Der Weg der guten Menschen: Wandern auf den Spuren der Katharer

Von: Manuel Meyer, dpa
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In der Festung von Gosól gewährte der Graf von Pinós im Mittelalter den vor der Inquisition fliehenden Katharern Unterschlupf. Foto: dpa

Berga. Es ist nicht immer leicht, ein guter Mensch zu sein. Doch in den Bergen der Pyrenäen kann man zumindest in die Fußstapfen der „guten Menschen” treten, wie sich im Mittelalter die Katharer nannten. Auf ihren Spuren führt ein spektakulärer Wanderweg von Südfrankreich über die Pyrenäen bis ins spanische Katalonien.

Gleich zu Beginn muss der Wanderer schmerzhaft erfahren, dass es nicht leicht ist, den Katharern zu folgen. Der Weg führt mehrere hundert Meter steil hinauf in die Berge. Nur ab und zu gewährt der dichte Laubwald einen Blick auf die Burg von Foix.

Die dicken Burgmauern des französischen Grafen von Foix hielten dem Ansturm der Kreuzritter im 13. Jahrhundert lange stand. Doch am Ende mussten die Katharer ihre Heimat im wunderschönen Pyrenäen-Tal von Ariège aufgeben. Die Inquisition trieb sie über die Pyrenäen hinweg bis ins spanische Katalonien. Dort nahm sie der katalanische Adel auf, der im Zwist mit dem französischen König lag.

Die Katharer sahen Christus als einziges Fundament ihrer Kirche, nicht den Papst. Die Kirche nannte sie „Tiere Satans” - und schickte die Kreuzritter los, sie zu töten. Von der größten religiösen Laienbewegung des Mittelalters leitet sich noch heute die Bezeichnung „Ketzer” ab.

Der zweitägige Marsch auf ihren Spuren bis zu den Ruinen der Burg Montségur führt durch eindrucksvolle Berglandschaften. Ob die Katharer den Weg genossen, ist zu bezweifeln. Bis sie die katalanischen Seite der Pyrenäen erreichten, waren sie nirgendwo vor der Inquisition sicher. Am Fuß der Katharerburg Montségur wurden am 16. März 1244 rund 250 Männer, Frauen und Kinder auf einem den riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Ein Kreuz erinnert an ihren Feuertod.

Durch die wildromantische Schlucht Gorges de la Frau führt der Weg weiter nach Comus. Die Schlucht ist an manchen Stellen nur wenige Meter breit. Rechts und links ragen die Felswände fast senkrecht bis zu 250 Meter in die Höhe.

Die imposante Natur und die Legenden machen die Wanderung durch die Schlucht zu einem unvergesslichen Erlebnis. Über Almen, Wälder und Weiden schlängelt sich der mittelalterliche Pfad bis ins Mittelgebirge bei Chioula.

Durch Fichtenwälder und malerische Bergdörfer wie Ascou oder Orlu geht es bergauf und bergab bis nach LHospitalet an der Grenze zu Andorra. Die Stille wird nur im Sommer manchmal durch den Medienrummel der Tour de France unterbrochen. Ansonsten ist der Wanderer allein in der Natur.

Richtig einsam wird es im Campcardos-Tal mit seinen ausgedehnten Almen, Wiesen und Seen. Die Landschaft ist wunderschön, der Weg jedoch fordert einige Kraft. Vorbei an rauschenden Gebirgsbächen kämpften sich schon damals die Katharer bis ins Hochgebirge bei Portella Blanca DAndorra, mit 2519 Metern der höchste Punkt auf dem „Weg der guten Menschen”. Ein Granitblock markiert die Grenze zwischen Frankreich, Andorra und Spanien.

Ab hier konnten sich die Katharer langsam sicherer fühlen. Für die Wanderer von heute kann es hingegen heikel werden. Das Vall de la Llosa auf katalanischer Seite stellt anschaulich zur Schau, dass die Pyrenäen im Gegensatz zu den Alpen nur wenig erschlossen und sehr ursprünglich sind. Pferde oder Kühe grasen hier das halbe Jahr über völlig alleine, bevor sie im Winter wieder ins Tal getrieben werden. Es kommt schon einmal vor, dass sie vorbeiziehende Wanderer verfolgen, um ihr Terrain zu verteidigen. Der Vorteil: Man ist schneller unten. Der Nachteil: Man verpasst die Bilderbuch-Bergwelt.

Es geht bergab. Immer häufiger machen Wiesen dichten Wäldern Platz. Das Grün wirkt fast unwirklich. In der Ferne sieht man ab und zu Herden von Gemsen und Greifvögel. Schmetterlinge flattern um die Orchideen am Wegesrand. In Prullans, einem der typischen katalanischen Pyrenäendörfer, riecht es nach Feuerholz. Die Häuser sind aus massiven Steinen gemauert.

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis Bellver de Cerdanya in der Region Lleida, wo sich einst Graf Nunó Sanç für die Katharer einsetzte. Majestätisch liegt das Dorf mit seinen mittelalterlichen Gassen auf einem Hügel. Im Hintergrund erheben sich nicht weniger majestätisch die Steilwände des Naturparks Cadí-Moixeró. In der flachen Ebene um Bellver zieht der Wanderer inmitten von Kornfeldern immer wieder an alten Kirchen vorbei wie der von Santa Maria de Talló aus dem 11. Jahrhundert. Die Kirche Sant Julià in Pedra ist sogar vorromanischen Ursprungs und wurde aus den Resten einer alten Burg auf der Spitze eines Felsens errichtet.

