Au revoir Massalia! Marseille erfindet sich neu

Von: Sabine Glaubitz, dpa
Letzte Aktualisierung:
Marseille
Marseille krempelt sich um: Am Hafen protzen neue Museen. Im einst berüchtigten Altstadtviertel Panier locken Schickimicki-Cafés. Nicht nur deshalb wird sie 2013 Europäische Kulturhauptstadt. Foto: dpa

Marseille. Marseille ist anders. Schon bei der Ankunft im Sackbahnhof Saint-Charles drängt sich dieser Eindruck auf. Statuen aus Afrika und dem Nahen Osten zieren Halle und Fassade. Sie erzählen von Reisen in den schwarzen Kontinent, vom Handel, von fremden Sprachen und exotischen Gewürzen.

Saint-Charles war vor dem Zeitalter des Flugzeugs eine wichtige Station für Reisen in ferne Länder. „Ich bin sicher, dass Marseille die schönste Stadt Frankreichs ist. Sie ist so anders!” befand der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer schon vor mehr als 100 Jahren. 2013 ist die französische Metropole Europäische Kulturhauptstadt.

Der Bahnhof wurde 1848 gegründet. Vielleicht stand der deutsche Philosoph 1904 hier auf dem heiligen Hügel Charles, als er diesen Satz schrieb und sich Marseille in seiner Vielfalt und Besonderheit offenbarte: Ein Auf und Ab von Straßenzügen und Treppen, die hinunter auf die Lebensader Canebière führen oder hoch auf die alles überragende Basilika Notre-Dame de la Garde. Dazwischen der alte Hafen, das einst berüchtigte Altstadtviertel Panier, das süße Aroma von Kardamom-Kaffee und der pikante Duft gebratener Merguez.

Seit über 2600 Jahren treffen in Frankreichs ältester Stadt Europa und Afrika aufeinander. Viele der über 800 000 Marseiller sind marokkanischen, algerischen, italienischen, chinesischen oder senegalesischen Ursprungs. Zu den wohl bekanntesten Einwanderer-Kindern gehört Ex-Fußballer Zinedine Zidane. Im Herzen der Stadt leben noch heute vorwiegend Arbeiter und Einwanderer aus aller Herren Länder.

„Was ein Marseiller ist?”, wiederholt Anthony die Frage. Schauen Sie mich an. Meine Mutter ist gebürtige Italienerin aus Korsika, mein Vater ein jüdischer Pied noir. Ein Schwarzfüßler, wie die mehr als eine Million Franzosen genannt werden, die ab 1950 nach Algerien gegangen sind. Viele sind 1962 nach der Unabhängigkeit Algeriens in das Mutterland zurückgekehrt.

Anthony arbeitet für Euroméditerranée. Hinter dieser sperrigen Wortkombination versteckt sich ein Großprojekt, das für über sieben Milliarden Euro Marseille seit 1995 auf den Kopf stellt. Die Wahl im Oktober 2008 zur Kulturhauptstadt Europas 2013 hat die Metamorphose nur beschleunigt und das Budget um rund 600 Millionen Euro erhöht. Seitdem erfindet sich das von Seefahrern gegründete Massalia neu - nur einen Steinwurf vom Gare Saint-Charles entfernt zwischen Altstadt und Meer. Mit über 480 Hektar ist es eine der größten Baustellen Europas.

„Wirtschaftlich ist diese Schönheitskur notwendig”, erklärt Anthony. Zwischen 1970 und 1995 habe die Stadt viele Einwohner verloren, und der industrielle Rückgang hat die Arbeitslosigkeit erhöht. Jeder dritte Einwohner lebt an der Armutsgrenze, ungefähr 50 Prozent der Haushalte brauchen keine Einkommenssteuer zu zahlen. Marseille ist nicht nur die größte Stadt im Süden Frankreichs, sondern auch die ärmste. Damit und mit den Schlagzeilen über Drogenhandel und mörderische Bandenkriege wollen die Stadtväter Schluss machen. Die Hafenstadt soll besänftigt werden.

Das neue Marseille soll bis 2020 fertig sein. Daran arbeiten die renommiertesten Architekten. Wie es aussehen wird? Wie der 147 Meter hohe Glas- und Betonturm der anglo-irakischen Baumeisterin Zaha Hadid im neuen Hafen. Schick, modern, sauber. Er ist der Sitz der CMA CGM, der drittgrößten Reederei der Welt. Das in den Himmel ragende Bauwerk sieht aus wie ein Victory-Zeichen.

Vor wenigen Monaten wurde im neuen Hafen der ehemalige Kornspeicher Le Silo eröffnet. Wo früher Mehl gelagert wurde, werden heute Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen organisiert. Anthony steigt in den Aufzug, der im fünften Stock hält. Er hat recht: Der Blick vom Dachrestaurant ersetzt jeden Stadtplan. Rechts das Hadid-Hochhaus, in der Mitte Fähren nach Korsika und Nordafrika, im Rücken die zu einer Einkaufs- und Büromeile umgebauten alten Backsteinspeicher und links futuristische Architektur: die Villa Méditerranée und das MuCEM, die Aushängeschilder von Marseille 2013.

Die Villa Méditerranée ist ein protziges Kulturzentrum. Sie gleicht einem riesigen 16-Meter-Sprungbrett ins Meer. Knapp die Hälfte des Gebäudes liegt unter Wasser. Ganz oben eine 1300 Quadratmeter große Ausstellungsfläche, ganz unten das 1550 Quadratmeter große Unter-Wasser-Auditorium mit 400 Plätzen. Dazwischen Glas und ein Blick in schwindelerregende Tiefe. Ein Prestigeobjekt, mit dem sich der sozialistische Senator und Präsident der Region Provence-Alpes-Côte dAzur, Michel Vauzelle, ein Denkmal gesetzt hat. Es hat soviel gekostet wie das spektakuläre Centre Pompidou-Metz: rund 70 Millionen Euro.

Die Villa Méditerranée stiehlt dem 15 000 Quadratmeter großen Quader des Stararchitekten Rudy Ricciotti fast die Schau. Der Glaskasten von 72 Meter Seitenlänge ist mit einem Betonbalken-Steg mit der mittelalterlichen Festung Saint-Jean verbunden. Zusammen bilden sie das über 30 000 Quadratmeter große Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCem). Damit der aus einem künstlichen Meeresbecken gewachsene Glaskasten nicht so massiv wirkt, hat ihm Ricciotti ein Beton-Gewebe als Hülle verpasst.

Das MuCem ist den Geschichten und Visionen der Kulturen des Mittelmeers gewidmet, ihren Beziehungen untereinander sowie ihrem Verhältnis zu Europa. Weltweit gibt es kein Museum, das sich mit diesen Fragen beschäftigt. Im Frühling wird es eröffnet.

Marseille 2013. Das sind Bauzäune, hinter denen Großes passiert. Die Uferstraße wird derzeit zu einer Flaniermeile umgestaltet, auf der die Terrasses du Port entstehen, ein riesiges Shoppingcenter. Marseille 2013. Das sind auch die Straßen um den Bahnhof Saint Charles herum, wo eine Stimmung herrscht wie auf der anderen Seite des Meeres. Eine Stadt zwischen Okzident und Orient, eine Stadt, die anders ist. Noch.

Informationen: Atout France, Postfach 100128, 60001 Frankfurt (E-Mail: info.de@rendezvousenfrance.com ).
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert