„Amerika der Antike”: Siziliens Westen verzaubert

Von: Hanns-Jochen Kaffsack, dpa
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Selinunte beeindruckt nicht nur mit seinen Tempeln: Wer im Frühjahr reist, erlebt eine Natur in voller Blüte. Foto: dpa

Marsala/Selinunte. Armenhaus Italiens und Mafia-Hochburg - wer Sizilien nicht kennt, drückt der größten aller Mittelmeerinsel schnell diesen Stempel auf. Wer schon einmal dort war, hat meist den beeindruckenden Vulkanberg Ätna gesehen, ist auf den Uferpromenaden der einstigen griechischen Metropole Syrakus flaniert, hat das antike Theater von Taormina oder das spätbarocke Noto besucht.

Doch wer den Süden und Osten rechts liegen lässt und eine Reise in den Westen der Insel wagt, findet dort den ganzen Zauber von Kargheit und Antike, wie ihn schon Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Sizilien-Epos „Der Leopard” beschrieb.

Das Einfallstor nach Sizilien ist Palermo, die wuselige Metropole zwischen zwei Bergen, dem Pellegrino und dem Catalfano. Die mit sozialen Problemen überladene Großstadt präsentiert sich als Monument der Widersprüchlichkeiten: Gleich neben Juwelen normannischer Architektur tobt das Alltags-Chaos. Das Wissen um die Macht der Mafia verfolgt auch den noch, der einen Blick auf Palermos breite, tiefblaue Bucht wirft.

Wer in Palermo ankommt, den zieht es meist nach Taormina im Schatten des Ätna, nach Syrakus oder Noto im Osten und Süden der Insel. Doch auch der Westen der Insel trägt mit seinen Stränden, Städten und Schätzen der Antike attraktive Mosaiksteine zum Gesamtkunstwerk Sizilien bei.

Für die Reise gen Westen empfiehlt es sich, zunächst nicht direkt an der Küste entlangzufahren, sondern den Nordzipfel auszusparen und die Abkürzung durchs Hinterland zu nehmen. Die schnurgerade Straße führt zu der über dem Golf thronenden Kathedrale von Monreale, einem wahren Meisterwerk normannischer Baumeisterkunst.

Von Monreale aus wird die ganze ausufernde Urbanität Palermos sichtbar. Einst Knotenpunkt der antiken Geschichte, ist die Stadt heute geprägt vom Kampf um Anschluss an die Welt, gegen die Cosa Nostra, stinkenden Müll und den Verfall. Doch nun gilt es, den nächsten Golf im Nordwesten anzustreben.

An der Küste liegt dort das elegante Castellammare del Golfo. Mit seinen vielbesuchten Stränden scheint es jedes Klischee mediterraner Schönheit bedienen zu wollen. Dabei wartet nicht weit entfernt auf einer Landspitze die eigentliche Entdeckung - San Vito lo Capo: Weißer Strand wie aus dem Bilderbuch, einer der schönsten der Insel, gemütliche Hotels und gute Restaurants in einem überschaubaren Ort und schon das Gefühl, ganz weit weg zu sein. San Vito lo Capo ist ein idealer Stützpunkt für Tagesausflüge. Nach einer anstrengenden Tour wartet das abendliche Bad im smaragdgrünen, seichten und karibisch anmutenden Wasser.

Ein reiner Strandurlaub auf der Insel wäre allerdings zu schade. Denn Sizilien, vom Schriftsteller Lampedusa auch das „Amerika der Antike” genannt, glänzt mit einer Fülle alter Trutzburgen und barocker Pracht. Sie sind Zeugen bewegter Geschichte und geben Lampedusa recht: Sizilien war bis zur Entdeckung Amerikas ein Nabel der Welt. Dazu kommen die wilde Landschaft, guter Wein und eine abwechslungsreiche Küche.

Auf der Fahrt von San Vito lo Capo in die Hafenstadt Trapani lohnt ein Abstecher ins 750 Meter hoch gelegene mittelalterliche Nest Erice. Kastelle und Tempel warten auf den, der die engen und steilen Gassen gemeistert hat. Als Stärkung bietet sich Pasta delle Mandorle an, das typisch sizilianische Marzipangebäck, das natürlich auch in Erice verkauft wird.

Noch Europa oder schon Afrika? - Diese Frage stellen sich viele Besucher der Insel, die etwa auf der Höhe von Tunis liegt. In der geradlinig angelegten Hafenstadt Trapani fällt die Antwort recht eindeutig aus. Nebem dem barocken Centro Storico rund um den Corso Vittorio Emanuele prägt sich dem Besucher das moderne Bild einer selbstbewussten Hafenstadt ein. Dies wussten schon Phönizier und Karthager zu schätzen.

Am Hafen flicken Fischer geduldig ihre Netze und machen vergessen, dass ihr Trapani als eine Hochburg der sizilianischen Mafia gilt. Besucher muss das sowieso nicht sonderlich beunruhigen. Es sei denn, sie sehen in der Cosa Nostra nicht das organisierte Verbrechen, sondern eine Bande kleiner Diebe und Handtaschenräuber.

