Der Ruheplatz für seine Seele: König Ludwig und der Starnberger See

Von: Christian Helten, dpa
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Ruheplatz für seine Seele: König Ludwig und der Starnberger See
Das Kreuz markiert die Stelle im Starnberger See, an der man den Leichnam König Ludwigs II. fand. Foto: Tourismusverband Starnberger Fünf-Seen-Land/dpa/tmn

Possenhofen. König Ludwig II. kam hier nicht nur zu Tode. Am Starnberger See verbrachte der „Kini” mit Vorliebe seine Mußestunden, gern zur Musik Richard Wagners. Wer seine Lieblingsplätze rund um den See besucht, versteht schnell, warum.<br />

Es gibt nur ein Kreuz am Starnberger See, um das sich so viele Fragezeichen ranken. Nicht im physischen Sinne, das Kreuz steht einsam im seichten Wasser, umspielt von sanften Wellen, die die Nordwestbrise aus der Starnberger Bucht herüber nach Berg weht.

Die Fragezeichen sind woanders: in den Köpfen der Besucher, die das Kreuz vom Ufer aus betrachten. Es markiert die Stelle, an der man den Leichnam König Ludwigs II. fand. Wie er zu Tode kam, ist bis heute ungeklärt.

Ist er wirklich ertrunken, wie die offizielle Version aus dem Jahre 1886 es überliefert? Kaum vorstellbar: Das Ufer ist flach, das Wasser am Kreuz gerade mal knietief. Oder doch ermordet, von seinen Gegnern, die ihn entmündigt hatten und ihn loswerden wollten, weil er das Königreich mit seinem Bauwahn in Schulden stürzte? Man wird es vielleicht nie erfahren.

Nur der Ort steht fest, da steht das Kreuz, daran ist nicht zu rütteln, und dahinter die Votivkapelle, ein beeindruckendes Bauwerk aus Stein. Am 13. Juni 2011, wenn sich der Todestag Ludwigs zum 125. Mal jährt, wird hier Stefan Jetz stehen, um der großen Gedenkfeier beizuwohnen. Er wird einer von über 1000 Besuchern sein.

Der Altar für die Feier muss im Freien aufgebaut werden, die Votivkapelle könnte die Massen nicht aufnehmen. Draußen auf dem See wird der Dampfer „MS Starnberg” auf Höhe des Kreuzes stoppen, bei Drei-Gänge-Menu und Wagner-Klängen können die Passagiere einen Blick auf das Spektakel werfen.

Jetz ist Vorsitzender im Vorstand des Verbands der Königstreuen. Für ihn steht fest: „König Ludwig ist nicht so gestorben, wie die offizielle Darstellung es damals dem Volk weismachen wollte.” Als Beweis führt er den Dorfpfarrer des benachbarten Aufkirchen an: „Er wurde schon am Nachmittag nach Berg gerufen, um dem König die letzte Ölung zu spenden.” Die Leiche wurde erst Stunden später im See gefunden.

Das Mysterium des Märchenkönigs zieht Touristen aus aller Welt an den Starnberger See - nicht nur, weil er hier starb. Der See war vor allem in seinen frühen Regierungsjahren sein Rückzugsort. „Er war gern alleine, genoss die Einsamkeit”, sagt Stefan Jetz. „Der Starnberger See war ein Ruheplatz für seine Seele.”

Wer die Spuren des „Kini” sucht, seine Mußeorte, muss mit dem Dampfer von Berg quer über den See nach Possenhofen fahren. So wie Ludwig es oft tat, wenn er sich auf der Roseninsel noch weiter zurückziehen wollte. Der Dampfersteg liegt direkt neben den alten Mauern des Schlosses Possenhofen, man sieht die Zinnen der Türme schon von Weitem.

Sein Inneres kann nicht mehr besichtigt werden. Aber ein Streifzug durch den Park, vorbei an Resten der alten Schlossmauern am Seeufer, entschädigt dafür.

