Bescheiden und beschaulich: Nürnberg bevorzugt die leisen Töne

Von: Ralf Johnen, dapd
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Nürnberg. Ganz schon viel los hier, für eine Stadt mit 100.000 Einwohnern. Sprüche dieser Art hat Dieter Zemann von Besuchern nur allzu oft gehört. „Die Leute”, sagt der gelernte Steinmetz mit gespielter Eingeschnapptheit, „unterschätzen Nürnberg fast immer.”

Das mag daran liegen, dass die Innenstadt fast lückenlos von einer Stadtmauer eingefasst ist - was ein Gefühl kleinstädtischer Geborgenheit hervorruft. Oder auch daran, dass Ortsunkundige mit der Wörterkombination Bayern und Großstadt ohnehin nur München in Verbindung bringen und nicht die mit mehr als 500.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Freistaats.

Mit dieser Einschätzung aber, sagt Zemann, während er abermals das Gesicht verzieht, liegen die Leute letztlich gar nicht so falsch. „Schließlich liegt Nürnberg ja nicht in Bayern, sondern in Franken.” Nur weil die Preußen die stark verschuldete Stadt Anfang des 19. Jahrhunderts nicht haben wollten, gehöre man heute formal zu diesem Bundesland. Um die Fremdheit im eigenen Land zu untermalen, zeigt er auf die Lorenzkirche, die ohne Zwiebeltürme auskommt, sondern nach dem Vorbild des Straßburger Münsters gebaut wurde: „Außerdem”, ergänzt er, „sind wir nicht katholisch.” Schon 1525 führte die Stadt Luthers Reformationsgesetze ein.

Die besten Würste der Welt

All die Irrungen und Wirrungen rund um die eigene Identität aber will der 60-Jährige nicht überbewerten. „Wir Franken”, sagt er, „sind ja ohnehin eher bescheidene Leute.” Und dazu gehört für ihn auch, auf Superlative wenn möglich zu verzichten. Auf dem Hauptmarkt aber steuert der Stadtführer zielstrebig auf den Stand von „Krugs Imbiss” zu. Auf dem Grill liegen Dutzende der nur fingergroßen Rostbratwürste. Die Einheimischen essen sie meist als „Drei im Weckla”. Auf Deutsch heißt das: als Sandwich in einem Brötchen. Wer genau lauscht, hört Zemann flüstern, dass die Nürnberger Würstchen natürlich die besten der Welt sind.

Zemann schlendert durch die Straßen der Altstadt und erzählt dabei von Albrecht Dürer, Deutschlands „vielleicht bedeutendstem” Maler, der seine Kunst trotz aller Auslandsaufenthalte nur in Nürnberg zur Formvollendung bringen konnte. Dann spricht er von der monumentalen Mauthalle, einem ehemaligen Kornspeicher, der gegenüber der Lorenzkirche das historische Stadtbild bereichert. Vom erhabenen Heilig-Geist-Spital an den Ufern der Pegnitz, das schon im Mittelalter Alte und Kranke beherbergte. Schließlich wechselt er abrupt das Thema: „Die Fußgängerzone”, sagt Zemann, „ist übrigens die größte in ganz Deutschland.” So viel Lokalpatriotismus darf sein. Bei aller Bescheidenheit.

Wo er nun doch schon mal dabei ist, die Errungenschaften seiner Heimatstadt anzupreisen, gönnt er sich einen kleinen Exkurs in die Vergangenheit: Zwischen Nürnberg und Fürth sei ja 1835 die allererste Eisenbahn Deutschlands gefahren. Und das sei nur ein Beispiel von vielen für die Innovationskraft der Stadt. Firmen wie Siemens, AEG, MAN und Bosch hätten - weit außerhalb der Stadtmauern - für anhaltende Prosperität gesorgt.

Neues Leben auf dem AEG-Areal

Vor allem das Ende von AEG im Jahre 1996 hat der Stadt wehgetan. Doch wie Wolfram Zilk vom Nürnberger Stadtmarketing erklärt, wird das ehemalige Werksgelände im Stadtteil Muggendorf nun schrittweise wiederbelebt: Unter dem Stichwort „Auf AEG” arbeiten auf dem Areal inzwischen an die 80 Künstler. Die Ansiedlung von IT-Unternehmen verleihe Nürnberg zusätzliche Wachstumsimpulse, sagt Zilk. Vor ein paar Jahren wurde nach der Stadtflucht der 80er Jahre eine Schallmauer abermals durchbrochen: die von 500.000 Einwohnern.

