Kiel/Trier - Die Renaissance der Muße: Viele Urlauber sehnen sich nach Ruhe

Die Renaissance der Muße: Viele Urlauber sehnen sich nach Ruhe

Von: Andreas Heimann, dpa
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Kiel/Trier. Sangria aus Zehn-Liter-Eimern und Party bis zum Morgengrauen - für manche soll der Urlaub maximalen Spaß bringen. Aber die Fraktion derer, die genau das Gegenteil will, wird größer: Muße statt Mucke, Entspannen statt Enthemmen, Selbstfindung statt Sauforgie.

Bei manchem Veranstalter gibt es Reisen zu buchen, die vor allem eines bieten: die Möglichkeit, im Urlaub zu sich selbst zu kommen und über Fragen nachzudenken, für die sonst wenig Zeit bleibt.

„Der bunten Urlaubswelt wird ja oft vorgeworfen, immer oberflächlicher zu werden”, sagt Prof. Martin Lohmann. „Aber es gibt auch den Gegentrend dazu, hin zu mehr Tiefe”, beobachtet der Tourismusforscher aus Kiel. Noch sei es ein kleiner Kreis, der vor allem Urlaub macht, um Ruhe und sich selbst zu finden. „Aber es ist eine zunehmende Entwicklung innerhalb des Tourismus.”

Die Erwartungen an den Urlaub sind dabei zum Teil unterschiedlich: Da gibt es nach Beobachtung des Wissenschaftlers zum einen die Gruppe derer, die vor allem Zeit für sich selbst haben möchte. „Schließlich ist Zeit für manche heute genauso Luxus wie für andere ein Marmorbad.”

Diesen Reisenden gehe es allerdings nicht unbedingt darum, im Urlaub Sinnfragen zu klären. Andere hoffen dagegen, dass Selbstbesinnung und die Suche nach Antworten auf grundlegende Fragen auch über den Urlaub hinaus wirken: „Es kann durchaus sein, dass einige die therapeutischen Effekte dabei überschätzen”, sagt Lohmann.

Der Leiter des Zukunftsinstituts und Trendforscher Matthias Horx hat schon im Jahr 2003 vorhergesagt, dass sich das „Ich” als neue Reisedestination etablieren werde.

„Und diese Prognose erfüllt sich auch”, sagt Susanne Leder, die ihre Doktorarbeit über „Muße im Tourismus” geschrieben hat. Statt Expeditionen in die entferntesten Winkel der Welt sind „Reisen zu sich selbst” im Kommen.

„Selfness” ist das Schlagwort dafür, wenn Selbstfindung und Entschleunigung, Besinnung und innere Ruhe im Mittelpunkt des Urlaubs stehen sollen.

„Mußetourismus” nennt Susanne Leder passende Angebote - zu denen Wander- und Hüttenurlaube, Meditationswochen und Wüstenreisen zählen, wenn es dabei vor allem um die Auszeit vom Alltag geht. Aber auch Klosteraufenthalte gehören dazu, wie sie zum Beispiel in der Abtei Münsterschwarzach in Mainfranken und im Kloster Dinklage im Landkreis Vechta gebucht werden können. Wachsenden Bedarf an solchen Urlaubsformen sieht Susanne Leder vor allem vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen: Der Trend zu immer höherem Leistungsdruck am Arbeitsplatz störe bei vielen die Balance aus An- und Entspannung, sagt Leder, die für die Tourismusregion Müllerthal in Echternach in Luxemburg arbeitet.

Zeitknappheit, Hektik und Komplexität des Alltags haben zur Folge, dass sich gerade diejenigen, die beruflich stark gefordert sind, im Urlaub weniger Abwechslung und Unterhaltung wünschen, sondern Ruhe und Muße. Dieser Wunsch sei aber kein Managerphänomen: „Komplexität und Technisierung des Berufslebens betrifft fast jeden”, sagt Leder. „Der Trend wird deshalb noch zunehmen.”

„Einerseits haben die Menschen heute ein hohes Maß an persönlicher Freiheit”, ergänzt Prof. Heinz-Dieter Quack. „Andererseits sind sie auch für vieles allein verantwortlich, was früher sicher schien - wie die Altersvorsorge”, erklärt der Leiter des Europäischen Tourismus Instituts (ETI) in Trier.

Viele fühlten sich vom Alltag überfordert, „die Orientierung wird schwieriger”. Und viele Fragen stellten sich drängender als für frühere Generationen: „Wie möchte ich leben? Wie viel will ich arbeiten? Will ich mit meinem Partner zusammenleben?”

Oft ist im hektischen Alltag keine Zeit, sich lange mit der Suche nach Antworten zu beschäftigen. Fast zwangsläufig bleibt dafür nur der Urlaub: Der soll dann auch Gelegenheit bieten, Abstand zu gewinnen und sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen. Das heißt nicht unbedingt, dass diejenigen, die solche Bedürfnisse haben, den kompletten Urlaub damit zubringen wollen.

Auch dafür gibt es zwar bei einigen Veranstaltern passende Angebote. Realistischer ist aber, dass nur ein Teil der Urlaubszeit dafür reserviert bleibt - „zum Beispiel 2 bis 3 von 14 Tagen”.

Dass die Zahl derjenigen zunimmt, die sich Mußeurlaub gönnt, davon ist Susanne Leder überzeugt. „Aber das wird auch in Zukunft nichts für die Massenveranstalter sein”, sagt Prof. Lohmann. „Das wäre in gewisser Hinsicht auch ein Widerspruch in sich.”

Urlaub für Sinnsucher bleibt oft an der Oberfläche

Viele Angebote zum Mußeurlaub seien eine Form von „mentaler Wellness”, sagt der Tourismusforscher Prof. Heinz-Dieter Quack aus Trier. Sie sollen dazu beitragen, dass sich der Urlauber wohler fühlt und entspannter wirkt. „Es ist wie "Psychotherapie light", vergleichbar mit dem, was früher die Urlaubsseelsorge oft geleistet hat.” Mit Religion im engeren Sinn hat das wenig zu tun, auch wenn vieles aus religiösen Traditionen entlehnt ist - vom Fasten bis zur Meditation. „Aber das kratzt nur an der Oberfläche”, sagt Quack.

Prof. Martin Lohmann sieht das ähnlich kritisch. Zum Teil werde dabei vieles bunt durcheinandergemischt: Ein bisschen Hatha-Yoga und ein bisschen Ayurveda-Massage, ein bisschen Atem-Meditation, ein Hauch von Kontemplation nach den Vorstellungen mittelalterlicher Mystiker und eine Prise altindische Weisheitslehre. Authentisch im Sinne von an den ursprünglichen Vorbildern orientiert sei das in den seltensten Fällen: „Das ist oft so, als wenn in einem Tiroler Hotel von einer polnischen Masseurin original Hawaiianische Massage angeboten wird”, bemängelt der Tourismuswissenschaftler aus Kiel.

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