Auf den Spuren von Samuel Hahnemann in Köthen

Von: Daniela David, dpa
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Hahnemann
In Köthen haben berühmte Persönlichkeiten ihre Spuren hinterlassen: Johann Sebastian Bach, Johann Friedrich Naumann - und Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie. Seinetwegen kommen heute viele Besucher in die kleine Stadt im südlichen Sachsen-Anhalt. Foto: dpa

Köthen. Als ein indischer Arzt einst die Türschwelle ihres Hauses in der Wallstraße von Köthen küsste, verstand Liane Just die Welt nicht mehr. Sie ahnte nicht, dass ein früherer Bewohner des Hauses Samuel Hahnemann war, der Begründer der Homöopathie.

„Ich kannte zu DDR-Zeiten niemanden, der wusste, wer Hahnemann war”, erzählt die Köthenerin. Nur der indische Arzt wusste es genau. In Indien ist die Homöopathie weit verbreitet, und Hahnemann wird dort verehrt. Mittlerweile kennt ihn auch in Köthen fast jeder.

Im Jahr 2004 wurde sein ehemaliges Wohnhaus dank Spendengeldern der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Erdgeschoss ist heute das ursprüngliche Arbeits- und Wohnzimmer zu besichtigen, in dem Hahnemann seine Patienten empfing. Dort steht noch der Originalschreibtisch. Der schwarze Ohrensessel zeigt deutliche Gebrauchsspuren und wirkt, als hätte ihn der Meister gerade eben noch benutzt.

Dann holt Liane Just ein Rosenholzkästchen aus dem Schrank und lüftet den Deckel. Es tauchen 950 winzige, beschriftete Glasfläschchen auf, gefüllt mit unterschiedlichen Globuli: Hahnemanns Reiseapotheke.

In Vitrinen sind Ausgaben der „Allgemeinen Homoeopathischen Zeitung” von 1832 ausgestellt. Die Publikation wurde damals in Köthen erstmals herausgegeben. Daneben liegen Aufzeichnungen von Hahnemann, klein geschrieben mit schöner Handschrift. Fast andächtig stehen Besucher davor.

Der Rundgang durch das Hahnemann-Haus endet im schmalen, langen Garten. An seinem Ende ist die neue Laube zu sehen - als Ersatz für die ursprüngliche, in der Hahnemann gern gesessen und einige seiner Bücher geschrieben haben soll.

Gleich neben dem Garten befand sich zu seiner Zeit das Spital des Klosters der Barmherzigen Brüder, in dem Hahnemann auch Kranke behandelte. Inzwischen ist das historische Gebäude aufwendig renoviert und 2009 als Europäischen Bibliothek für Homöopathie wiedereröffnet worden.

„Unsere 3500 Bücher zum Thema Homöopathie und Medizin sind für jedermann zugänglich”, erklärt die Bibliothekarin Sabine Radtke. Das „Organon der Heilkunst”, Hahnemanns Grundlagenwerk liegt in Köthen sogar auf Japanisch und Urdu vor.

Derzeit informiert in der Bibliothek die Ausstellung „Aus einem verschwundenen Land” über die Situation der Homöopathie in der DDR. In den 1960er Jahren gab es dort nur noch 60 Homöopathen. Sie wurden mit Argwohn betrachtet, aber geduldet.

Heute finden in Köthen Fortbildungen für homöopathische Mediziner statt. Es ist wie eine Rückkehr an den Ort des Ursprungs, denn der immer noch bestehende Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte wurde 1829 in Köthen gegründet.

Wer an Köthen zu Hahnemanns Zeiten denkt, muss sich den Ort als Residenzstadt des Fürstentums Anhalt-Köthen mit etwa 6000 Einwohnern vorstellen. Fürst Ferdinand holte Hahnemann als Hofarzt in sein Reich. Der hatte in Leipzig gerade Ärger mit den Apothekern und war froh, nun in Köthen uneingeschränkt praktizieren zu können.

Die Jakobskirche am Marktplatz hat Hahnemann wohl für den Gottesdienst aufgesucht. In ihrem Untergeschoss ist die restaurierte Fürstengruft mit den prunkvollen Sarkophagen zu besichtigen.

Von der Kirche ist es zu Fuß nicht weit bis zum Rathaus, von dessen Turm sich ein Rundblick auf die Stadt und das Umland ergibt. In der Innenstadt sind viele Gebäude aus Hahnemanns Zeit erhalten.

„Die Zahl der Besucher hat sich in den vergangenen fünf Jahren vervierfacht”, berichtet Christian Ratzel vom örtlichen Tourismusbüro. Viele der Gäste kommen wegen Johann Sebastian Bach. Der Komponist wirkte in Köthen als Hofkapellmeister. „Doch auch die Homöopathie-Touristen nehmen zu”, sagt Ratzel.

Nirgendwo in Deutschland lebte Hahnemann länger als in Köthen, insgesamt 14 Jahre, von 1821 bis 1835. Dann traf ihn die Liebe - eine Geschichte wie im Roman. Die Französin Mélanie dHervilly reiste extra von Paris nach Köthen, um sich vom damals schon berühmten Hahnemann behandeln zu lassen.

Sie war 34, er 79 Jahre alt. Die beiden verliebten sich, heirateten und lebten fortan in Paris. Dort unterhielt das Paar gemeinsam eine homöopathische Praxis mit prominenten Patienten, wie etwa Niccolo Paganini.

Das Puppenspiel „Liebesperlen” - als Anspielung auf die homöopathischen perlenförmigen Globuli - erinnert an diese besondere Liebesgeschichte des deutschen Arztes und der französischen Künstlerin. Außerdem haben die Köthener Hahnemanns Frau Mélanie einen gleichnamigen Kräuterschnaps gewidmet, der in Lokalen der Stadt ausgeschenkt wird. Er soll bei manchem Leiden helfen, heißt es.

Begraben liegt Samuel Hahnemann nicht in Köthen, sondern auf dem größtem Friedhof von Paris: Père Lachaise. Doch sein Bett, in dem er 1843 in der französischen Hauptstadt starb, hat es über Umwege nach Köthen geschafft. Es bildet heute das Kernstück der kleinen Homöopathie-Ausstellung im Apothekergewölbe von Schloss Köthen.

Infokasten: Köthen

Lage: Köthen liegt in Sachsen-Anhalt, südwestlich von Berlin, zwischen Magdeburg und Leipzig, mitten im Dreieck von Dessau, Halle und Bernburg.

Führungen: Das Tourismusbüro von Köthen bietet Stadtführungen auf den Spuren von Samuel Hahnemann an. Auf dem Pfad der Homöopathie kann der Rundgang auch auf eigene Faust unternommen werden.

Informationen: Köthen-Information, Schlossplatz 4, 06366 Köthen (Tel.: 03496/70 09 92 60, koehten-information@bachstadt-köthen.de)

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