Svolvaer - Die Lofoten: Wikinger, urige Fischerdörfer und wilde Natur

Die Lofoten: Wikinger, urige Fischerdörfer und wilde Natur

Von: Juliane Matthey, ddp
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Landschaft auf den Lofoten: Wir sind auf den Lofoten, nicht weit von der norwegischen Küste entfernt, mehr als 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, wo die Sonne im Sommer wochenlang nicht untergeht und sich im Winter fast ebenso lang gar nicht zeigt. Foto: ddp

Svolvaer. Den fensterlosen Raum erhellen nur einige Öllampen. Erwartungsvoll blicken die Gäste auf den Hausherrn. Die Götter will er besänftigen, auf dass sie nach dem langen, dunklen Winter die Sonne zurückbringen.

Eine beeindruckende Erscheinung ist der Häuptling, wie er tanzt und in dröhnendem Bass singt, ein Wolfsfell auf dem Kopf, einen Dolch am Gürtel. Als die Zeremonie vorbei ist, hoffentlich erfolgreich, verkündet er in lupenreinem Englisch, dass das Festmahl beginnen kann: Hammel und Steckrüben, fetter Käse und Preiselbeeren, dazu Met. Aber zuvor darf eins nicht fehlen: ein vielstimmiges „Skal!”.

Wir sind auf den Lofoten, nicht weit von der norwegischen Küste entfernt, mehr als 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, wo die Sonne im Sommer wochenlang nicht untergeht und sich im Winter fast ebenso lang gar nicht zeigt. Das Festmahl findet in einer originalgetreuen Nachbildung des größten je gefundenen Wikinger-Langhauses statt. Hier, im Wikinger-Museum auf der Insel Vestvagoy, wird Besuchern die Zeit der Wikinger nähergebracht.

Jeden Winter wurden damals die Götter beschworen - schließlich konnte man nie wissen, ob die Sonne wirklich wieder zurückkommt. Dass bei unserem Besuch längst der Frühling Einzug gehalten hat und es schon bis spät in den Abend hell bleibt, trübt den Spaß am Wikinger-Spektakel kaum.

Nach dem üppigen Mahl geht es per Bus weiter auf die benachbarte Insel Austvagoy. Die Landschaft lässt selbst Weitgereisten den Atem stocken. Bauernhöfe und kleine Dörfer schmiegen sich zu Füßen mehr als tausend Meter hoher Berge, deren schneebedeckte Gipfel sich im unbewegten Wasser zahlloser Buchten spiegeln. Über allem liegt dieses eigentümlich silberne Licht, von dem Generationen von Malern schwärmten.

Auf Austvagoy liegt Svolvaer, mit 4300 Einwohnern größte Stadt der Lofoten. Hier hängt vom Januar bis in den Sommer hinein Fischgeruch in der Luft. Seine Quelle ist unverkennbar: ganze Wälder von Stockfischgerüsten, an denen Dorsche so lange an der Seeluft trocknen, bis sie hart sind wie Knüppel. Seit dem 12. Jahrhundert bringen Schiffskonvois die Stockfische nach Bergen, von wo aus sie in alle Welt weiterverkauft werden - vor allem nach Südeuropa, wo sie als Fastenspeise zu Nationalgerichten wurden.

Die meisten Fische werden von Januar bis April gefangen. In dieser Zeit kommen seit Menschengedenken riesige Kabeljauschwärme aus der Beringsee, um zu laichen. Und seit Jahrhunderten kommen zugleich Tausende Fischer aus ganz Norwegen, um sich vom Kabeljau reich machen zu lassen. Den meisten gelang dies nie und viele verloren ihr Leben schon auf der Hinreise: Nur eine schmale Meerespassage, Vestfjord genannt, trennt die Lofoten vom Festland, doch der Vestfjord ist tückisch, und zahllose Lofotfischer haben hier ihr Leben verloren.

Noch heute bestimmt das Meer das Leben der Lofoter. Obwohl die Inseln inzwischen über Brücken und durch die Luft zu erreichen sind, kommen die meisten Besucher noch immer mit dem Schiff - vor allem mit Hurtigruten, jener 1873 auf den benachbarten Vesteralen gegründete und heute bei Norwegen-Fans legendäre Postschiffgesellschaft.

Per Schiff geht dann auch die Reise weiter Richtung Stokmarknes auf den Vesteralen. Inzwischen ist es Nacht geworden, doch richtig dunkel ist es nicht: Vollmond und Sterne tauchen die Berge in ein gespenstisch blaues Licht. Die Felswände erscheinen beunruhigend nah hier im Raftsund und manch ein Passagier hofft wohl insgeheim, dass der Kapitän trotz der späten Stunde noch hellwach navigiert.

Noch enger wird es im angrenzenden Trollfjord, der an manchen Stellen mit hundert Metern scheinbar kaum breiter ist als das Schiff. Ihm setzte der Schriftsteller Johan Bojer ein literarisches Denkmal: Im Roman „Die Lofotfischer” beschreibt er, wie diese in ihren Segelbooten 1880 in der „Schlacht im Trollfjord” über die dampfbetriebene Konkurrenz triumphierten. Sie enterten die Dampfschiffe, die ihnen den Weg zu den Fischgründen versperrt hatten und fingen in wenigen Tagen über eine Million Dorsche.

Heute sind die Zeiten des jährlichen Kabeljaurausches Vergangenheit. Überfischung und Industrialisierung der Fischerei sorgten dafür, dass nicht mehr Zehntausende Fischer auf den Lofoten überwintern, sondern nur mehr 3000. Was bleibt, ist der ewige jährliche Wechsel von Sommer und Winter, von Monaten des Lichts und der Dunkelheit. Und dass die - nicht ganz echten - Wikinger bis heute die Götter beschwören, nach den langen Winterwochen die Sonne wieder zurückzubringen, kann sicher nicht schaden.
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