Le Palais - Bretonisches Inselglück: Im Spielzeugauto über Belle-Île

Bretonisches Inselglück: Im Spielzeugauto über Belle-Île

Von: Ulrike Koltermann, dpa
Letzte Aktualisierung:
Bretonisches Inselglück
Das Tor zur Insel: Le Palais besticht nicht nur mit seinem Hafen, sondern auch mit dem Marktplatz, bunten Fassaden und einer überdimensionierten Zitadelle. Foto: dpa

Le Palais. Eine Polsterlandschaft aus Grasbüscheln scheint nur darauf zu warten, dass man sich der Länge nach ausstreckt. Am besten auf dem Rücken, um die Möwen in der Luft zu beobachten. Noch besser an einem leichten Abhang, so dass der Blick ungehindert über die Felsbrocken wandern kann, an denen die Wellen sich brechen und weiße Schaumflocken tanzen lassen.

Die Steilküste verläuft so unregelmäßig wie die Ränder eines Tintenflecks. In den tiefen Einschnitten verbergen sich idyllische kleine Sandstrände.

Faul im Gras zu liegen und die Landschaft anzuschauen ist ein guter Weg, um sich dem Rhythmus von Belle-Île anzupassen. Auf der größten der bretonischen Inseln lebt es sich langsam. Wer schnell große Strecken zurücklegen will, ist hier falsch.

Belle-Île ist nicht mal 20 Kilometer lang und an der breitesten Stelle knapp neun Kilometer breit. Dafür gibt es aber immerhin 59 Strände, unter ihnen auch solche, die gerade einmal Platz für zwei Handtücher bieten und nur durch waghalsige Kletterpartien erreichbar sind.

Mit mächtigem Tröten kündigt sich die Fähre an, die Pendler und Urlauber in den Hauptort Le Palais bringt. Kurz vor der schmalen Hafeneinfahrt drosselt das Schiff seine Geschwindigkeit und gleitet zwischen den beiden kleinen Leuchttürmen hindurch, einer mit grünem, der andere mit rotem Hütchen. Die Kaimauern strecken sich dem Besucher wie ausgestreckte Arme entgegen, um ihn willkommen zu heißen.

Kaum hat man Inselboden unter den Füßen, scheint der Alltag weit weg, am Festland zurückgeblieben. Le Palais besteht aus dem Marktplatz, ein paar Gassen mit bunten Fassaden und einer überdimensionierten Zitadelle - ein Relikt aus Zeiten, in denen die Insel noch kein Erholungsidyll sondern ein strategisch bedeutender Ort war.

Nicolas Fouquet, der schwerreiche Finanzchef des Sonnenkönigs Ludwig XIV., hatte sich die Insel Mitte des 17. Jahrhunderts gekauft und zum Stützpunkt seiner Handelsflotte ausgebaut - ohne sie je zu besuchen. Doch Fouquet fiel in Ungnade, der König ließ ihn verhaften und konfiszierte die Insel. Ludwig XIV. schickte seinen Festungsbaumeister Vauban nach Belle-Île. Die Zitadelle auf sternenförmigem Grundriss zählt zu Vaubans Klassikern und birgt heute ein schickes Hotel.

Belle-Île lässt sich auf einem Küstenweg erwandern. In vier bis fünf Tagen käme man einmal um die ganze Insel herum. Wer nur ein langes Wochenende bleibt, wird sich einzelne Abschnitte aussuchen. Der Weg ist gut markiert und ausschließlich Wanderern vorbehalten. Er schlängelt sich durch hochgewachsenen Farn oder durch kleine Pinienwälder, in denen es nach würzigem Harz duftet. Ein Kuckuck ruft ausdauernd seinen eigenen Namen.

Der Blick aufs Meer ändert sich immer wieder: Mal geht es am Rand des Felsenkliffs entlang, und die Wasseroberfläche schimmert in allen Blautönen. Dann geht es plötzlich steil hinunter, unvermutet tut sich ein hübscher Sandstrand auf. Bei Ebbe bleiben große Felsbrocken zurück, mit schwarzen Muscheln und hellgrünen Algen dekoriert. Rundgeschliffene Kiesel liegen dort, als warteten sie nur darauf, von Kennerhand geschleudert über das Meer zu hüpfen.

Um mehr von der Insel zu sehen, gibt es zwei Möglichkeiten: Fahrräder oder Mietwagen. Fahrräder sind eher für sportliche Menschen. Obwohl die Insel keine markanten Hügel besitzt, geht es häufig rauf und runter, und die Straßen sind schmal. Lustiger ist es im Spielzeugauto. Gleich am Hafen von Le Palais gibt es einen Autoverleih, der winzige Zweisitzer-Cabrios im Angebot hat, die an Autoscooter auf der Kirmes erinnern. Daneben gibt es auch Citroën Méharis, Jeeps mit dem Motor eines 2CV, in dem man sich wie Tim und Struppi im Kongo fühlt.

Wir entscheiden uns für ein tiefliegendes Cabrio, das weder ein Dach noch Türen hat. Zwischen den Sitzen und der Straße beträgt der Abstand nur ein paar Zentimeter. Das quietschgelbe Auto lacht uns freundlich an: Die runden Scheinwerfer sind hochgestellt, darunter prangt ein aufgemalter grinsender Mund. Ja, es sieht albern aus - aber es macht fürchterlichen Spaß, damit durch die Gegend zu fahren.

