British Virgin Islands locken mit lauter lohnenswerten Landgängen

Von: Ralf Johnen, ddp
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Der Strand von Little Dix auf Virgin Gorda. Im Schatten der Kokospalmen liegen die 97 Hauser der Little Dix Ferienanlage der Roswood Hotels & Resorts, Dallas. Im Herbst 1995 hatte ein Hurrikan das zu den Britischen Jungferninseln gehörende Eiland östlich von Puerto Rico schwer in Mitleidenschaft gezogen. Foto: Norbert Claus/ ddp

Road Town. Captain Debbie nimmt Kurs auf die White Sands Bay. Neulich hat sie hier vor der Insel Jost Van Dyke einen 50-Dollarschein verloren, als sie von ihrem Liegeplatz an Land geschwommen ist. Das Geld war in die Schleife ihres Bikini-Oberteils eingebunden. Ein festes Ritual unter Seglern, die damit der Soggy Dollar Bar huldigen, wo es zum guten Ton gehört, Cocktails mit nassen Dollarscheinen zu bezahlen.

Zur allgemeinen Belustigung hängt der Barmann die Noten an einer Leine auf, ehe er frische Muskatnuss über die Mix-Getränke reibt und die Gäste sich unter den Palmen ausbreiten. Dort erzählt Debbie, dass sie auf der Suche nach ihrem Fünfziger noch einen Tauchgang gemacht hat.

Gefunden aber hat sie zwischen den Papageifischen nur einen Eindollarschein. Das Meer sei eben geizig mit Wechselgeld.

Zurück an Bord ihres Katamarans verrät die passionierte Seglerin, dass es auf den British Virgin Islands auch ganz anders geht. Nach wenigen Seemeilen sehen wir, was die Frau aus Louisville, Kentucky, meint. Vor uns liegt Sandy Spit - eine Insel, wie sie in der Fantasie eines jeden Karibik-Urlaubers allgegenwärtig ist, die aber in der Realität nur selten vorkommt: Sie ist rundum von Sandstrand gesäumt. Sie erhebt sich aus türkisfarbenen Wasser. Zu ihrer Umrundung sind nur 400 Schritte erforderlich. Und bewohnt wird sie vor allem von Seeschwalben und Fregattvögeln.

Weniger abgeschieden ist die Cane Garden Bay auf der Hauptinsel Tortola. Direkt hinter den Stränden erheben sich bewaldete Hügellandschaften, die von fürstlichen Anwesen durchsetzt sind. Einen Landgang ist allein der gegrillte Mahi Mahi in Quitos Restaurant wert: Die Goldmakrele wird auf einer offenen Veranda mit Mango Chutney und Meeresblick serviert.

Besonders begehrt sind die Hafenbojen Ende Mai, wenn in der Bucht das Virgin Islands Music Festival steigt. Besucher können sich Calypso- und Reggae-Bands ansehen, während sie mit den Füßen im Wasser stehen. Segler haben zudem die Option, die Musik vom Strand herüberschwappen zu lassen - und an Deck die tropische Nacht zu genießen. Während ihre sieben Passagiere noch in den Kabinen schlafen, löst Debbie am nächsten Morgen die Taue, um nach einer kurzen Fahrt durch den Hafen das Hauptsegel zu setzen.

Auch 30 Jahre, nachdem sie ihre Heimat verlassen hat, wird die 55-jährige Skipperin immer noch von Glücksgefühlen befallen, wenn sie den Sir-Francis-Drake-Kanal erreicht. Mit diesem Namen wird der Wasserkorridor bezeichnet, den die Inselgruppe bildet.

Nur wenige Kilometer breit, macht ihn seine geschützte Lage zu einem der beliebtesten Segelreviere der Karibik. Mit immer neuen Eilanden, die angefahren werden können. Aber auch mit der Option auf sportliches Segeln abseits der geschützten Reviere. Als Debbie einen nordöstlichen Kurs einschlägt, ahnen ihre Mitsegler bereits, was sie meint: Wind und Wellengang nehmen spürbar zu. Und wäre da nicht noch eine Insel, würde der Katamaran auf Portugal zusegeln.

Während sie auf ihrem Kapitänsstuhl steht, zeigt Debbie auf eine Wolke von auffallend länglicher Gestalt. „Die hängt fast immer über Anegada. Früher haben sie die Seeleute zur Orientierung verwendet.” Im Gegensatz zu den anderen Jungferninseln ist der Außenposten des Archipels nicht vulkanischen Ursprungs. Streng genommen handelt es sich um kaum mehr als eine große Sandbank, die den Atlantik vom karibischen Meer trennt. Nur 210 Menschen leben hier, sie teilen sich ihren Lebensraum mit Flamingos und Meeresschildkröten.

Touristen finden den Weg hierhin selten, nur zweimal pro Woche kommt eine Fähre aus Tortola. So bleibt die rund 18 Kilometer lange und zwei Kilometer breite Insel Seglern vorbehalten. Abends treffen sich Einheimische und Besucher im Anegada Reef, einem simplen Hotel, das zugleich Mittelpunkt des sozialen Lebens ist. Gemeinsam beobachten sie, wie über dem offenen Feuer fangfrischer Lobster gegrillt wird, der anschließend direkt auf dem Strand verzehrt wird.

Ungewohnte Aufregung bricht am nächsten Tag aus, als Debbie einen Typen namens Donny anruft. Ob sie und ihre Gäste willkommen seien, möchte sie wissen. Donny bejaht. Also nehmen wir mit unserem Beiboot Kurs auf Necker Island. Unbedarft erkunden wir den Strand, als sich ein Motorboot nähert. „Sorry, das ist eine Privatinsel”, sagt der Mann am Ruder entschlossen.

Debbie widerspricht nicht. Der prominenteste Einwohner der British Virgin Islands, Sir Richard Branson, hat die Insel einst für kleines Geld gekauft. „Die Strände”, beharrt sie, „sind trotzdem öffentlich zugänglich”. Und Branson selbst lasse Neugierige nicht verscheuchen, solange diese ihren Aktionsradius darauf beschränken. Wenn er seine Insel jedoch an Film- oder Popstars vermiete, würden deren Bodyguards aktiv. Da könne auch Donny nichts ausrichten. Aber das sei ja egal. Schließlich gebe es genügend andere exklusive Orte.

Den Bitter End Yacht Club zum Beispiel, der sich am Nordostzipfel von Virgin Gorda befindet. Wie Debbie erklärt, haben seine Besitzer ihn in den 70er Jahren als letzte Anlaufstelle für Segler errichtet, die die Jungferninseln verlassen müssen.

Sei es in Richtung Sint Maarten, der nächstgelegenen Karibikinsel größeren Ausmaßes, oder auch mit dem Ziel, den Atlantik zu überqueren. Beides, so der Gedanke, sei eben bitter. Eine zeitlose Diagnose. Der Autor war auf Einladung des British Virgin Islands Tourist Board unterwegs.
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