Die barocke Basketball-Hauptstadt: Entdeckungen in Vilnius

Von: Benedikta Levonaite, dpa
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Ganz entspannt: Der Glockentrum am Kathedralenplatz zeigt nur die Stunden an. Foto: dpa

Vilnius. Vilnius macht es Besuchern leicht, sich sofort wohlzufühlen: Schlanke Türme, anmutige Gässchen und großzügige Plätze schmiegen sich an sanfte Hügel, dort wo die Flüsse Neris und Vilnia zusammenfließen. Auf den zweiten und dritten Blick überrascht die Hauptstadt der größten Republik des Baltikums mit Außergewöhnlichem.

„War Verona die Stadt der jungen Liebe von Romeo und Julia, so ist Vilnius die Stadt der reifen Liebe von Sigismund August und Barbora”, sagt Lina Cebatoriene. Die ehemalige Deutschlehrerin hat sich als Stadtführerin auf Vilniusser Frauen- und Liebesgeschichten spezialisiert. Und Liebesgeschichten - reale und imaginäre - gibt es im mythologieverliebten Litauen reichlich.

Die von Sigismund August und Barbora ist die Geschichte einer Liebe gegen die Schranken der Standesregeln. Als seine erste Frau Elisabeth von Habsburg gestorben war, verliebte sich der litauische Großfürst und polnische König in die ebenfalls verwitwete Barbora aus der Radvila-Adelsdynastie.

Im damals fortgeschrittenen Alter von 27 Jahren heirateten sie heimlich in Vilnius. Doch nur fünf Monate nach der Krönung zur Königin, die Sigismund August durchgesetzt hatte mit dem Risiko, seine eigene Krone zu verlieren, starb Barbora in Krakau.

Im dreiwöchigen Trauerzug nach Vilnius folgte Sigismund August dem Sarg zu Fuß und zu Pferd. Barboras Sarkophag liegt - wie der von Elisabeth - in der heute zugänglichen Krypta der Kathedrale von Vilnius. Das Anfang der 1980er Jahre geschaffene Barbora-Monument wurde erst nach dem Ende der Sowjetzeit als solches „geoutet”. Jetzt steht die knapp vier Meter hohe Figur am Grünstreifen der Vokieciu-Straße nahe des Alten Rathauses. Fraglich bleibt aber, ob Barbora tatsächlich Vorbild war für das Antlitz der Schwarzen Madonna in der Kapelle über dem Tor der Morgenröte war, wie von vielen vermutet wird.

Erwiesen, weil im Litauischen Statut des 16. Jahrhunderts nachzulesen, ist hingegen, dass Frauen im damaligen Litauen das Recht auf Besitz hatten und so als Witwen nicht ins Kloster abgeschoben werden mussten. Außerdem waren die Töchter den Söhnen erbrechtlich gleichgestellt. Erarbeitet wurde das Statut im Vilniusser Palast, bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts politisches und kulturelles Zentrum europäischen Ranges. Feinde und Feuer zerstörten den Palast jedoch wieder und wieder, und so wurde schließlich auf dem Gelände ein Park angelegt.

Als Litauen nach fast 50 Jahren sowjetischer Herrschaft 1990 unabhängig wurde, begannen Diskussionen über den Wiederaufbau des Palastes der Großfürsten von Litauen. 2002 wurde der Grundstein gelegt, 2009 wurde der Palast symbolisch eröffnet. Zwar ist das Gebäude für die Öffentlichkeit noch nicht permanent zugänglich, doch Sonderführungen und viele Veranstaltungen füllen es mit Leben.

„Der Palast ist kein Luftschloss, vielmehr Symbol jahrhundertelanger Tradition litauischer Staatlichkeit”, sagt die Vizedirektorin Jolanta Karpaviciene. 170 Jahre Fremdherrschaft in den vergangenen zwei Jahrhunderten haben kaum Sichtbares übrig gelassen vom Großfürstentum Litauen, das sich als eines der größten Länder des mittelalterlichen Europas von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte.

Multinational und multikonfessionell gibt sich die Hauptstadt Litauens auch im 21. Jahrhundert. Nur 57 Prozent der 550 000 Bewohner von Vilnius sind Litauer. Polen machen 19 Prozent aus, Russen 14 Prozent und Weißrussen 4 Prozent.

Nicht immer ist miteinander gelebt worden, oft nebeneinander, selten gegeneinander. Rund 50 Gotteshäuser verschiedener Konfessionen prägen Flair und Stadtbild. Manche sind versteckt, wie das Mariä Schutz und Fürbitte-Gebetshaus der Altgläubigen auf einer Hügelkette hinter dem Bahnhof. Jeden Sonntagmorgen ist die Kirche von sechs bis neun Uhr von Gesang erfüllt. Frauen haben nur in Kleid, mit bedeckten Armen und Kopftuch Zutritt. Die Altgläubigen, eine Abspaltung der Russisch-Orthodoxen Kirche, feiern in diesem Jahr ihre Ankunft in Litauen vor 300 Jahren.

Der katholische Nationalheilige Kasimir ist in in der Kasimirkapelle der Kathedrale zur letzten Ruhe gebettet. Die orthodoxe Heilig-Geist-Kirche wiederum zieht Gläubige mit den Reliquien der drei Heiligen Antonius, Johannes und Eustachius an, die vor mehr als 660 Jahren in Vilnius zu Tode gefoltert wurden. Ihre Körper liegen im Baldachin-Glasschrein.