Im Schloss Possenhofen traf Ludwig schon als Kind auf seine Großcousine Elisabeth, bekannt als Sisi. Sehr viel öfter traf er die spätere Kaiserin von Österreich aber auf der Roseninsel. Ludwig wird die Kutsche genommen haben, heute spaziert man durch Possenhofen, vorbei am alten Haus des Fischers Gebhardt, am Restaurant Schiffsglocke mit dem verwitterten Schild, auf dem Ludwigs Konterfei gepinselt ist, und durch den grünen Lenné-Park.

Das letzte Stück fährt man mit Norbert Pohlus. In Trachtenjanker und Lederhose sitzt er am Steuer seiner „Plettn”, einem kleinen Kahn, und schippert Leute zwischen Insel und Festland hin und her. Seit mehr als 25 Jahren ist er hier der Fährmann, und, sagt er mit einem Lachen, „es ist kein Ende in Sicht”. Er liebt die Insel, die niemals gleich aussieht, weil immer etwas anderes blüht.

Über 300 Rosenstöcke stehen hier, mehr als 100 verschiedene Sorten, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen. Eine Fliederhecke trennt das Rosenrondell an drei Seiten vom Rest des Parks. An der vierten steht die Villa, eine Mischung aus pompeijanischem Stil und italienischem Landhaus, mit hellen Räumen, großen Fenstern, ausladenden Terrassen und Balkonen. Sie geben den Blick auf den Park frei, auf die Ufer des Sees und die Alpen dahinter.

Wer sich durch das Haus führen lässt und über die kleine Insel spaziert, versteht, warum sich Ludwig oft hierher zurückzog, warum er hier sogar in der Zeit des Deutschen Krieges von 1866 wochenlang in der Natur und der Musik Richard Wagners versank. Nicht zuletzt war die Roseninsel sein heimlicher Treffpunkt mit Sisi.

Sie liebte die Insel, ließ sich während ihrer Besuche in Possenhofen fast täglich übersetzen. Es wird vermutet, dass Ludwig die Insel auch deshalb noch so sorgfältig pflegen ließ, als er selbst nur noch selten hier war. Wie Ludwig floh Sisi gerne vor den Zwängen des Hofs, wie er hatte sie für harte Politik und Kriege wenig übrig.

„Die beiden verband eine tiefe Seelenverwandschaft”, sagt die Historikerin Juliane Reister. Sie leitet das Museum im historischen Bahnhof Possenhofen, das eine ständige Sisi-Ausstellung beherbergt und aktuell eine Sonderausstellung zu König Ludwig. „Ludwig und Sisi waren Schöngeister, die in ihren Ämtern gefangen waren.”

Der König und die Kaiserin trafen sich oft auf der Insel. Als er seltener kam, hinterließ Sisi ihm manchmal Gedichte im Haus. Eines lag drei Monate dort, bis er es fand. „Seit Jahren erfolgte meinerseits kein Besuch der Roseninsel”, schrieb er in einem erklärenden Text unter seinen Antwortversen.

„Erst vor ein paar Tagen erfuhr ich, welche Freude dort meiner harrt. Auf diese Nachricht hin flog ich eilends nach dem idyllischen Eiland und fand dort den theuren Gruß der See-Möwe! Tiefsten, innigsten Dank!”

Manchmal besuchte Ludwig die Kaiserin von Österreich auch spät nachts im Hotel Strauch. Hier verbrachte Sisi ihre Sommerfrische, mit ihrer etwa 80 Mann starken Entourage samt eigener Milchkuh und Ziege. Heute heißt es „Hotel Kaiserin Elisabeth”.

Von der Terrasse hat man einen wunderbaren Blick auf den See und die Alpen, man kann die Sisi-Suite buchen oder das Sisi-Menü essen. Dann speist man dieselben Gerichte, die die Kaiserin gerade nichtsahnend aß, als auf der anderen Seeseite ihr Seelenverwandter, König Ludwig, sein Leben ließ.
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