahlen in der jüngeren Vergangenheit nicht der Normalfall. Die Maul- und Klauenseuche stellte die Tourismuswerber im Lake District vor etwa zehn Jahren vor große Probleme. Jahrzehntelang konnten sie sich auf die Reize des ländlichen Englands verlassen: alte britische Landhäuser, dicht wuchernde Cottage-Gärten, Teehäuser und Steinmäuerchen, die satte Wiesen begrenzen. Es ist die heile Welt aus Enid Blytons Geschichten von den „Fünf Freunden”, die Besucher hier bestaunen dürfen.

Und das Wetter hat die Besucher noch nie von einer Tour in den Lake District abgehalten. Die rustikale Landschaft, gemütliche Pubs, die vielen Seen und das literarische Erbe des englischen Dichters William Wordsworth überstrahlten lange jede dunkle Wolke am Himmel.

„Seit 2001 ist alles anders”, sagt Jeff in der Tourismusinformation von Keswick, einem der größeren Orte im Lake District. „Viele Touristen sind nach der Seuche nie zurückgekommen. Vorher passierte der Tourismus einfach.” Liebespaare kamen für ein Wochenende im Landhotel. Rentner buchten sich ein oder kauften gleich einen Altersruhesitz. Tennisanlagen und Marinas an den Ufern der 16 größeren Seen zeugen noch heute davon. Seit einiger Zeit verschiebt sich der touristische Fokus vom Wasser zu den Bergen.

Vom Altersruhesitz der Betuchten wandelt sich die Region zur Familiendestination und zum Ziel für Aktivurlauber. In der Fußgängerzone von Keswick lässt sich diese Entwicklung gut beobachten. Die Rentner sind noch immer noch da, doch sie tragen nun bunte Outdoor-Kleidung und Wanderstöcke. Ein Ausrüstungsgeschäft reiht sich in dem kleinen Städtchen an das nächste. Überall werden Bücher mit Wanderrouten oder Mountainbike-Touren durch den Nationalpark angeboten.

Knapp zwei Drittel der jährlich 15 Millionen Besucher sind nach Zahlen des Fremdenverkehrsamtes von Cumbria älter als 45 Jahre. Der Anteil der jungen Familien mit Kindern steige aber seit Jahren an. „Wir wollen mit unseren Kampagnen den Eindruck der Leute ändern, dass der Lake District nur etwas ist, wo alte Leute hinfahren”, sagt Julie Darroch, Sprecherin bei Cumbria Tourismus.

Das Ausbleiben der Touristen nach der Seuche hat die Tourismuswerber zur Modernisierung gezwungen. Jetzt setzen sie auf den Outdoor-Tourismus: 2012 will der Lake District den Titel „UKs Adventure Capital” - Abenteuer-Hauptstadt Großbritanniens - gewinnen. Mit neuen Routen für Mountainbiker, Kletterparks, angeleiteten Touren sowie Ausflügen im Kanu, Kajak oder zu Pferde.

Das sprichwörtlich miese Wetter haben die Tourismuswerber dabei auf ihrer Seite. Denn es wird zwar nie sommerlich heiß im Lake District - aber eben auch nie wirklich kalt. Im Juni liegt die Durchschnittstemperatur nach Angaben der Nationalparkverwaltung bei 15 Grad Celsius, im Januar bei 3 Grad - gute Bedingungen für Natursportler. „Wir haben hier kaum Bäume. Es ist nicht der Schwarzwald. Aber man kann deshalb auch überall wandern und klettern”, sagt Mike Parsons. Er lehrt an der Universität Lancaster und lebt seit zwölf Jahren im Lake District. Das Gebiet, sagt er, sei möglicherweise „die einzige Ganzjahres-Outdoor-Region der Welt”.

Der Lake District

Reiseziel: Der Lake District ist mit 2292 Quadratkilometern Englands größter Nationalpark. Er liegt im Nordwesten, etwa 150 Kilometer von Manchester entfernt. Einige Kilometer im Westen sind Atlantikküste.

Anreise: Manchester ist von vielen deutschen Flughäfen per Direktflug erreichbar. Von dort aus gibt es durchgehende Zugverbindungen in den Nationalpark - nach Windermere zum Beispiel in weniger als zwei Stunden.

Informationen: Hintergrundinformationen, Wanderempfehlungen, Ratschläge rund um Ausrüstung und Wetter sowie Unterkünfte gibt es auf der Seite des Nationalparks unter http://www.golakes.co.uk und beim Fremdenverkehrsamt unter http://www.cumbriatourism.org .
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert