Auf Luthers Spuren: Eine Pilgerreise auf dem Frankenweg

Von: Jobst Knigge und Detlev Niebuhr, dpa
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Auf Luthers Spuren nach Rom
Auf dem Frankenweg laufen Pilger auf alten Römerstraßen und -brücken wie hier am Septimerpass. Oft geht es aber auch an stark befahrenen Autostraßen entlang. Foto: dpa

Rom. Auf dem Jakobsweg pilgern seit Hape Kerkelings Buch die Massen, der Frankenweg nach Rom dagegen ist fast vergessen. Vor 500 Jahre wanderte Luther die Strecke, nun erwacht der alte Pilgerweg langsam wieder zum Leben.<br />

Der Winter stand vor der Tür, als sich der Augustinermönch Martin Luther im November vor genau 500 Jahren zusammen mit einem Ordensbruder auf den Weg machte. 1800 Kilometer Fußweg lagen vor ihnen, das Ziel war Rom, die Heilige Stadt.

Das Jubiläum hat einige Wanderer unserer Tage inspiriert, den alten Pilgerweg von Deutschland über die Alpen bis zum Zentrum der Christenheit nachzuwandern. Im Unterschied zum Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela, der nach Hape Kerkelings Bestseller beinahe zum Trampelpfad geworden ist, bleibt der Wanderweg über die Alpen ein großes Abenteuer.

Der große Pilgerstrom des Mittelalters zur Ewigen Stadt ist seit langem versiegt, die Straße mit ihrem Netzwerk von Hospizen und Herbergen in Vergessenheit geraten. Doch in jüngster Zeit regt sich neues Leben entlang der Via Francigena, der alten Frankenstraße von Nordeuropa zum Sitz des Papstes am Tiber.

Italien und die Europäische Union fördern sie jetzt als „Europäische Kulturstraße”. Ein Förderverein im mittelitalienischen Fidenza liefert Karten und stellt Wegweiser auf. Laut dem Verein gehen jedes Jahr etwa 3000 Pilger den Weg ganz oder teilweise. Wer in diesem Herbst von Wittenberg oder Erfurt aufgebrochen ist, braucht zwischen zehn und zwölf Wochen, bis er Rom betritt.

Anders als vor 500 Jahren wandert man heute aber meist nicht mehr auf idyllischen Pfaden. Besonders in Italien führt ein längerer Teil des Wegs an stark befahrenen Straßen entlang. Einige Male rettet nur ein Sprung in den Straßengraben vor einem vorbeibrausenden Lastwagen. Grundsätzlich sind die italienischen Autofahrer aber rücksichtsvoller als erwartet. Die meisten fahren einen Bogen um den einsamen Wanderer am Wegesrand, für sie ein seltenes Kuriosum.

Wegbegleiter trifft man so gut wie nie. Wer den Wanderer als Pilger erkennt, reagiert erstaunt, anerkennend und hilfsbereit. An der Straße zwischen Como und Mailand reicht ein Autofahrer zur Stärkung eine Dose Energydrink und eine Handvoll Kaffeebonbons aus dem Wagenfenster. Dazu fischt er Blasenpflaster aus dem Handschuhfach. Und in Sasso Marconi fährt ein Wirt nach Feierabend in das Hotel vom Vortag, um den dort vergessenen Ausweis zu holen.

Der Frankenweg basiert auf den Aufzeichnungen des Bischofs Sigeric. Im Jahr 990 ging er von Canterbury nach Rom, um die Insignien seines neuen Amtes aus der Hand des Papstes zu empfangen. Er lief auf den Fernstraßen seiner Zeit, deshalb verläuft die Via Francigena in Italien oft auf alten Römerstraßen, zum Beispiel zwischen Pavia und Fidenza auf der Via Emilia oder zwischen Siena und Rom auf der Via Cassia.

