Charleroi und seine Sinfonie des Verfalls

Von: Tobias Müller
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Charleroi mal anders
Picknick der anderen Art: Bei der Mittagspause auf einer Halde bietet sich ein spektakulärer Blick über die Industrie-Brachen von Charleroi. Foto: Tobias Müller

Charleroi. Haben Sie schon einmal auf einer Kohlehalde gepicknickt? Es ist nicht so übel, wie Sie denken. Man schlägt sich durch kniehohe Gewächse, geht an Beeren und Apfelbäumen vorbei, fast ist es schwierig, das nicht pittoresk zu finden. Dann der Aufstieg, steil und knackig, man muss aufs Gelände achten.

Also sieht man Blumen, lila, gelb, weiß, und schwarzes Geröll, das unter dem Gras durchschimmert. Und wie Touristen so zu sagen pflegen, der Ausblick entschädigt für alle Mühe: linkerhand der Fluss, träge in seinem künstlichen Bett. Dahinter eine Fabrikruine an der anderen, nicht gerade wie Perlen einer Kette, aber für Perlenketten ist ja auch niemand gekommen. Auf der anderen Seite kleine Siedlungen, Backsteinhäuser in Grau und Braun, den Farben, die hier immer Saison haben. Unterbrochen werden sie von weiteren Halden, bewachsen, das pays noir ist längst grün geworden.

Eine Urban Safari

In einem afrikanischen Nationalpark legte der Guide jetzt ein blütenweißes Tuch über den Tisch und bedeckte ihn mit exquisiten Speisen. Eine Safari ist dies hier auch, eine Urban Safari, genau gesagt, denn da unten liegt nur Charleroi, die alte Brache, also muss es ein dunkles Textil auf der Spitze der Halde tun. Während sich ringsum die Objektive den Förderbändern, Transportbrücken und Schornsteinen widmen, schneidet Nicolas, der Guide, Baguettes auf, drapiert Käse, Schinken, Dips und Bananen darauf, auf dass seine neun Gäste sich ihre Stullen belegen können. Wasserflaschen, Coladosen, ein Sixpack Bier. „Lunch-time!”. Sein Assistent Fabrice kredenzt derweil ein Schale eingelegter Oliven, so viel muss sein. Zufriedene Gesichter ringsum. Picknick auf der Halde, es kommt drauf an, was man daraus macht.

Dass jemand etwas macht mit dieser Kulisse ist neu. Und in gewisser Weise antizyklisch, denn die Kohleminen und Stahlfabriken Charlerois, die seit den 50er Jahren eine nach der anderen die Tore schlossen, rosten seitdem still vor sich hin. Bis Nicolas Buissart, 31, im Frühjahr 2009 mit seinen Safaris begann. Charleroi Adventures heißt das Konzept, darauf muss man erstmal kommen, denn Abenteuer gab es hier, im einstigen Mekka der wallonischen Schwerindustrie, schon lange nicht mehr zu erleben.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die Region ein Dorado für Arbeitssuchende. Flamen, Italiener, Polen, Matrosen aus Übersee, die in Antwerpen an Land gingen, alle fanden hier ein Auskommen. Dann aber wurde die Stadt zum Synonym für Verfall, Tristesse und Arbeitslosigkeit. Wer in Belgien Charleroi hört, denkt an Elend.

Den Ort entdecken, an dem Magrittes Mutter Selbstmord beging

Nicolas Buissart, der sich selbst einen Multi-Form-Künstler nennt, dachte an Safaris. Und was für welche! „Machen Sie eine Tour durch die unglaublichste Industriestadt Europas”, wirbt die Website von Charleroi Adventures. Und dann wird jongliert mit sämtlichen Klischees, mit denen Charleroi, 30 Kilometer von der französischen Grenze gelegen, notorisch in Verbindung gebracht wird - und die Buissart, als er in Antwerpen Kunst studierte, den Status eines Exoten bescherten: „Entdecken Sie den Ort, an dem Magrittes Mutter Selbstmord beging, das Haus des berüchtigten Marc Dutroux, die deprimierendste Straße Belgiens. Klettern Sie auf eine Halde und besuchen Sie eine authentische verlassene Metallfabrik.”

Nicht alle goutierten dieses Spiel mit dem Morbiden. Wallonische Zeitungen schrieben von einer „unheimlichen Safari” und der Bestätigung des schlechten Images. Ein Boulevardblatt zürnte, Buissart präsentiere die Armut einer Stadt, in der 25 Prozent keine Arbeit haben. Er zuckt mit den Schultern. „Dabei zeige ich nur Landschaften. Postindustrielle Landschaften.” Und die haben ihre Anhänger.

