Der Inbegriff von Hyggeligkeit: Ribe ist sowas von gemütlich

Von: Andreas Heimann, dpa
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Der Inbegriff von Hyggeligkeit - Ribe ist sowas von gemütlich
Rosenstöcke vor Sprossenfenstern, Fachwerkhäuser und schiefes Kopfsteinpflaster - solche schmalen Gassen, die ihren Lauf seit Jahrhunderten nicht geändert haben, gibt es in Ribe viele. Foto: Andreas Heimann/dpa/tmn

Ribe. Ribe liegt ganz im Süden Jütlands, nicht weit hinter der deutschen Grenze. Es ist Dänemarks älteste Stadt, war einmal Königssitz und hatte den größten Hafen des Landes. Aber das ist lange her. Heute ist Ribe klein, unbedeutend - und unglaublich hyggelig.

Ribe ist in vieler Hinsicht ein Phänomen: Es ist Dänemarks älteste Stadt und die gemütlichste. Es ist mit 9000 Einwohnern ein unbedeutendes Nest und gleichzeitig eine echte Touristenattraktion. Einst war es reich und bedeutend, Königsstadt und Dänemarks größter Hafen. Heute ist es Provinz. Vielleicht fühlen sich Besucher gerade deswegen sofort wohl.

Denn Ribe ist eine ganz und gar unaufgeregte Stadt, in der viele Geschäfte schon am späten Nachmittag schließen. Der Verlauf der meisten Straßen hat sich seit einem halben Jahrtausend nicht geändert. Und die Zahl der Sehenswürdigkeiten vom ausgesprochen schönen Dom bis zum Wikingerzentrum ist angenehm überschaubar.

Die vielen schmalen Gassen in der Altstadt sind noch etwas krummer als sonst in dänischen Kleinstädten. Wenn sie besonders schmal sind, erkennt man das schon am Namen: Smalleslippe heißt eine zum Beispiel. Das Kopfsteinpflaster wölbt sich noch stärker als anderswo, und die Fachwerk-Häuser haben Balken, die noch schiefer sind als gewohnt. Am Fahnenmast in den Gärten weht hier und da der Dannebrog, die dänische Nationalflagge, im Wind.

An etlichen Häusern ranken sich Rosensträucher mit üppigen Blüten, vor den Häusern blühen Hortensien und manchmal Sonnenblumen wie in der Grønnegarde, einer der schönsten Straßen der Stadt. Kurzum: Ribe ist „hyggelig”, wie die Dänen das nennen, ja, Ribe ist der Inbegriff dänischer Hyggeligkeit.

Das Wort ist nicht ganz passgenau zu übersetzen - es hat etwas von idyllisch, von gemütlich und behaglich - wer in Ribe ist, versteht es sofort. Und wer es hier nicht versteht, versteht es nirgendwo.

Einen Crashkurs in Hyggeligkeit bekommen Besucher am Mellendamm: Wer hier an einem kleinen Wehr dem Rauschen des Å zuhört und auf die Jachten guckt, die am Fluss vertäut liegen, hat den Eindruck, die Zeit sei stehengeblieben. Auch in den Cafés und Restaurants am Overdamen ist diese Atmosphäre der Gelassenheit sofort zu spüren.

Die 1300 Jahre alte Stadt ist wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, in dem man Seite um Seite blättern kann und dabei durch die Jahrhunderte streift. Einer, der eifriger darin gelesen hat als die meisten anderen, ist Richard Kværnø. Der sympathische Däne lebt seit gut 55 Jahren in Ribe und ist schon lange im Ruhestand. Eigentlich. Nun zeigt er als Guide Gästen riesige alte Kaufmannshäuser und schöne Innenhöfe, die schmalen Gassen, das Alte Rathaus und die Katharinen-Kirche.

Vom Touristbüro, wo die Führungen starten, hat er es nicht weit bis zum 800 Jahre alten Dom. Vor zwei Jahren haben unweit der Kirche noch die Archäologen gegraben - und Tausende von Funden aus dem frühen Mittelalter gemacht.

Die Wissenschaftler wussten, dass Ribes Geschichte an dieser Stelle eine wichtige Wendung genommen hatte: Am Anfang gab es nur ein Wikingerdorf auf der anderen Seite des Flusses, einen Wikingermarkt schon um 700. Doch in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts kam der heilige Ansgar nach Ribe. „Und er bekam die Erlaubnis, eine Kirche zu bauen”, erzählt Richard Kværnø, „irgendwo in der Nähe des heutigen Doms.” In Ribe begann die Christianisierung des Landes.

Um das Jahr 1000 endete die Herrschaft der Wikinger. Ribe wurde immer bedeutender: „Bis 1400 war es die größte und reichste Stadt ganz Dänemarks”, sagt Kværnø. „Der König hatte ein Schloss hier.”

Vor allem aber war es ein multikulturelles Handelszentrum erster Güte. Viele Kaufleute wurden reich im Export-Import-Business. Friesen aus Groningen im Norden der heutigen Niederlande ließen sich in Ribe nieder - die Grønnegarde ist nach ihnen benannt.

Doch dann verwüstete 1580 ein Feuer die Stadt, 1634 gab es eine Flutkatastrophe, ein Vierteljahrhundert später wütete die Pest. Die Zahl der Bewohner stürzte von 6000 auf 1600. „Um 1660 war Ribe verarmt”, sagt Richard Kværnø. Und blieb seitdem klein und überschaubar.

Wer die dunklen Seiten Ribes kennenlernen will, ist bei Sven Pedersen besser aufgehoben: Er führt seine Gäste erst nach Sonnenuntergang. Um 22.00 Uhr ist der tiefe Klang der Domglocke zu hören. Pedersen steht in dunklem Mantel mit messingfarbenen Knöpfen, ausgestattet mit Hellebarde, Laterne und kräftiger Stimme vor dem Tourist Bureau.

So sahen einst Ribes Nachtwächter aus. Pedersen wacht über nichts mehr. Er erzählt Stadtgeschichte und Schauermärchen. Hin und wieder singt er auch, wie seine Vorgänger in früheren Jahrhunderten: „Das machten sie, um zu beweisen, dass sie nicht eingeschlafen waren.”

Die nächtlichen Spaziergänger drängen sich eng um Pedersen, der auf Dänisch und Englisch erzählt, wo Bewohner Zeichen ins Gebälk ihrer Häuser machten, um Hexen abzuhalten, oder erklärt, wie drastisch die Strafen im Mittelalter waren: Kriminelle wurden in Ribe auch schon mal lebendig begraben.

Pedersen weist aber auch auf die erste Toilette mit fließendem Wasser hin - direkt über dem Fluss. Oder auf Ribes einzige gerade Straße, die vom Rathaus zum Bahnhof führt. Und er lässt auch die Sturmflutsäule nicht aus, die eindrucksvoll zeigt, wie gefährdet Ribe durch die nahe Nordsee war: Hüfthoch reichte das Wasser 1904, brusthoch 1911, mannshoch 1825 - die Markierung ganz oben gilt der todbringenden Flutkatastrophe von 1634.

Zuletzt wären die Deiche 1999 fast noch einmal gebrochen. Seitdem blieb es ruhig. Aber es zeigt: Wenn die Deiche nicht halten, kann es selbst in Dänemarks hyggeligster Stadt schnell ungemütlich werden.
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