Die Entdeckungstour führt weiter über flaches Land, vorbei an weltbekannten Salinen und Windmühlen bis nach Marsala, dem westlichsten Punkt der Insel, von den Arabern einst Hafen Gottes genannt. Weinfreunden ist der Dessertwein Marsala ein Begriff. So mancher Besucher ersteht ein paar Flaschen als Begleiter für das Tiramisu daheim. Doch der süße Tropfen ist nicht repräsentativ für Sizilines Weine. Sie sind in der Mehrzahl schön trocken und vor allem geradlinig.

Nun gilt es endlich, der Antike auf den Grund zu gehen, das „dolce far niente” abzustreifen und sich in Bildungsabenteuer zu stürzen. Als praktische Einführung eignet sich die griechische Ruinenlandschaft Segesta in den Bergen hinter Trapani und Marsala. Segesta, das sind ein frei stehender Tempel, eingebettet in sanfte Hügel, dazu die Reste eines Amphitheaters mit einem einprägsamen Panorama. Die oft karge, im Sommer verbrannte Erde erinnert den Besucher hier wieder einmal an die melancholische Stimmung in Lampedusas „Leopard”.

Von Segesta aus geht es im Landesinneren vorbei an dem Städtchen Salemi mitten durch den Weingürtel in Richtung Süden. Hier, zwischen Marsala und Menfi, wachsen die spritzigen und leichten Weißweine Siziliens. An der Südwestküste liegt schließlich Selinunte, das größte europäische Ausgrabungsfeld. Seit Jahrhunderten spüren hier Besucher und Archäologen den Zeugen des Altertums nach. Manche sehen in Selinunte sogar das Zeugnis einer versunkenen besseren Welt.

Angesichts der Leistungen früherer Epochen drängen sich an der Stätte Gefühle wie Ehrfurcht auf. Die weitläufige Landschaft, über dem Meer gelegen und mit Blick auf Süd- und Westküste, ist mit Tempelruinen aus griechischer Epoche übersät. Es gilt, die verstreut liegenden Säulen der Tempel und die fernab sichtbaren Reste einer Akropolis zu bewundern. Hier lohnt es sich ausnahmsweise, ein kleines Touristenbähnchen zu nehmen.

Sonst wären Strapazen und Blasen an den Füßen des Wanderers in antiker Welt angesagt. Nach der Fahrt hängen viele der beeindruckten Besucher von Selinunte der alten Streitfrage nach, ob die Reste antiker Pracht nun soweit möglich wieder ausgebaut werden oder als Mahnung der Vergangenheit verfallen sollten.

Auf dem Weg zum Capo Bianco führt der Weg wieder durch die Weinberge rund um Menfi. Am Kap angekommen, darf der Besucher einmal kurz die Geschichte vergessen - obwohl sich auch hier und im nahen Eraclea Minoa die Antike tief eingegraben hat. Schließlich liegt man am Capo Bianco an einem der schönsten Strände Siziliens.

Vor der Rückkehr durchs Innere der Insel nach Palermo wartet bei Agrigento noch ein Höhpunkt des magischen Dreiecks im Mittelmeer: das überaus beschauliche Tal der Tempel, ein vor allem bei Sonnenuntergängen beeindruckender Schlussakkord architektonischer Meisterleistungen.

Weitere Informationen:

Reiseziel: Sizilien liegt am südlichen Rand Europas im Mittelmeer und hat mehr als 1000 Kilometer Küste.

Anreise und Formalitäten: Für die Erkundung des Westens bietet sich ein Mietwagen an, den man am besten vorher bestellt. Ein idealer Ausgangspunkt ist Palermo. Air Berlin und Alitalia fliegen die Metropole von mehreren deutschen Flughäfen aus direkt an. Andere Airlines bieten Umsteigeverbindungen über Rom oder Mailand an. Zur Einreise nach Italien genügt ein Personalausweis oder Reisepass.

Klima und Reisezeit: Im Frühjahr kommen die Kulturtouristen und Naturfreunde am liebsten auf die Insel, im Sommer dann die Badeurlauber. Die Haupturlaubszeit im Juli und August sollten Urlauber wegen der vollen Strände besser meiden. Der Herbst bietet sich dann wieder für eine Rundtour an.

Unterkunft: Das Angebot reicht von der einfachen Herberge bis zum feinen Sterne-Hotel. Vor allem in den Städten hat man die Qual der Wahl. Das oft einfache Frühstück ist meist inbegriffen.

Geld: In Italien wird mit dem Euro bezahlt.

Informationen: Italienisches Fremdenverkehrsamt ENIT, Barckhausstrasse 10, 60325 Frankfurt/Main (Telefon: 069/237434, Fax: 069/232894, frankfurt@enit.it, Internet: http://www.enit.de).
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