Der Förderverein der Via Francigena versucht zwar, parallel verlaufende, ruhigere Routen ausfindig zu machen, bisher allerdings mit bescheidenem Erfolg. Manche Pfade sind nur schwer zu finden, und nach Eröffnung der Jagdsaison bleibt die bange Frage, ob man lebendig sein Ziel erreicht.

Und doch entschädigen immer wieder schöne Landschaften für Strapazen und die Autoabgase: die langen Kirschbaum-Alleen an der Unstrut, die Tabakplantagen und Hopfengärten südlich von Nürnberg, die Reisfelder bei Mailand, die riesigen Wälder von Esskastanien im schweizerischen Bergelltal, die Haselnusswälder nördlich von Rom. Oft schweifen die Gedanken zurück in das Jahr 1510, besonders an Stellen wie den tief ausgefahrenen Hohlwegen in fränkischen Wäldern, wo die mittelalterlichen Straßen noch deutlich zu erkennen sind.

Erhebend ist das Gefühl, nach mühevollem Aufstieg auf dem 2300 Meter hohen Septimerpass in den Schweizer Alpen zu stehen. Da ahnt der stolze Wanderer noch nicht, dass der Apennin bei Bologna ähnlich hart zu erklimmen sein wird. Doch danach belohnt die Toskana mit ihren sanften Hügeln und turmgeschmückten Städten. Luther blieb damals vor allem Florenz in Erinnerung, wo er sich für einige Zeit in einem Hospital pflegen lassen musste.

An die Zeit des späteren Reformators erinnern an vielen Orten die Pilgerherbergen bei Kirchengemeinden oder in fast leerstehenden Klöstern. Im Kapuzinerkloster in Fidenza wird dem Wanderer ein Zimmer zugewiesen, das in Größe und Ausstattung einer Zelle in der Klausur nahe kommt. Dafür schläft man hier umsonst, eine Spende ist freiwillig.

Bei der Abreise gibt es einen Stempel in den Pilgerpass. In Buonconvento sind alle Übernachtungsplätze im Gemeindehaus bereits belegt. Dennoch heißt Don Claudio den Wanderer herzlich willkommen, schiebt ein Klappbett in den Computerraum des Gemeindebüros und verabschiedet sich mit einem raschen „Der Herr sei mit dir!”

Ein großer Teil der Rompilger folgt auch heute noch dem Ruf des Glaubens. Die amerikanische Theologin Sarah Wilson, die am Vorabend des jüngsten Reformationstages nach 70 Tagen am Tiber eintraf, veröffentlichte unterwegs in einem Internet-Blog (hereiwalk.org) einen täglichen Etappenbericht mit religiösen Betrachtungen.

In den letzten zwei Wochen der Wanderung wird der Sog des Ziels immer deutlicher spürbar. „Rom” ist nun auf den Wegweisern angeschrieben, die Entfernung wird auch für den Fußgänger überschaubar. Er betritt die Via Flaminia, er überschreitet die antike Ponte Milvio über den Tiber und geht den letzten Kilometer auf der schnurgeraden alten Römerstraße bis zur Porta del Popolo, einem Tor in der Aurelianischen Stadtmauer.

Oft malte man sich in den zurückliegenden Wochen die Ankunft aus, die Wirklichkeit ist unspektakulär. Man steht mit seinem Rucksack etwas verloren zwischen vielen anderen Touristen auf der Piazza mit dem Brunnen und dem Obelisken.

Gleich hinter dem Tor erhebt sich die Augustinerkirche Santa Maria del Popolo. Eine Andacht will neben all den vielen Reisegruppen nicht gelingen. Der Priester murmelt, um einen Stempel gebeten, ein paar anerkennende Worte. Dafür ist der Empfang in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms umso herzlicher.

Die Blasen an den Füssen sind schnell verheilt, die Strapazen vergessen. Es bleibt ein Wust von Eindrücken, Bildern und Gedanken, die verarbeitet werden müssen - und der Stolz, die Strecke tatsächlich gemeistert zu haben.

Informationen: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Barckhausstraße 10, D-60325 Frankfurt, Telefon 069/237434
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