Industrieruinen sind, ähnlich wie Geisterstädte, ein Abenteuerspielplatz für Fotografen. Alte Hasen, wie Luc de With und seine drei Freunde aus der Nähe von Antwerpen, die sich vor mehr als 30 Jahren an der Fotoakademie kennenlernten. Keiner von ihnen arbeitete je professionell, doch in der Freizeit ziehen sie regelmäßig an Orte, die besondere Motive versprechen. Bolivien, Island, Charleroi.

Vor allem Schwarz-Weiß-Bilder verspricht sich Luc hier. Die Schönheit des Hässlichen zeigen, darum geht es ihm. Mit Kennermine mustert er die Szenerie, die sich entlang des Flusses entfaltet. Kilometer um Kilometer eine Fabik hinter der anderen, einige noch in Betrieb, die meisten liegen still. Eine Sinfonie in Rost, der Zahn der Zeit hat riesige Löcher in die Anlagen gefressen, dazwischen liegen Schrotthaufen aus Metall und Stahlteilen, und all das spiegelt sich zusammen mit den Wolken in der dünnen Staubschicht, die das Wasser bedeckt. Auch das Kraftwerk findet sich dort ein zweites Mal. Eine elfköpfige Entengruppe schwimmt gerade auf das Abbild der Kühltürme zu.

Bram zieht es schon lange nach Charleroi. Seit er einen TV-Beitrag über die Safaris sah, will der 16-Jährige aus der Nähe von Den Haag hier mit seiner Kamera auf Entdeckung gehen. Auch seine Mutter Petra fotografiert, gleichwohl neugierig, was sich hinter dem schlechten Image verbirgt. Vor ein paar Jahren rief eine niederländische Zeitung ihre Leser auf, die hässlichste Stadt der Welt zu wählen. Charleroi ist zwar den meisten nur von der Durchfahrt nach Frankreich bekannt, doch auch von der futuristischen Ringstraße aus, die sich wie eine Achterbahn hoch über der Armada der Schornsteine windet, bekommt man einen gewissen Eindruck.

Spaziergang durch Fußgängerzone

Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone, in der großflächig das Pflaster erneuert wird und Leerrohre aus rotem Plastik aus dem Erdreich ragen, bestätigt das Stereotyp voll und ganz. Petras Bilanz ist deutlich: „Keine Spur von Geselligkeit.” Die vielen leerstehenden Häuser, Ladenlokale, für die sich kein neuer Pächter mehr fand, Menschen, von Armut und Alkohol gezeichnet, die Hände, die auf den Bänken der Innenstadt Dosen an die Lippen führen.

Lethargie ist eine Seite des Alltags dieser Stadt. Eine andere ist der Mut zum neuen Aufbruch, der immer wieder durchschimmert. Im Rockerill etwa, einem Kulturzentrum in einer der stillgelegten Stahlküchen. Vor sechs Jahren besetzte ein Künstlerkollektiv das Gelände, kaufte es dem Besitzer ab und restaurierte es.

Heute finden DJs und Bands den Weg dorthin, es gibt Ausstellungen und Veranstaltungen für Kinder, und jeden Donnerstag die lokale Variante des Yuppie-Phänomens After-Work-Party: les Aperos Indus heißt das hier, industrielle Aperitifs, im Ambiente von düsteren Stahlrohren und eines zuversichtlichen Hedonismus, den man hier nicht erwartet. Just darum geht es auch bei Urban Safaris, die mit dem Hässlichen kokettieren, um im Endeffekt gemäß des alten Travellermottos „off the beaten tracks” die verborgenen Reize der Stadt zu zeigen. Das Rockerill ist hier symbolisch: Sein Name ist eine Referenz an den englischen Ingenieur Cockerill, der Charleroi zu einem Zentrum der Industrialisierung machte. Der Inhalt eine Hommage an die Möglichkeiten, die sein Erbe bietet.

Für Nicolas Buissart ging das Konzept auf. Seit zwei Jahren zieht er nun jeden Sonntag mit zehn oder 20, manchmal auch 30 Besuchern durch alte Metroschächte. In den halb zerfallenen Lagerräumen einer Kohlemine erzählt er, dass diese in den 80er Jahren kurzfristig als Zoo benutzt wurde, und zeigt seinen Gästen die Gittertore der Käfige, die schief zwischen brüchigen Mauern hängen. Gleichzeitig passt er auf, dass niemand sich den Fuss umknickt, an den herum liegenden Glasscherben schneidet oder durch ein Loch im Boden fällt und eine Etage tiefer landet.

Größere Ambitionen als Tourguide hat Buissart allerdings nicht. Eher sieht er seine Safaris als Kunstperformance. Dass sein Wissen sich vor allem aus Wikipedia und Urban Legends zusammensetzt, gibt er unumwunden zu. In diesem Sinn ist Charleroi Adventures Punkrock mit den Mitteln des Sightseeings.

Den ausgebildeten Guides des städtischen Tourismusamts sind sie freilich ein Graus. Was Nicolas Buissart kalt lässt: „Wer bringt denn Besucher in die Stadt?”
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