Das katholische Litauen wurde als letztes europäisches Land 1387 christlich. Doch die vorchristliche Naturreligion ist bis heute gegenwärtig. Bei vielen Kirchen lohnt der Blick nach oben: Ihre Turmkreuze sind mit heidnischen Symbolen wie Sonnen oder Ringelnattern verziert.

Der litauische König Mindaugas ist sogar zur Naturreligion zurückgekehrt, nachdem er sich für die Königswürde hatte taufen lassen. Auf dem Sockel seines Denkmals vor dem Nationalmuseum finden sich sowohl heidnische als auch christliche Festtagsbezeichnungen.

Schon bei der ersten Stadtführung nehmen viele Besucher die entspannte Atmosphäre von Vilnius wahr. Nicht ohne Grund zeigt der Zeiger der Glockenturmuhr nur die Stunden an.

„As tave myliu”, ich liebe Dich, wird jedes Frühjahr mit roten Blumen auf dem rechten Ufer der Neris geschrieben. Und „ir as tave”, ich Dich auch, antwortet das linke Steilufer unmittelbar neben der Grünen Brücke. Die Idee für diese Liebesufer stammt vom Allround-Künstler Gitenis Umbrasas, der auch für die mittlerweile weltbekannte Wunderplatte zwischen Glockenturm und Kathedrale verantwortlich zeichnet.

„Als nach der wieder erlangten Unabhängigkeit die Privatisierung einem Ausverkauf Litauens gleichkam, wollte ich ein nicht-geldliches Zeichen setzen”, erklärt der Künstler. Deshalb habe er in einer Nachtaktion 1994 eine Platte mit dem litauischen Wort „stebuklas”, Wunder, auf dem Kathedralenkirchhof verlegt. „Ich war sehr erstaunt, als ich eines Tages vorbeiging und auf der Platte sich drehende Menschen sah”, erzählt Umbrasas. „Das soll Glück bringen, habe ich sie sagen hören.”

Auf einer kleinen Wiese im ehemaligen Nobelvorort Zverynas mit seinen 440 zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Holzhäusern streckt sich Gitenis Umbrasas „Zwitscherndes Kreuz” zum Himmel. Die vier Querbalken in sieben Metern Höhe bestehen aus Vogel-Nistkästen - alljährlich ausgebucht. Und im Hof des städtischen Kultur- und Bildungszentrums Mokytoju namai verpasste der 49-Jährige einer Kuh Flügel.

Nicht nur für Vögel und Kühe, auch für Heißluftballone und Luftschiffe bieten Vilnius und Umgebung von Anfang April bis Mitte Oktober hervorragende Thermik. Gute Startplätze finden sich in den Stadtparks wie Vingio und Kalnu Park. Als eine der wenigen Hauptstädte Europas darf Vilnius mit Ballonen überflogen werden - eine spektakuläre Perspektive auf die Stadt.

Für Höhenflüge sind auch die absoluten Lieblinge der Litauer berühmt: ihre Basketballer. Im August dieses Jahres wurde die U18-Nationalmannschaft Europameister, im September holten die Profis in Istanbul die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft. Wenn Litauen vom 3. bis 18. September 2011 erstmals seit 1939 wieder eine Basketball-Europameisterschaft ausrichten wird, wird das Land im Ausnahmezustand sein.

Basketball ist in Litauen Sport, Liebe und Religion. Auf jedem Kinderspielplatz, in jedem Hinterhof hängt ein Korb, selbst an der Außenmauer der spätbarocken Jakobus und Philippus-Kirche am zentralen Lukiskiu-Platz. Wahrscheinlich konnte nur in Vilnius ein Denkmal zu Ehren des Basketballs aufgestellt werden - knapp sechs Meter hoch und 30 Tonnen schwer, eingeweiht 2007 vom damaligen Staatspräsident und Premierminister. „Vilnius war immer eine wache und lebendige Stadt mit wachen und kreativen Menschen”, sagt Lina Cebatoriene.

Vilnius

Anreise: Deutsche Touristen fliegen in rund drei Stunden von Frankfurt am Main nach Vilnius. Mit dem Auto führt die Strecke über Frankfurt an der Oder und Warschau. Eine Fähre bringt Reisende mit und ohne Auto nach Klaipeda, das rund 300 Kilometer von Vilnius entfernt ist. Aus vielen größeren deutschen Städten fahren auch internationale Linienbusse nach Vilnius.

Geld: In Litauen wird mit Litas bezahlt. Ein Euro ist 3,45 Litas wert. Gängige internationale Kreditkarten werden so gut wie überall akzeptiert.

Sprache: Landessprache ist Litauisch, eine der ältesten indoeuropäischen Sprachen. Mehrsprachigkeit ist die Norm, Englisch und Russisch sind üblich, Deutsch ist verbreitet.

Unterkunft: Hotels, Hostels, Bed & Breakfast und Privatunterkünfte aller Kategorien sind reichlich vorhanden, auch internationale Hotelketten.

Informationen: Baltikum Tourismus Zentrale, Katharinenstraße 19-20, 10711 Berlin (Tel.: 030/89 00 90 91, E-Mail: info@baltikuminfo.de).

Tourismus-Informationszentrum Vilnius, Vilniaus gatve 22, LT-01119 Vilnius (Tel.: +370 5/262 96 60), E-Mail: tic@vilnius.lt).
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