Zilk schwärmt von der hohen Lebensqualität Nürnbergs, die ihn als jungen Mann zur Zuwanderung aus dem katholisch-bajuwarischen Passau bewegt hat. Von der Oper, die immer wieder Talente hervorbringe, aber auch von gemütlichen Gaststätten wie dem „Schwarzen Bauer” in den Altstadthöfen, wo er vorzugsweise ein nach mittelalterlicher Rezeptur gebrautes Rotbier trinkt. Danach darf es auch gerne noch ein Gerstensaft im „Hexenhäuschen” sein, einem Biergarten mit Blick auf die Kaiserburg, die das Stadtbild prägt wie kein zweites Bauwerk.

Dokumentation der Vergangenheit

Das attraktive Stadtbild, auch das verschweigt Zilk nicht, war für Nürnberg keineswegs immer ein Segen. Die Nationalsozialisten hatten die Stadt wegen ihres Erscheinungsbildes früh für sich vereinnahmt, und - wie Zilk beteuert - gegen den Willen weiter Teile der Bevölkerung zum Austragungsort der Reichsparteitage erkoren. Im Südosten der Stadt erinnert die unvollendet gebliebene Kongresshalle von Albert Speer auch heute noch auf gespenstische Weise daran.

Das in den Nordflügel der Halle integrierte Dokumentationszentrum bildet seit 2001 den Aufstieg der NSDAP ebenso ab wie die Nürnberger Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu befasst sich die Dauerausstellung „Faszination und Gewalt” mit den Ursachen, Zusammenhängen und Folgen der Gewaltherrschaft. Zilk ist froh, dass sich die Stadt zum offenen Umgang mit der Geschichte entschlossen hat. Nur so könne sie den epochalen Irrtum der Deutschen verarbeiten.

Die Andalusier Deutschlands

Nur einen Steinwurf entfernt treten an diesem Nachmittag im Frankenstadion die wenig geschätzten Bayern aus München an. Trotz aller Schmähgesänge verliert der heimische „Glubb”, wie der 1. FC Nürnberg von seinen Fans genannt wird, mit 0:1. Die Münchner mussten hart für ihren Erfolg arbeiten. Unterschätzt haben sie die fränkischen Nachbarn ganz gewiss nicht.

In den Kneipen rund um das Albrecht-Dürer-Haus zu Füßen der Kaiserburg ist die Niederlage am Abend bereits vergessen. Hier bewahrheitet sich nun, was Steinmetz Dieter Zemann schon am Vormittag prophezeit hatte: Die Franken sind wegen ihres Temperaments die Andalusier Deutschlands. Zumindest nach dem sechsten Bier.

Anreise: Nürnberg ist sehr gut an das Netz der Deutschen Bahn angebunden, die Straßen der Altstadt beginnen direkt gegenüber vom Bahnhof. Auch der Flughafen ist mit der U-Bahnlinie 2 gut erreichbar.

Reisezeit: Nürnberg ist ein Ganzjahresziel, besonders viele Besucher kommen zum historischen Christkindlesmarkt. Kenner empfehlen sonst die Monate Januar, Juli und August, weil dann keine Messen stattfinden und die Hotels deutlich günstiger sind.

Das Jahr 2012 steht ganz im Zeichen der Kunst. Aus diesem Anlass präsentiert sich das Dürerhaus mit einem neuen Konzept. Das Germanische Nationalmuseum hat ab dem 24. Mai die größte deutsche Ausstellung zu Dürer seit 40 Jahren angekündigt.

Unterkunft: Das in der Altstadt gelegene „Hotel Drei Raben” bietet hübsche Themenzimmer unter anderem zu Albrecht Dürer und den Nürnberger Meistersingern, aber auch zum 1. FC Nürnberg an. An Wochenenden ab 150 für zwei Personen im Doppelzimmer (hoteldreiraben.de).

Das „Hotel Vosteen” liegt unmittelbar zu Füßen der Kaiserburg und rühmt sich eines konsequenten 50er- und 60er-Jahre-Designs. Doppelzimmer an Wochenenden ab 98 Euro.

Restaurants: Im „Schwarzen Bauern” in den Altstadthöfen werden traditionelle fränkische Speisen wie Tafelspitz und Rostbratwürstchen serviert. Dazu kommt unter anderem rotes Bier aus der Hausbrauerei.

„Böhms Herrenkeller” hat Fränkischen Sauerbraten und Fränkisches Schäufele (Schweinebraten mit Kruste) auf der Karte.

Lektüre: Der Reiseführer „Nürnberg, Fürth, Erlangen” von Ralf Nestmeyer (Michael Müller Verlag, 2010, 12,90 Euro, ISBN: 978-3899535259) setzt sich differenziert mit Gegenwart und Vergangenheit der fränkischen Metropole auseinander.

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