Davos/München - Das Glück der eigenen Spur: Tourenskigehen fasziniert

Das Glück der eigenen Spur: Tourenskigehen fasziniert

Von: Marina Leunig, dpa
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Schöne Schinderei: Immer mehr Skifahrer steigen wieder die Hänge hinauf. Zur Belohnung gibt es Abfahrten durch Pulverschnee. Foto: Markt Garmisch-Partenkirchen/dpa/tmn

Davos/München. Ruhe, Natur, Kraft tanken - immer mehr Wintersportler zieht es zum Tourenskigehen in die Berge. Wer in die weiße Wildnis hinaufsteigen will, muss aber die Gefahren im Hochgebirge kennen. Anfänger gehen deshalb zunehmend am Rand der Pisten hinauf - nicht zur Freude aller.

Die Schweißperlen auf der Stirn glänzen mit dem Pulverschnee um die Wette. Mit jedem Schritt werden die Beine schwerer. Dann endlich die Belohnung für lange Qualen: Ein Glücksgefühl flutet durch den Körper, als der Gipfel erreicht ist.

Diese Momente sind es, für die mehr und mehr Tourengeher trotz all der Sessellifte und Gondeln die Berge hinaufsteigen. Und für die Abfahrt danach durch jungfräulichen Pulverschnee natürlich.

Das Tourengehen stamme aus Frühzeiten des Alpinismus, erklärt Hansueli Rhyner vom WSL-Institut für Schnee und Lawinenforschung (SLF) in Davos. In den vergangenen Jahren entdecken nun viele Wintersportler die Natursportart wieder für sich, sagt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein (DAV) in München.

Im freien Gelände sei man ganz für sich, so beschreibt Cornelius Schneider, passionierter Tourengeher aus München, den Reiz. „Den Naturgewalten gegenüberzustehen ist beängstigend und gleichzeitig faszinierend.”

Wer mit den Tourenski ins Gelände zieht, brauche Erfahrung und das Wissen um die Gefahren im winterlichen Hochgebirge, warnt Hansueli Rhyner. Die Lawinengefahr richtig einschätzen zu können, sei lebenswichtig.

Vielleicht ziehe es deshalb immer mehr Tourengeher auf die Piste, vermutet Stefan Winter. Sie wollen die körperliche Anstrengung dieses Ausdauer- und Kraftsports spüren, aber vor Lawinen sicher sein.

„Kurz nach Betriebsschluss sieht man auf der Piste oft noch Tourengeher”, bestätigt Peter Ries, Tourismusdirektor der Region Garmisch-Patenkirchen. Sie steigen kurz auf, um dann zu einer Brotzeit auf der Hütte einzukehren. Danach geht es auf menschenleeren Pisten ins Tal.

Lawinen müssen sie dabei zwar nicht fürchten. „Es gab aber schon unangenehme Situationen zwischen Tourengehern und Pistenbetreibern”, erzählt Ries. „Bei uns gibt es deshalb feste Regeln, damit sich Tourengeher und Pistenraupen nicht in die Quere kommen.” Ein Tag ist für die Tourengeher reserviert, am anderen wird planiert.

Wieder andere Tourengeher suchen vor allem den Abfahrtsspaß. Sie lassen sich mit dem Skilift auf die Piste bringen und laufen von dort ein bis zwei Stunden weiter: Die lange Abfahrt ist die Belohnung.

Im freien Gelände steht dagegen meist der Aufstieg im Vordergrund. Dabei gilt: „Je leichter der Ski, desto besser”, sagt Franz Perchtold, Berg- und Skiführer aus Lenggries (Bayern). „Dafür nehme ich in Kauf, dass bei der Abfahrt Stabilität verloren geht”, erklärt Andreas König vom Deutschen Skiverband in Planegg.

Wer flott und sicher bergab wedeln gehen soll, entscheidet sich besser für tourentaugliche Freeride-Ski oder moderne All-Mountain-Ski. Freerider sind breiter: Bis zu 100 Millimeter unter der Bindung sollen bei den neuen Modellen für Fahrspaß im Tiefschnee sorgen. Die Allrounder dagegen sind schmaler und härter. Dadurch lässt sich mehr Druck auf die Kanten bringen, auch harte Pisten werden gut fahrbar.

Neben den Ski müssen auch Schuhe und Bindungen tourentauglich sein. Bei einer Tourenbindung ist lediglich die Fußspitze fest verbunden, die Ferse aber frei beweglich. Um beim Hochsteigen nicht vom Hang zu rutschen, werden Steigfelle unter die Ski geschnallt. Sie werden oft gleich mit dem Ski geliefert. „Das ist sinnvoll, da sie passgenau sein müssen”, sagt Perchtold.

Ist die Ausrüstung komplett, kann es losgehen - zumindest wenn man neben der Piste aufsteigt. Für die Tour in die Natur bedarf es mehr Vorbereitung: Wie viel hat es geschneit? Wo sind Gefahrenstellen? „Der Lawinenlagebericht ist die zentrale Pflichtlektüre”, sagt Hansueli Rhyner.

Franz Perchtold ärgert die Naivität vieler Anfänger: Sie gehen bei Freunden mit, statt sich einem Bergführer anzuschließen. „Der Blinde führt da den Tauben”, mahnt er. Die Lawinen-Notfallausrüstung muss jeder Tourengeher im Gepäck haben. Dazu gehören Lawinenverschüttetensuchgerät (kurz: LVS), stabile Lawinenschaufel und Lawinensonde.

Bei der Kleidungswahl setze der Tourengeher am besten auf das Zwiebelprinzip, rät Cornelius Schneider. Damit kühle man in Pausen nicht aus. Außerdem dürften die Gletscher-Sonnenbrille und die Sonnencreme nicht fehlen. „Der Proviant besteht aus Trockenobst, einer Brotzeit und ausreichend Getränken.” Wer zu wenig einpackt, bekomme vor allem im Gelände ein Problem. „Eine Pistenraupe sammelt den müden Fahrer dort nicht ein.”

Die Faszination des Tourenskigehens versteht wohl nur, wer es ausprobiert. Man lerne seinen Körper kennen und erfahre seine Grenzen, sagt Schneider. „Die eigene Spur in den Tiefschnee zu legen ist pure Glückseligkeit”, schwärmt Hansueli Rhyner. „Man genießt jeden Schwung bei der Abfahrt.”
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