Auf der Suche nach dem „Londonteil”: Eine Stadttour mit Teenagern

Von: Deike Uhtenwoldt, dpa
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Eine Fahrt im roten Doppeldeckerbus gehört zur ersten London-Reise dazu - nicht nur für Teenager. Foto: Deike Uhtenwoldt

London. Pia sucht die besten Shops, Maja die Top- Sehenswürdigkeiten, Nele London live: Begegnungen, die ausnahmsweise mal nicht aus dem Schulbuch stammen. Gar nicht einfach, die Vorstellungen von drei 13-Jährigen unter einen Hut zu bekommen. Auch wenn Shops und Sehenswürdigkeiten, Kultur und Kurioses in London oft nebeneinander liegen. Aber wo anfangen?

Am besten in einem roten Doppeldecker. Die Hotelwirtin empfiehlt Linie 15: „Mit einer Tageskarte kriegt ihr die Sehenswürdigkeiten zum Nulltarif.” Zwischen Oxford Circus und Tower of London kommt der Linienbus am Trafalgar Square und an St. Pauls Cathedral vorbei. Wenn er denn vorankommt: Was die Teenager mehr als die Sehenswürdigkeiten beeindruckt, ist der gigantische Strom aus Bussen, Taxis und Radfahrern um sie herum.

Wir haben Glück und erwischen einen alten Routemaster-Bus: Das sind die legendären Doppeldecker mit offener Heckplattform, auf der ein Schaffner die Karten kontrolliert - und verhindert, dass man zwischen den Haltestellen aussteigt. Das Konzept „Hop on, Hop off” gilt vermutlich nur für die Rushhour, wenn der Bus Schritttempo hält.

Wir steigen ganz regulär am Strand von London aus: Einer Straße, die vor dem Bau des Themse-Kais direkt am Flussufer verlief. Von hier aus gelangen wir zu den Markthallen von Covent Garden, inzwischen ein Einkaufszentrum. Straßenkunst und Pubkultur hat der Reiseführer versprochen, wir finden vor allem Souvenirs, T-Shirts und Schmuck. Pia rennt von Shop zu Shop - und ärgert sich über die Preise. Viel witziges Design, aber keine Schnäppchen bietet die Piazza rund um den ehemaligen Klostergarten.

Dafür gibt es junge Musiker, die beim Violinkonzert von einer Karriere in der nahe gelegenen Royal Opera träumen. Die Teenager lauschen andächtig - bis der weitergereichte Hut sie aufschreckt: Ihr Taschengeld wollen sie lieber nicht auf der Straße lassen.

Am Südufer der Themse, zwischen dem Riesenrad London Eye und Tower Bridge, tobt das Leben: Nele spottet über die altmodischen Uniformen der Schulklassen, staunt über Skater, fliegende Händler und Jogger. Mit den Massen geht es weiter über die Millenium-Brücke zwischen der strahlend weißen St. Pauls Cathedral im Norden und einem schwarzen Block aus Ziegelsteinen im Süden.

„Das ist Tate Modern?”, wundert sich Maja und blickt zweifelnd auf den dunklen Turm, der es vom Ölkraftwerk zum Wallfahrtsort moderner Kunst gebracht hat. Schnell sind wir uns einig: Statt der kostenlosen Dauerausstellung nehmen wir den Fahrstuhl bis in den siebten Stock und genießen bei einer heißen Schokolade und vom bequemen Sofa aus den weiten Blick auf Londons Skyline.

Weiter flussabwärts bietet ein anderes Wahrzeichen der Stadt ebenfalls schöne Aussichten auf City und Docklands. Allerdings ist der Besuch der Tower Bridge kostenpflichtig. Auf dem Fußgängerweg zwischen den Türmen über der Themse bleiben Besucher hinter Glas, was Nele enttäuschend findet. Auch die Brückenausstellung 40 Meter über dem Wasserspiegel interessiert die 13-Jährige nicht. „Spannend sind Museen nur, wenn man da auch selbst etwas tun kann”, sagt Pia. So wie im Science Museum in South Kensington. Dort machen die Experimentierstationen und „Push Button Devices”, interaktive Exponate, Naturwissenschaft und Technik zum Erlebnis.

Besuchermagneten wie den Tower oder das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds könnten wir dagegen ohne Vorbestellung vergessen, sagt Flemming: „Das ist zu voll und sowieso sehr teuer”, erklärt der 18-Jährige aus Hamburg. Dafür lohne ein Besuch in Chinatown. Dort könne man preisgünstig essen, billige Fälschungen kaufen oder sich einfach treiben lassen. „London ist doch viel bunter, größer und multikultureller als deutsche Städte.”

Trödel, Klamotten und Nippes finden wir auch in Notting Hill, auf dem Portobello Road Market. Der Stadtteil ist berühmt für seinen Obst- und Gemüsemarkt, die Antiquitäten- und Szeneläden. Fast jedes Reihenhaus schmückt eine andere Farbe, Rastafaris, Südasiaten und Osteuropäer kaufen kunstvoll aufgeschichtetes Gemüse an den Ständen. Maja, Nele und Pia interessieren sich mehr für die kleinen Souvenir-Läden. Nur das besondere Londonteil, mit dem in der Schule gepunktet werden kann, fehlt immer noch.

Dann auf zur Oxford Street! Nicht, dass es im berühmten Kaufhaus Selfridges Schnäppchen gäbe, aber allein die kunstvoll dekorierten Schaufenster seien ein Hingucker, findet Maja. Aber warum laufen hier eigentlich so viele junge Menschen mit braunen Papiertüten herum? „Primark” heißt die irische Kette, wo Leute Billigklamotten im Einkaufswagen einsammeln. Pia ist begeistert - und am Ende doch enttäuscht: „Das ist doch Ramsch”, urteilt sie.

Dafür finden wir mit Hilfe des Stadtplans endlich den Store der US-Modemarke „Abercrombie & Fitch”. Kein Schild, kein Schaufenster weist auf ihn hin, dafür eine Menge junger Leute vor der Tür: Der Shop gleicht einer Disco, Muskelmänner im Eingang, schöne Frauen am Tresen. Die Teens bahnen sich einen Weg durch süßliche Nebelschwaden und das schwach beleuchtete Treppenhaus. Oh Mann, das ist nun schon fast wieder eine Nummer zu cool.

Aber irgendwann haben wir es geschafft: drei Erinnerungsstücke in der Einkaufstüte, „echt aus London”, hergestellt in Taiwan und fünf Paar müde Beine. Wie gut, dass der Hydepark ganz in der Nähe mit Landluft und Liegestühlen wartet. Hier können wir den unermüdlichen Reitern, kickenden Jugendlichen und flinken graubraunen Eichhörnchen zuschauen.

Nur zu hören ist von der großen Redefreiheit im Speakers Corner heute leider nichts. „Da müsst ihr sonntags noch mal herkommen”, erklärt uns ein Fußgänger. Das ist für Maja, Nele und Pia keine Frage: Sie wollen wiederkommen, zurück nach London.
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