Auf Zeitreise im Oldenburger Münsterland

Von: Andreas Heimann, dpa
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Oldenburger Land
Pinsel- und Bürstenmacher gehörten zu den Pionieren der Industriegeschichte im Landkreis Vechta - das Industriemuseum in Lohne widmet ihnen einen Teil der Ausstellung. Foto: dpa

Visbek. Touristisch gesehen ist das Oldenburger Münsterland keine Topdestination. Die Region mitten in Niedersachsen ist bisher allenfalls für ihre hohe Geburtenrate und intensive Landwirtschaft bekannt. Dabei gibt es im Landkreis Vechta einiges zu entdecken - von der Steinzeit bis zur Gegenwart.

Buchstäblich steinreich ist das Oldenburger Münsterland - das zeigen schon die vielen Hünengräber. „Sie sind älter als die Pyramiden”, sagt Ulrike bei der Hake-Tönjes, die bei Führungen zu den Großsteingräbern in Visbek erklärt, woher die Riesensteine kommen: aus Skandinavien. Die Gletscher der Eiszeit haben sie in den Landkreis Vechta geschoben. Und die Bauern der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren haben sie genommen und ihre Grabanlagen damit gebaut.

„Allein rund um Visbek gibt es elf Großsteingräber”, sagt bei der Hake-Tönjes und führt ihre kleine Besuchergruppe durch den Wald bis zum „Heidenopfertisch”. So heißt eines der Steingräber, weil sich fantasiebegabte Menschen früherer Zeiten alle möglichen unheimlichen Geschichten darüber erzählten - bis hin zu blutigen Ritualen mit Menschenopfern. Das ist aber Quatsch, die Anlage wurde über viele Generationen für Begräbnisse genutzt. Überreste der Toten wurden nicht gefunden - nur Teile von Tonbechern, die damals in Mode waren und die Visbeker der Jungsteinzeit als Angehörige der „Trichterbecherkultur” ausweisen.

Ganz in der Nähe ist eines der bekanntesten Gräber der Region zu finden: der Visbeker Bräutigam. Mit 130 Findlingen, die es auf einer Länge von 104 Metern begrenzen, ist es das größte Hünengrab Niedersachsens. Wie es die Steinzeit-Bauern geschafft haben, die tonnenschweren Decksteine auf die Findlinge zu wuchten, ist immer noch eine faszinierende Frage: Wahrscheinlich haben sie sie mit Hilfe von Ochsen über Erdrampen nach oben gezogen. Eine echte Leistung war es in jedem Fall.

Führungen zu den Visbeker Großsteingräbern gibt es seit kurzem auch abends bei Dunkelheit - nur die Fackeln der Teilnehmer zeigen, wo es langgeht. Ulrike bei der Hake-Tönjes erzählt dann einiges zur Geschichte der Grabanlagen, garniert mit Gedichten, Abteilung „Mondlicht über der Heide” und mit Gitarrenbegleitung. Wer bei Mondlicht oder sogar ganz im Dunkeln durch den Wald gestapft ist, freut sich umso mehr, wenn es hinterher zum „Landgasthof Engelmannsbäke” geht.

Der Hof ist von den Großsteingräbern nur einige Minuten entfernt, selbst ein Ausflugsziel und schon mehr als 850 Jahre alt. „Seit 500 Jahren ist er in unserer Familie”, erzählt Ralph Engelmann. „Seit rund 100 Jahren kommen Touristen.” Einerseits wegen der Großsteingräber, andererseits wegen der Landschaft: „In der Bäke gibt es wieder Forellen”, sagt Engelmann. „Wildschweine, Rehe und Damwild haben wir auch. Und am Teich gibt es Eisvögel.” Inzwischen liegt der Gasthof mitten im Landschaftsschutzgebiet.