Durch Pinienwälder schlängelt sich der Weg hinauf zur Berghütte Sant Jordi. Vorbei an den senkrechten Felswänden fällt der Blick immer wieder in die Täler der tiefen Schluchten. Der 1983 gegründete Naturpark gehört mit seinen schroffen Klippen landschaftlich zu den Höhepunkten auf dem gesamten Fernwanderweg.

Es geht weiter vorbei an malerischen Dörfern wie Gréixer und Bagà mit ihren prachtvollen Brücken und der aus der 9. Jahrhundert stammenden Kirche Sant Esteve. Alte Säulengänge und Kapellen zieren das mittelalterliche Stadtzentrum. Hier siedelten sich viele Katharer an. Der Freiherr von Pinós und Mataplana war einer ihrer größten Beschützer. In seinem Palast in Bagà ist heute das lohnenswerte „Zentrum für das Mittelalter und die Katharer” untergebracht.

Wenn man nicht schon zuvor einem guten Menschen auf dem Weg begegnet ist, trifft der Wanderer spätestens hier in Bagà auf einen. Im „Molí del Casó”, einer restaurierten und zum Landhaus umgebauten Wassermühle aus dem 14. Jahrhundert, empfängt Conxita jeden mit offenen Armen. Die lebensfrohe Sterneköchin führte lange ein Luxus-Catering-Unternehmen in Barcelona. Dann wurde ihr ein Krebstumor diagnostiziert. Sie ließ alles stehen und liegen, kam zurück in ihr Heimatdorf und machte aus der alten Wassermühle am Bastareny-Fluss ein Gästehaus mit Restaurant.

„Dieser Ort hat etwas Besonderes”, sagt Conxita. „Die Natur und vor allem die Ruhe haben mir geholfen, wieder gesund zu werden.” Enthusiastisch zeigt sie den Besuchern ihren Kräutergarten. Es duftet nach Lavendel, Rosmarin, Pfefferminz. Gleich daneben pflanzt sie ihr eigenes Gemüse an. Seit Jahren kocht die ehemalige Sterneköchin die vegetarischen Katharer-Rezepte aus dem Mittelalter nach. In ihrem Landhaus hat sie eine kulinarische Bibliothek. Gegessen wird mit Holzlöffeln bei Kerzenschein- ganz im Stil des Mittelalters.

Wie in Berga, Prullans, Solsona, Josa del Cadí und Bellver de Cerdanya werden auch in Bagà zwischen Juli und August „Katharer-Feste” mit Wanderungen, Essen, Theaterspielen, Mittelalter-Märkten und Tänzen gefeiert.

Am 2497 Meter hohen Massiv des Pedraforca führt der Weg weiter über Almen und Wiesen bis zum Bergdorf Gósol. Schafhirte Domingo erzählt von alten Legenden, Hexen und der mystischen Kraft des Pedraforca.

Es lohnt sich, nicht direkt nach Gósol zu gehen, sondern den kurzen Umweg nach Josa del Cadí zu nehmen. Das Bergdorf auf einer Anhöhe gehört zu den schönsten Pyrenäendörfern überhaupt - und gilt als eine der wichtigsten Katharer-Hochburgen des Mittelalters. Graf Ramón von Josa gehörte selbst den Katharern an und gewährte den geflohenen „guten Menschen” aus Frankreich Zuflucht in seiner Burg. Der Ort scheint sich seit der Zeit der Katharer kaum verändert zu haben.

Nicht weniger schön ist Gósol mit seiner teilweise noch erhaltenen Burg aus dem 11. Jahrhundert. In der Festung nahm der Graf von Pinós damals die Katharer auf. Auch Pablo Picasso suchte in Gósol wegen einer Krankheit Unterschlupf. Er verliebte sich so sehr in das alte Dorf, dass er 1906 mit seiner Lebensgefährtin Fernande Olivier einen ganzen Sommer hier verbrachte und viele seiner Werke malte - vor allem Landschaftsmalereien und Darstellungen des bäuerlichen Lebens. Dazu gehört auch das berühmte Gemälde „Frau mit Broten”. Die Frauengestalt, die angeblich seiner Geliebten Fernande ähnelt, steht heute als Bronzenachbildung auf dem Dorfplatz.

Nach Gósol führt der Weg wieder in die einsame Gebirgswelt Kataloniens. Auf den schmalen Waldwegen trifft man immer wieder auf Pilzsammler. Das Ziel des Wegs, das Sanktuarium von Queralt in Berga, ist nur noch wenige Stunden entfernt. Hier erwartet die gotische Madonna aus dem 14. Jahrhundert die Wanderer. Diese genießen die spektakuläre Aussicht aus 1200 Metern Höhe auf die sich bis zum Horizont ausdehnende Ebene - und denken wohl darüber nach, ob sie auf dem „Weg der guten Menschen” auch zu einem besseren Menschen geworden sind.

Der Weg der guten Menschen

Reiseziel: Der Fernwanderweg GR-107 führt von Foix in Südfrankreich durch das Zentralmassiv der Pyrenäen bis zum Heiligtum von Queralt in Katalonien. Für die knapp 200 Kilometer sollte man zehn Wandertage einplanen.

Anreise: Wer die Wanderung im französischen Foix beginnt, fliegt nach Toulouse und fährt mit dem Bus weiter. Für einen Start im katalanischen Berga bieten sich Flüge nach Barcelona an. Von hier gibt es regelmäßige Busverbindungen nach Berga.

Informationen: Consell Regulador del Camí dels Bons Homes, C/ Pujada Palau, 7 - 08695 Bagà (Tel.: 0034/93 82 44 861, E-Mail: info@camidelsbonshomes.com). Katalonien Tourismus, Palmengartenstraße 6, 60325 Frankfurt (Tel.: 069/74 22 48 73).
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