Auf „Tatonkas” Spuren durch den winterlichen Yellowstone-Park

Von: Bernhard Krieger, dpa
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Elche Yellowstone
Elche gibt es im Yellowstone-Nationalpark auch - wer allerdings mit lauten Motorschlitten durch die Winter-Landschaft fährt, bekommt sie wahrscheinlich nicht zu sehen. Foto: dpa

Jackson Hole. Im Winter kehrt im ältesten Nationalpark der Welt Ruhe ein - sogar im neuen Besucherzentrum am berühmten „Old Faithful”-Geysir. Dann sind die wenigen Touristen in der weißen Wildnis Amerikas fast allein mit den Königen der Steppe. Ein grandioses Gefühl.

Schnaubend stapft der Bison-Bulle durch den hohen Schnee auf uns zu. Gemächlich dreht der 900 Kilogramm schwere Koloss seinen wuchtigen Schädel und mustert uns mit dunkelbraunen Augen. Halb zugeschneit wirkt das zottelige Tier beinahe anrührend friedfertig, zugleich aber auch bedrohlich. Zwischen uns und dem Büffel steht schließlich nur noch ein Snowmobile, mit dem wir mitten im Winter bei eisigen Temperaturen stundenlang durch den Yellowstone-Nationalpark gefahren sind, um den König der nordamerikanischen Steppe zu suchen.

„Tatonka” nennen ihn die Sioux-Indianer voller Ehrfurcht. Ohne den ersten Nationalpark der Welt gäbe es ihn schon längst nicht mehr. Der 1872 gegründete Yellowstone-Park rettete die Ende des 19. Jahrhunderts von den Weißen praktisch ausgerotteten Bisons. Legendäre Jäger wie „Buffalo Bill” schossen im Wilden Westen innerhalb weniger Jahrzehnte Millionen von Bisons, um ihre wertvollen Felle zu verkaufen. 1883 wurde zwar ein Jagdverbot erlassen, aber Wilderer gaben den dezimierten Herden in Wyoming, Montana und Idaho den Rest. 1902 wurden nur noch 23 Tiere in den USA gezählt.

Erst als die US-Armee im „Fort Yellowstone” auf Geheiß von Präsident Theodore Roosevelt den Schutz der Tiere übernahm, erholten sich die Bestände. 5000 leben heutzutage wieder im Yellowstone, rund 350.000 sind es insgesamt in den Staaten. Bisons sind damit keine Seltenheit mehr in den amerikanischen Steppen, so schön beobachten wie im Yellowstone-Park kann man sie jedoch selten.

Während in den Sommermonaten fast drei Millionen Menschen jährlich in dem Unesco-Weltnaturerbe unterwegs sind, verlieren sich im Winter gerademal 140.000 Besucher in dem Park. Ski-Langläufer und Schneeschuhwanderer streifen dann lautlos durch unberührte Wildnis. Nur die schrecklich knatternden Motorschlitten stören ab und an die Ruhe in dem von tiefen Schluchten, Wasserfällen wie den „Keppler Cascades”, dichten Wäldern und großen Seen durchzogenen Naturparadies. Bei knackigem Frost und meterhohem Schnee sind die bis zu 93 Grad heißen Quellen von West Thumb und die emporschießenden Geysire umso eindrucksvoller.

Zwei Drittel aller aktiven Geysire der Welt befinden sich im Yellowstone. Der berühmteste ist der „Old Faithful”. Ungefähr alle 90 Minuten schießt der heiße Wasserstrahl wie eine Bestie fauchend und zischend in den Himmel. Rund um den bekannten Geysire gibt es Hotels und Restaurants sowie das im Herbst 2010 neu eröffnete große Besucherzentrum mit Park-Museum. Im Winter ist dies das Zentrum von Yellowstone.

Knapp vier Stunden dauert die unbequeme Fahrt in alten Bombardier-Kettenfahrzeugen vom Eingangstor des Parks an der Flagstaff Ranch in der Nähe des Skiortes Jackson Hole über schnee- und eisbedeckte Straßen bis zum „Old Faithful”. Im Winter darf man nicht selbst durch den Park fahren. So ist man für An- und Abreise auf den altertümlichen Shuttle angewiesen. Das kostet zwei Tage.

Bei einem Kurztripp mit zwei Übernachtungen im Park bleibt also eigentlich nur ein Tag für die Wintersafari per Snowmobile. Frühmorgens gibt unser Guide Julia eine kurze Einweisung für die Motorschlitten. In warme Thermo-Overalls und Fellstiefel eingepackt, fahren wir mit zehn weiteren Snowmobile-Fahrern davon. Immer wieder kommen uns andere Gruppen entgegen.

Bei dem Lärm ist es kein Wunder, dass man kaum ein Tier sieht. Die scheuen Elche haben sich tief in die Wälder verzogen, die 1996 hier wieder angesiedelten Wölfe lassen sich nicht blicken. Die rund 500 Grizzlybären sind ohnehin noch im Winterschlaf, und selbst die neugierigen Otter scheinen am „Yellowstone Lake” keine Lust auf ein Bad in den warmen Quellen zu haben.

Mittags kehren wir zu einem Picknick-Stopp und zum Aufwärmen in eine der Schutzhütten ein. Mit nur einem jagenden Coyoten in der Ferne ist die Ausbeute für die Fotografen in der Gruppe bislang mager. Dafür beeindruckt die Landschaft, obwohl 1988 mehr als ein Drittel des Parks niederbrannte. Bis heute sehen ganze Hügelketten mit verkohlten Baumstümpfen wie trostlose Schlachtfelder aus. Eine weggeworfene Zigarette soll das größte Feuer ausgelöst haben, erzählt einer der Ranger.

Als wir wieder aufbrechen, gibt er Julia noch einen Tipp, wo sich eine Herde Büffel aufhält. Und nach knapp 20 Minuten Fahrt treffen wir sie tatsächlich. Eine größere Gruppe steht rund 300 Meter entfernt auf einer Lichtung, rund 20 Tiere kommen uns mitten auf der Straße entgegen. „Das machen sie schon mal gerne, weil sie hier nicht so tief in den Schnee einsinken”, erklärt Julia.

Wir reihen unsere Motorschlitten am Straßenrand auf und lassen die Tatonka-Parade nicht mal einen Meter entfernt an uns vorbeiziehen. Sicherheitshalber stellen wir uns hinter die Motorschlitten, denn jedes Jahr werden in Yellowstone mehr Menschen von Bisons verletzt als von Bären.

Fast immer sind die Menschen selbst Schuld. „Wenn man den Tieren zu sehr auf den Pelz rückt, verlieren sie eben ihre stoische Ruhe und dann rammen sie”, warnt Julia. Und so ein Bulle ist trotz seines wuchtigen Körpers bis zu 50 Stundenkilomter schnell. Dennoch unterschätzen viele immer noch die Gefährlichkeit der Büffel, sagt ein Ranger, manchmal geradezu erstaunlich leichtsinnig: „Eltern haben ihre Kleinen schon auf den Rücken von Bisons gesetzt, um sie dort zu fotografieren.”

Der Yellowstone Nationalpark

Anreise und Formalitäten: Der Yellowstone-Nationalpark ist am einfachsten über den Flughafen des Skiorts Jackson Hole in Wyoming erreichbar. Von dort geht es in eineinhalb Stunden zum Eingang des Parks. Bürgern aus EU-Staaten benötigen einen gültigen Reisepass und eine ESTA-Anmeldung zur Einreise in die USA.

Klima und Reisezeit: Im Winter liegen die Temperaturen tagsüber in der Regel zwischen minus 20 und minus 5 Grad Celsius. Nachts wird es deutlich kälter.

Informationen: Rocky Mountain International, Scheidswaldstraße 73, 60385 Frankfurt (Tel.: 069/25538230, Internet: http://www.rmi-realamerica.de ).
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