Großstädte sucht man im Oldenburger Münsterland vergeblich. Am größten ist noch Vechta. Schon im Mittelalter war es die wichtigste Stadt der Region. Im 1698 erbauten Zeughaus der ehemaligen Zitadelle ist heute ein Museum untergebracht, das Axel Fahl-Dreger leitet. Der Historiker ist ein großer Fan davon, Geschichte über Experimente erfahrbar zu machen. Schon vor dem Museumsgebäude stehen ein Belagerungsturm und ein mittelalterlicher Hebelkran, die hier rekonstruiert wurden. Im Holz des Turms stecken sogar einige Pfeile. „Wir haben da mal eine Schussprobe gemacht”, sagt Fahl-Dreger.

Durch Ausprobieren lernt man am besten, ist sein Motto. Und so gibt es im Zeughaus Kurse im Bogenbau genauso wie im Schmieden von Ritter-Schwertern und Helmen. Die Ausstellung zeigt Hellebarden, Ritterrüstungen, Kanonenkugeln und Kettenhemden. „Alles, was hier nicht in den Vitrinen liegt, darf auch angefasst werden”, sagt der Historiker.

Zu den ungewöhnlichsten Exponaten gehört eine kleine Flöte aus einem Gänsegeier-Knochen. „Wir haben sie 2005 hier gefunden, erst eine Hälfte, dann eine Woche danach die zweite.” Gänsegeier waren allerdings auch im Mittelalter im Oldenburger Münsterland nicht heimisch. „Vielleicht haben Jakobspilger sie aus Nordspanien mitgebracht”, sagt der Historiker und lässt ein paar Töne hören: „Sie ist in E-Dur gestimmt, und man spielt sie wie eine Blockflöte.”

Das Oldenburger Münsterland gilt als Heimat der Hühnerzüchter und als Hochburg der Landwirtschaft. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Das Bild abzurunden versucht das Industriemuseum in Lohne, das auf 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zeigt, wie auch der ländliche Raum durch die Industrialisierung verändert wurde. Landmaschinen lösten die Handarbeit ab, egal ob Düngerstreuer oder Mähdrescher.

Ein ganz früher Industriezweig war die Produktion von Schreibfedern aus Gänsekielen. „Die Federn mussten gehärtet, geschabt und zugespitzt werden”, erklärt Museumsleiterin Ulrike Hagemeier. Der Bedarf an Schreibfedern war enorm: „Mit einer Feder ließen sich ungefähr zehn Seiten schreiben.” Um 1840 gab es in Lohne vier Schreibfederfabriken. „Ein Arbeiter schaffte 1000 Federn am Tag.”

Mitte des 19. Jahrhunderts ging es mit der Federindustrie bergab, nachdem die Stahlfeder erfunden worden war. Einige Betriebe sattelten um: von Federn auf Pinsel zum Beispiel. Und so exportierte Lohne bald Pinsel aus Schweineborsten oder Kuhhaar. Pinselmacher gab es noch nach dem Zweiten Weltkrieg. „Wir haben noch einige, die um 1940 ihre Ausbildung gemacht haben”, erzählt die Museumsleiterin. „Die führen im Museum vor, wie das geht.”

Auch die Zigarrenherstellung hielt sich in der Region noch lange. Ein eigener Bereich des Museums ist ihr gewidmet. „In Visbek wird sogar heute noch Tabak angebaut”, sagt Ulrike Hagemeier. Früher wurde auch Schnupftabak produziert. Und fast wäre Lohne sogar Autostadt geworden: Zu den Höhepunkten des Museums gehört das Fuldamobil, von dem Mitte der 50er Jahre hier immerhin 701 Exemplare gebaut wurden, ein Zweitakter, der 75 Stundenkilometer schaffte. Wie als Beispiel für die unerwarteten Seiten der Region, die politisch als „tiefschwarz” gilt, steht ein Exemplar davon im Museum - ein leuchtend rotes.

Tourismus-Information Nordkreis Vechta, Kapitelplatz 3, 49377 Vechta (Tel.: 04441/85 86 12, info@nordkreis-vechta.de .
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