Die Auszeit braucht Planung

Von: dapd
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Reise / Globus
Wer ein Sabbatical einlegen will, hat viel zu bedenken und zu organisieren. Mindestens ein Jahr Vorbereitung ist deshalb schon fast ein Muss. Foto: dpa

Bremen/Essen/Berlin. Wer ein Sabbatical einlegen will, hat viel zu bedenken und zu organisieren. Mindestens ein Jahr Vorbereitung ist deshalb schon fast ein Muss. Reisen sind seine Leidenschaft. Christoph K. war schon in Myanmar und Namibia, in Neuseeland, China und vielen anderen Ländern.

Aber eins fehlte ihm noch: ein mehrmonatiges Abenteuer. Im vergangenen Jahr beschloss er, den Schritt zu wagen. Er hängte seinen Job als Ingenieur bei einem großen Automobilhersteller für drei Monate an den Nagel und legte ein Sabbatical ein, um mit einem Freund durch ganz Lateinamerika zu reisen.

Das englische Wort „Sabbatical” leitet sich vom hebräischen Wort „schabbat” ab: Laut dem Alten Testament soll in jedem siebten Jahr, dem Sabbatjahr, der Ackerbau ruhen, so wie auch Gott am siebten Tag ruhte. In der heutigen Arbeitswelt wird als Sabbatical ein „zeitlich befristeter Ausstieg aus der Erwerbsarbeit” bezeichnet - so nennt es die Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers von der Universität Bremen, die über das Thema promoviert hat.

In der Praxis bedeutet ein Sabbatical viel Vorbereitungsaufwand. Schließlich gilt es zu organisieren, ob und wie lange der Chef einen gehen lässt, wer dann die eigenen Aufgaben übernimmt, wie die Auszeit finanziert werden soll und ob man danach auf seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann. Experten raten deshalb, mindestens ein Jahr im Voraus mit den Vorbereitungen zu beginnen.

Zunächst sollte man sich darüber klar sein, welche Motivation hinter dem Wunsch nach einer Auszeit steckt. Barbara Siemers unterscheidet zwischen fünf Motiven: Regeneration, Familienaufgaben, berufliche Weiterbildung, persönliche Neuorientierung und Realisierung eigener Projekte. Grundsätzlich sei der Arbeitnehmer frei in der Entscheidung, wie er das Sabbatical nutze, sagt Nora Braun, Referentin für Arbeitsrecht bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): „Die Weltreise ist dabei eins der klassischen Beispiele.” Aber, meint Christoph K.: „Wer nur abhängen oder ausspannen will, muss damit rechnen, vom Chef oder Personaler kritischer hinterfragt zu werden.”

Da die Arbeit des „Auszeit-Nehmers” weiter erledigt werden muss, stellt sich die Frage, wer sie übernimmt. „Entweder das Management verteilt sie neu oder das Team organisiert sich selbst”, zählt Marc Stollreiter die Optionen auf. Der Psychologe und Motivationscoach aus Essen hat schon einige Leute im Sabbatical betreut. In größeren Unternehmen, sagt er, sei es meist kein Problem, Aufgaben umzuverteilen. So ist es verständlich, dass Sabbaticals vor allem in Großkonzernen inzwischen weit verbreitet sind.

Drei Sabbatical-Modelle

Gemeinsam mit dem Vorgesetzten sollte man dann überlegen, welches Sabbatical-Modell am besten auf die individuelle Situation passt. Man kann grundsätzlich drei Modelle unterscheiden: Erstens können Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertraglich das Vollzeit- auf ein Teilzeitarbeitsverhältnis reduzieren und alle Überstunden, die der Arbeitnehmer dann macht, um auf sein eigentliches Arbeitspensum zu kommen, auf einem Arbeitszeitkonto gutschreiben. Zweitens kann der Arbeitnehmer so lange auf Urlaub verzichten, bis er eine mehrmonatige Urlaubszeit „angespart” hat. Drittens kann er einfach unbezahlten Urlaub nehmen.

Das erste Modell ist nach Angaben der Arbeits- und Sozialrechtsexpertin Lale Necati besonders verbreitet. Praktisch bedeutet es: Bei Vollzeitarbeit wird ein Teilzeitlohn gezahlt. Necati rät dazu, vertraglich festzuschreiben, dass die Regelung zeitlich begrenzt wird und das Überstundenmachen als Voraussetzung gilt. Sonst könnte der Arbeitnehmer plötzlich mit dauerhaftem Teilzeitjob mit Teilzeitgehalt und ohne Sabbatical dastehen. Ein Sonderfall dieses Modells sei die Möglichkeit, das Arbeitszeitkonto mit Teilen des Gehalts aufzufüllen. So handhabt es auch der Arbeitgeber von Christoph K.: Der Ingenieur arbeitete sechs Monate lang für zwei Drittel seines Gehalts und bekam dann drei Monate lang zwei Drittel fürs Nichtstun.

