Die faste vergessene Nazi-Autobahn

Von: Georg Etscheid, ddp
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Gmünden am Main. Wer mit Dieter Stockmann bei Gmünden am Main durch die unterfränkischen Wälder stiefelt, stößt an vielen Stellen über halbfertige Brücken, Straßenüberführungen, die sinnlos in der Gegend herumstehen.

Daneben gibt es dicht bewachsene Geländeeinschnitte und Dämme, die erst auf den zweiten Blick als menschliche Schöpfungen zu erkennen sind. Insgesamt sind dort 47 Relikte einer „vergessenen Autobahn” zu finden - ein Teil von ihnen steht sogar unter Denkmalschutz.

Zur Nazizeit befand sich in der abgelegenen Region eine der wichtigsten Reichsautobahnbaustellen. Auf einer Länge von 30 Kilometern wurde dort zwischen 1936 und 1939 die „Strecke 46” aus dem Boden gestampft, als Teil der geplanten Nord-Süd-Verbindung von Hamburg zum Bodensee. Bis zu 6000 Bauarbeiter waren mit den Erd- und Betonierungsarbeiten beschäftigt.

Als Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach, wurden die Bauarbeiten eingestellt. Damals fehlte über weite Strecken nur noch der Straßenbelag aus Beton.

Nach dem Krieg wurde die „Strecke 46” nicht weitergebaut und geriet in Vergessenheit. Die heutige Autobahn Würzburg-Fulda verläuft ein deutliches Stück weiter östlich.

Stockmann ist Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Main-Spessart. Seit vielen Jahren erforscht er die „vergessene Autobahn” und führt mehrmals im Jahr Besuchergruppen zu ihren Relikten. „Vom Betriebsausflug bis zum Kegelclub war schon alles dabei”, sagt Stockmann.

Dass der Bau der „Strecke 46” nach dem Krieg nicht wieder aufgenommen wurde, lag, wie Stockmann sagt, am Willen der Autobahnplaner, die Straßen möglichst harmonisch in die Landschaft einzufügen. Diese sollte durch die Autobahnen nicht, wie heute, zerschnitten werden, sondern bereichert und für „Autowanderer” erlebbar gemacht werden.

Das hatte jedoch teils waghalsige Streckenführungen mit engen Kurven und großen Steigungen zur Folge. Am „Gräfendorfer Hang” bei dem gleichnamigen Örtchen etwa drei Neunzig-Grad-Kurven hintereinander und eine Steigung von 7,8 Prozent.

„Da wäre im Winter kein Lastwagen hochgekommen”, sagt Stockmann. Die Autobahn war an dieser Stelle nur für Höchstgeschwindigkeiten von gerade mal 40 Stundenkilometern ausgelegt.

Um die „Strecke 46” unter Denkmalschutz stellen zu lassen, musste Stockmann viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Lokalpolitiker vor Ort wollten nicht an die Nazi-Vergangenheit erinnert werden. Manche befürchteten gar, die Strecke könne zum Pilgerort für Neonazis werden. Stockmann hält diese Befürchtungen für unbegründet. ”Die Strecke 46 ist doch eher ein Symbol für das Scheitern einer Ideologie„, sagt er.

Einen Neonazi habe er bei den Touren, für die er nur im Internet, im Jahresprogramm des Naturparks Spessart sowie in einem selbst verlegten Buch wirbt, jedenfalls noch nicht getroffen.

Allmählich scheint sich herumzusprechen, dass die alte Autobahn in der strukturschwachen Region ein touristisches Pfund sein könnte. Mehrere Gemeinden denken darüber nach, wie sie die Autobahn für interessierte Gäste besser erschließen können.

”Man könnte eine wunderbare Wanderroute auf die Strecke legen, mit erklärenden Hinweistafeln, so eine Art Autobahnlehrpfad„, sagt Robert Herold, zweiter Bürgermeister der Marktgemeinde Burgsinn. Nur die Jäger sind wenig begeistert von dieser Idee, den örtlichen Tourismus anzukurbeln. Sie wollen keinen Rummel im Wald.
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