Das Paradies liegt am Arme-Leute-Strand von Cádiz

Von: Christoph Driessen, dpa
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Am Hafenkai liegen viele weiße Häuser wie an einer Schnur aufgereiht. Foto: dpa

Cádiz. Raúl ist in Cádiz aufgewachsen und wohnt heute in Köln. Was ist da schief gelaufen? Diese Frage stellt man sich unwillkürlich, wenn man das erste Mal in seine Heimatstadt reist.

Schon die Anfahrt: Das Umland, gelbbraun verdorrt, wird von weißen und rosa Tupfern aufgelockert - Störchen und Flamingos. Und dann kommt die Stadt in Sicht - weiß wie ein andalusisches Bergdorf, strahlend und glitzernd unter der Sonne Spaniens.

Cádiz führt eine ozeanische Existenz. Es wird an drei Seiten vom Atlantik umspült. Ihres Umrisses wegen nennt man diese Halbinsel „tacita del plata”, das Silbertässchen. „Die Leute sind insular eingestellt”, sagt Raúl. Eine Gesellschaft, in die man als Außenstehender kaum vordringen kann. Als echter Einwohner von Cádiz gilt überhaupt nur, wer innerhalb der alten Stadtmauern auf der Halbinsel wohnt.

„Das Meer vermisse ich mehr als die Sonne”, sagt Raúl. Wenn man mit ihm durch die Straßen läuft, weicht er unwillkürlich auf die Schattenseite aus. „Rot werden wie die Deutschen” ist in Andalusien sprichwörtlich, sagt er.

Ungefähr zehn Gehminuten von der barocken Kathedrale im Stadtzentrum entfernt liegt die Stelle, an der Halle Berry den Wellen entstieg. Das war 2002, in dem James-Bond-Film „Stirb an einem anderen Tag”. Cádiz musste dabei selbst ein wenig schauspielern und als Havanna herhalten. Wer weiß, wie viele Zuschauer daraufhin eine Kuba-Reise gebucht und dort vergebens nach dem schönen alten Strandbad mit den Guglhupftürmchen gesucht haben. „La Caleta” heißt der Strand, an dem man vor dem Einkaufen oder nach einem langen Tag im Büro rasch mal eben ein Bad nehmen kann.

„Es ist der Strand, zu dem man laufen kann - der Arme-Leute-Strand”, sagt Raúl. „Die höhere Klasse kommt hier nicht hin.” Sollte man unter diesen Umständen nicht wünschen, in Cádiz arm zu sein? Spanier sind selten schwärmerisch veranlagt, und Raúl, ein promovierter Mathematiker, bildet da keine Ausnahme. Er verweist auf die hohe Arbeitslosigkeit und argumentiert mit weiteren, empirisch belegbaren Härten. Doch auch ein schweres Los muss leichter zu ertragen sein, wenn man innerhalb der Stadtgrenzen die Auswahl zwischen mehreren Stränden hat.

Dem paradiesischen Arme-Leute-Strand vorgelagert ist das steinerne Kastell San Sebastián aus dem 16. Jahrhundert. Man erreicht es über eine lange, gewundene Brücke, an der sich bei Flut die Atlantikwellen brechen. Vom höchsten Punkt aus springen braungebrannte Jungen ins Meer - sie kennen die Stellen, an denen es hier auch bei Ebbe tief genug ist. „Ich würde hier nicht runterspringen”, warnt Raúl. Ein alter Mann hat sein Boot vertäut und kommt nun über den Steg geschlendert - aus seinem Eimer ragen Fischschwänze. Da draußen tummelt sich so einiges - 20 Meter lange Finnwale zum Beispiel, im Sommer ziehen Orcas durch die Straße von Gibraltar. Eine örtliche Spezialität sind frittierte Tintenfischarme und Garnelen-Tortillas.

Ein paar hundert Meter weiter erhebt sich noch so eine Festung aus sonnengeplagtem Ocker, das Castillo de Santa Catalina. Man sieht: Cádiz wurde einst scharf bewacht, es war der Tresor Spaniens. Die Verteidigungsanlagen entstanden, nachdem Sir Francis Drake und andere Freibeuter aus nördlichen Schlechtwetterecken die Stadt überfallen hatten. Man sprach damals davon, dass Drake dem König von Spanien den Bart angesengt habe. Nirgendwo war so viel zu holen wie in Cádiz.

Davon zeugen noch die historischen Stadtpaläste mit ihren zierlichen Türmchen, die „miradores”, auf denen die „comerciantes” nach ihren reich beladenen Galeonen Ausschau hielten. Cádiz ist alt, älter als jede andere Stadt Europas, so heißt es. Dabei sagt Raúl: „Wir mögen keine alten Gebäude.” Vielleicht hat es damit zu tun, dass Cádiz seinem Goldenen Zeitalter zu lange hinterhergetrauert hat, anstatt sich auf die Gegenwart zu besinnen.

Heute jedoch macht Cádiz einen herausgeputzten und aufgeräumten Eindruck, allein schon durch die weiße Farbe, in der alles angestrichen ist. Mit Ästhetik habe das aber nichts zu tun, sagt Raúl: „Die weiße Farbe ist gut gegen die Hitze.” Außerdem, so behauptet zumindest ein Freund von ihm, schreckt sie Ameisen ab.

Es gibt zumindest eine Gemeinsamkeit zwischen Cádiz und Köln: Beides sind Karnevalshochburgen. Der Karneval von Cádiz ist allerdings frecher - der faschistische Diktator Franco ließ ihn sogar verbieten, aber daraufhin sangen die Karnevalisten von Cádiz ihre Lieder einfach im Sommer. Uralte Lieder, die von den Seeleuten bis nach Teneriffa und in die Neue Welt getragen wurden. Heute erstreckt sich das Fest nicht nur auf die Tage rund um Rosenmontag, es schließt sogar noch das Wochenende nach Aschermittwoch ein.

Bei Sonnenschein - also eigentlich immer - trinkt man in Cádiz Tinto de Verano, Rotwein des Sommers, eine wirkliche Erfrischung. Wenn man damit im Schatten einer Palme sitzt und von einer angenehm kühlen Meeresbrise umweht wird, kommt der Moment, in dem selbst Raúl zugeben muss: „Erst wenn man weggeht, weiß man, was man hatte.”

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt Frankfurt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt (Tel.: 0180/300 26 47 für 9 Cent/Minute aus dem Festnetz, E-Mail: frankfurt@tourspain.es).
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