Schwieriger ist das Modell, über einen längeren Zeitraum eine große Zahl an Urlaubstagen anzusparen. Denn der gesetzliche Mindesturlaub muss immer im laufenden Jahr genommen werden, in Ausnahmefällen in den ersten drei Monaten des Folgejahres. Drei Jahre auf Urlaub zu verzichten und sich dann für fünf Monate am Stück zu verabschieden geht also nicht. Unproblematisch sei das aber, so Necati, bei Urlaubstagen, die über den gesetzlichen Mindesturlaub hinausgehen.

Unbezahlter Urlaub ist das unsicherste Modell. Zum einen verzichtet man monatelang auf das Einkommen, zum anderen gefährdet man ab dem zweiten Monat seinen Versicherungsstatus. Sozialversichert ist man nämlich nur, solange während der Auszeit ein Gehalt gezahlt wird.

Viele Arbeitnehmer trauen sich nicht

Auch wenn laut einer Forsa-Umfrage 38 Prozent der deutschen Arbeitnehmer gerne ein Sabbatical einlegen würden, nehmen nach Expertenschätzungen nur drei bis fünf Prozent das auch in Anspruch. Viele schrecken davor zurück, weil sie nicht als arbeitsscheu gelten wollen oder weil sie Angst haben, nach der Auszeit auf eine schlechtere Position abgeschoben oder gar entlassen zu werden. Nach Christoph K.s Erfahrung ist die erste Sorge unbegründet: „Ich habe noch niemanden reden hören, der einem mangelnde Arbeitsbereitschaft oder Desinteresse attestiert hätte.”

Das deckt sich mit der Ansicht vieler Experten. „Nach einem Sabbatical kommt man menschlich gereift zurück”, sagt auch Motivationscoach Marc Stollreiter. „Manche werden von den Kollegen sogar als neuer Mensch wahrgenommen.” Die Sorge, nicht auf die eigene Stelle zurück zu können, ist indes berechtigt: „Der Arbeitnehmer hat nach der Rückkehr lediglich Anspruch auf einen Arbeitsplatz, der seinen Qualifikationen entspricht und gleich vergütet wird”, sagt Nora Braun von der BDA. Wer mehr Sicherheit will, kann das individuell vertraglich regeln.

Christoph K. verbrachte den langen Winter 2009/2010 in Lateinamerika. Im Frühling dieses Jahres kehrte er auf seine Stelle zurück und sagt heute, die Entscheidung habe sich gelohnt. „Ich schließe nicht aus, dass ich auf das Angebot noch einmal zurückkomme. Allerdings nicht in den nächsten fünf Jahren.” Dafür fühlt er sich in seinem Job zu wohl.

Sabbatical: Weiterführende Informationen

Hintergrundinformationen zu den rechtlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Sabbatical-Modelle liefert der Aufsatz „Sabbatical/Langzeiturlaub” der Arbeits- und Sozialrechtsexpertin Lale Necati. Der Aufsatz der Juristin, die eine Doktorarbeit über flexible Arbeitszeitmodelle veröffentlicht hat, berücksichtigt auch Sonderfälle, zum Beispiel die Absicherung des Arbeitnehmers für den Fall, dass der Arbeitgeber Insolvenz anmelden muss. Er ist über Google zum Beispiel auf der Webseite der TU Dresden zu finden.

Auf der Homepage http://ratgeber-aussteigen.de liefert der „Ratgeber Aussteigen” des Ehepaars Gabi und Christian Hajek, Praktische Tipps wie man im Alltag die Zelte abbricht und die Zeit fern der Heimat organisiert - egal ob auf Zeit oder, als klassischer Aussteiger, für immer.

Hier finden sich Informationen zu allen denkbaren Teilaspekten des Aussteigertums, von der Finanzierung über die Auslandskrankenversicherung bis zur Ausrüstung.

Einen wahren Rundumschlag zum Thema bietet auch das Buch „Mut zur Auszeit: Mit Sabbatical, Langzeiturlaub und Ausstieg auf Zeit zu mehr Lebensqualität und neuen Perspektiven” der Österreicherin Christa Langheiter: anschauliche Beispiele, praktische Tipps auch aus eigener Erfahrung der Autorin, viele Links und nützliche Adressen - geschrieben aus österreichischer Perspektive, aber gerade in Bezug auf die Praxis für Deutsche ebenso interessant (Redline Wirtschaftsverlag, 2006, ISBN: 978-3636013781, antiquarisch erhältlich).

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