Mit Wind im Haar geht es nach Sauzon, dem Ort im Norden der Insel. Die Entfernungen sind übersichtlich, kaum ist der vierte Gang getestet, rollt der gelbe Miniflitzer schon im Hafen ein. Weiße Jachten schaukeln auf dem Wasser, zartgrüne Fischernetze liegen am Kai. Eine einzelne Marktfrau verkauft fangfrische Hummer und Meeresspinnen, deren Scheren und Beine sich wie in Zeitlupe bewegen.

Im Café am Fuß des Leuchtturms mischen sich die späten Frühstücker, die Café crème und Croissants genießen, mit den frühen Apéro-Liebhabern, die mit Weißwein anstoßen und Erdnüsse knabbern. Sauzon anschauen heißt, in der Sonne am Bistrotisch zu sitzen, den Blick schweifen zu lassen und das Nichtstun zu genießen.

Der nördlichste Zipfel der Insel mit seinem weiß-roten Leuchtturm hat sich so weit ins Meer hervorgeschoben, dass er nur bei Ebbe zu erreichen ist. Die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844-1923) hatte sich die Pointe des Poulains zu ihrem Rückzugsort fern des Pariser Glitters und Glamours erkoren. Damals dauerte die Zugfahrt von Paris noch zwölf Stunden, vom Boot aus ließ sie sich von starken Helfern ans Land tragen.

„Jedes Jahr will ich auf diese malerische Insel zurückkommen und ihre wilde Schönheit genießen. Unter dem belebenden Himmel finde ich neue Schaffenskraft”, schrieb Bernhardt, die als berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit galt. Sie ließ eine Villa bauen, in die sie Künstler, Intellektuelle und sogar den englischen König Edward VII. einlud.

Wenige Jahre vor Sarah Bernhardt hatte auch der Maler Claude Monet Belle-Île entdeckt. Zwei Wochen wollte er bleiben, doch daraus wurden zweieinhalb Monate. Vor allem die Westküste hatte es ihm angetan. Vor der Steilküste ragen Felsenformationen wie langhalsige Monster aus dem Meer. Die Aiguilles de Port Coton verdanken ihren Namen der Tatsache, dass die Gischt aus der Ferne an weiße Wattebäusche erinnert.

„Das Meer ist unglaublich schön und voller fantastischer Felsen”, schwärmte Monet, der bei Wind und Wetter seine Staffelei aufstellte, um das jeweils andere Licht einzufangen. Knapp 40 Werke entstanden auf der kleinen Insel, unter ihnen mehrere Serien, die dasselbe Motiv zu verschiedenen Tageszeiten oder Witterungen zeigen.

Das Spielzeugauto springt mit einem Rucken an, was eine Gruppe von Schulkindern amüsiert. Die Fahrten von einem schönen Ort zum nächsten dauern kaum länger als 20 Minuten. In Bangor, dem einzigen größeren Ort im Landesinneren spielen mehrere alte Männer Boule. Hier hatte der frühere französische Präsident François Mitterrand sich gerne aufgehalten. Er bedauerte, den Ort nicht früher entdeckt zu haben. „Ich bin weit herumgekommen, aber hier ist es so schön, so schön!” sagte er.

In Locmaria am Südzipfel steht die älteste Kirche der Insel, klein trutzig und weiß getüncht. Viele Häuser sind im bretonischen Stil gebaut, mit kleinen Fenstern, anthrazitfarbenen Dächern und Giebeln, die als Schornstein enden.

Im Abendlicht erreichen wir Le Palais, wo auf den Terrassen der Cafés schon der Aperitif getrunken wird. Ein junger Mann spielt Gitarre und singt dazu, in Deutschland würde man es Schlager nennen, auf Französisch klingt es irgendwie charmanter. Die übrige Abendunterhaltung besteht darin, sich erst zwischen den Restaurants und dann zwischen den Angeboten auf der Speisekarte zu entscheiden.

Frischer Fisch und salzige Butter sind die beiden Grundzutaten auf Belle-Île, und daraus lassen sich unglaublich leckere Gerichte zubereiten. Dazu ein frischer Rosé, zum Abschluss ein flambierter Crêpe - und das Inselglück ist perfekt.

Info-Kasten: Belle-Île

Anreise: Die Anreise erfolgt in der Regel mit dem Schiff ab dem Hafen Quiberon. Dort stehen kostenpflichtige Parkplätze zur Verfügung. Die Insel verfügt nur über einen kleinen Flughafen.

Klima und Reisezeit: Hochsaison ist im Juli und August. In den Monaten davor ist es zwar mitunter noch recht kühl, doch weniger überlaufen.

Unterkunft: Auf der Insel gibt es einige Hotels und Pensionen. Vor allem in der Hauptsaison sollte man aber vorab reservieren.

Unterwegs auf der Insel: Der eigene Pkw kann mit auf die Insel genommen werden, die Fährüberfahrt muss jedoch angemeldet werden. Ansonsten gibt es auf der Insel Verleihstationen für Mofas, Autos und Fahrräder. Die beschriebenen Spielzeugautos verleiht Locatourisle (http://dpaq.de/x5jyC).

Informationen: Office de Tourisme, Quai Bonnelle, 56360 Le Palais (Tel.: 0033/297/318193, E-Mail: info@belle-ile.com).

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