Der Letzte macht die Gondeln fest: Venedig ohne Venezianer?

Von: Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
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Venedig
Postkartenidyll mit Gondeln auf einem der Kanäle der italienischen Stadt Venedig. Droht Venedig mit seinen Gondeln und Kanälen zu einem von Touristen aus aller Welt gestürmten Freiluftmuseum ohne Venezianer zu werden? Die Befürchtung scheint übertrieben, doch klar ist: In der Lagunenstadt leben weniger und weniger „Eingeborene”. Auf unter 60.000 ist ihre Zahl im Oktober gesunken - per elektronischer Anzeige zählt das soziale Netzwerk „venessia.com” diese Kanalflucht Tag für Tag mit. Während die berühmte Serenissima jährlich etwa 18 Millionen Touristen aushalten muss, dreht pro Tag ein Venezianer seiner bewunderten Bilderbuchstadt ein für alle Mal den Rücken. Der Trend ist gar nicht neu, wird aber immer bedenklicher. Beunruhigte Venezianer bereiten gar eine symbolische „Beerdigung” der Stadt vor. Foto: dpa

Venedig/Rom. Droht Venedig mit seinen Gondeln und Kanälen zu einem von Touristen aus aller Welt gestürmten Freiluftmuseum ohne Venezianer zu werden? Die Befürchtung scheint übertrieben, doch klar ist: In der Lagunenstadt leben immer weniger „Eingeborene”.

Auf unter 60.000 ist ihre Zahl im Oktober gesunken - per elektronischer Anzeige zählt das soziale Netzwerk „venessia.com” diese Kanalflucht Tag für Tag mit.

Während die berühmte „Serenissima” jährlich etwa 18 Millionen Touristen aushalten muss, dreht pro Tag ein Venezianer seiner bewunderten Bilderbuchstadt ein für alle Mal den Rücken. Der Trend ist gar nicht neu, wird aber immer bedenklicher. Beunruhigte Venezianer bereiten gar eine symbolische „Beerdigung” der Stadt vor.

Der Letzte macht noch rasch die Gondeln fest, könnte man sarkastisch meinen. Stimmt aber so nicht, denn der Besucherstrom muss weiterhin Geld in die Kassen der Kommune spülen. Die Traumstadt mit ihren Kirchen und Palazzi rund um den Markusplatz droht aber mehr und mehr zur Kollektion von Monumenten und Kanälen zu erstarren - sollte es nicht gelingen, mit Geld, Verstand und einer flexiblen Politik die fragile Stadt für Einheimische attraktiver zu machen, ohne sie zu zerstören.

Der Fluch, mit immer mehr Touristen und weniger Einwohnern überleben zu müssen, scheint Bürgermeister Massimo Cacciari jedoch kaum aus der Ruhe zu bringen: „Was ist denn so neu, sicher doch nicht die Differenz zwischen 60.000 und 59.999?”

Venedig geht es auch nicht anders als Rom oder Mailand, wo viele an den Stadtrand fliehen, betonte die Zeitung „Corriere della Sera”. Doch der Stadtrand ist in Venedig überdeutlich weit entfernt. Denn die lange „Brücke der Freiheit” trennt die Lagunenstadt von Festlandteilen wie Mestre. „Und das Lamentieren über den Zerfall kommt, um der Wahrheit die Ehre zu geben, doch immer genau dann, wenn der Vorhang über der mondänen und kulturellen Jahreszeit fällt”, so meint das Mailänder Blatt: Also nach Kunst-Biennale, Filmfestival und all den großen Ausstellungen.

„Wenn nichts unternommen wird, dann wird Venedig bald sterben. Allerdings wird die Stadt nicht im Meer versinken, sondern einfach nur ausbluten”, klagt die deutsche Wahl-Venezianerin Petra Reski. „Und das unter den teilnahmslosen und vielleicht auch zynischen Blicken einer Stadtverwaltung, die in den letzten Venezianern nur ein Hindernis für ihre gewinnträchtigen Großprojekte sieht”, kritisiert die Journalistin und Buchautorin („Mafia - Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern”). Viel gebaggert wurde rund um die Lagunenstadt, der das Wasser bis zum Hals steht, um die riesigen Kreuzfahrtschiffe anzuziehen. Seit Jahren in der Kritik ist auch der Milliarden-Plan, mit Barrieren und Fluttoren die starken Hochwasser zu vermeiden. Dazu kommen immer neue Megaprojekte auch der Kultur.

Im Jahr 1951 zählte das historische Venedig noch 174.000 Einwohner. Vor 20 Jahren waren es nur noch 80.000. „Venedig verödet, was die Venezianer angeht, und bevölkert sich mit Hunderttausenden von Touristen, die vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang, ihren Reiseführer in der Hand, auf der Suche sind nach noch einigen Spuren städtischer Seele.”

So brachte es Victor Gómez Pin, ein Dozent der Philosophie aus Barcelona, in der spanischen „El País” drastisch auf einen Nenner. Die „Durchlauchtigste” bräuchte also mehr frisches venezianisches Blut, wie es wohl am besten mit weniger Bürokratie, mehr Finanzanreizen und durchdachter Infrastruktur anzuziehen wäre.
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