Afrikanisches Autoabenteuer mit gutem Zweck

Von: Jörg Fischer, dpa
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Die sechzig Teilnehmer der Rallye Dresden-Dakar-Banjul haben eins gemeinsam: Freude am Autofahren, Lust auf ein gemeinsames Urlaubsabenteuer der anderen Art, und die Bereitschaft, ihre Autos für einen guten Zweck zur Verfügung zu stellen. Der Verkaufserlös fließt in Hilfsprojekte. Gefahren wird in 15 Tagesetappen durch sieben Länder. Foto: dpa

Banjul. „136.000 zum Ersten! 136.000 zum Zweiten! Es gehört Ihnen!” Der Auktionator auf dem staubigen Vorplatz des Stadions von Banjul senkt das Megafon und macht ein zufriedenes Gesicht. Der ausgediente Postbus aus dem Sauerland ist mit acht Jahren das jüngste Auto in der Auktion und hat mit 136.000 Dalassi den besten Preis erzielt ­ umgerechnet mehr als 4200 Euro.

Insgesamt 34 alte Autos werden an diesem Sonntag in der Hauptstadt von Gambia versteigert. Alle haben mehrere Hunderttausend Kilometer auf dem Tacho, in Deutschland ausgedient und gerade 7500 Kilometer Autobahn, Schlagloch übersäte Straßen und staubige Wüstenpisten auf dem Weg nach Westafrika bewältigt.

Die sechzig Teilnehmer der Rallye Dresden/­Dakar/­Banjul - vom jungen Studenten über erfahrene Ärzte bis zum rüstigen Rentner ­- haben eins gemeinsam: Freude am Autofahren, Lust auf ein gemeinsames Urlaubsabenteuer der anderen Art, und die Bereitschaft, ihre Autos für einen guten Zweck zur Verfügung zu stellen.

Der Verkaufserlös der Auktion fließt in Hilfsprojekte. Gefahren wird in 15 Tagesetappen meist vom Morgengrauen bis zur Dämmerung durch sieben Länder. Vor allem in Deutschland, Frankreich und Spanien heißt die Devise „Kilometer reißen” ­ 3000 Kilometer in vier Tagen.

Die Fahrt finanzieren die Reisenden teils durch Sponsoren. „Das war irgendwie ein Selbstläufer, nachdem wir den ersten Geldgeber auf unserer Webseite nennen konnten. Ohne die Sponsoren hätten wir uns das nicht leisten können”, berichtet der Berliner Christoph Köhler von den Monate langen Vorbereitungen auf die Tour. Der „rallye- getunte” Saab seines Teams „Rocketbillys” ist mit Sponsorenaufklebern übersät. Ganz anders die silberfarbene Mazda-Limousine von Wolfgang Schwarz aus Neumünster. Er ist gänzlich auf eigene Kosten unterwegs.

Afrika beginnt schon im Fährhafen des südspanischen Algeciras. „Geh mit Allah! Preise Allah!” steht in arabischen Lettern an der Heckklappe der Autofähre nach Tanger. An Bord schallt der Gebetsruf des Muezzins aus den Lautsprechern.

Der Islam ist Staatsreligion in allen vier afrikanischen Rallye-Ländern, Marokko, Mauretanien, Senegal und Gambia. Die Route führt durch die verschiedensten Klimazonen und bietet unzählige Impressionen und viele flüchtige Begegnungen am Straßenrand. Im Norden Marokkos ist die Landschaft mediterran geprägt, mit Zitrus- und Olivenbäumen.

Hinter Marrakesch wird die Vegetation immer spärlicher. Erst verschwindet das Gras, dann die Bäume und schließlich die Sträucher. Die Stadt Tan-Tan wirkt wie das Tor zur Wüste. Am Ortseingang wird der Reisende von zwei überdimensionalen Betonkamelen begrüßt. Die Polizei lässt aber nicht mit sich spaßen. „Sie haben ein Stoppschild überfahren!” Der Polizeioffizier, der sich in Sichtweite des einsamen Verkehrszeichens am Ortsausgang postiert hat, diskutiert nicht. Er kassiert 400 Dirham (knapp 40 Euro) Bußgeld ­ gegen Quittung, das ist bei diesem marokkanischen Beamten untypischer Weise selbstverständlich.

Wenige Kilometer nach Laâyoune, der Provinzhauptstadt der Westsahara, kreuzt ein Förderband die Straße. Es reicht Dutzende Kilometer tief in die Wüste und transportiert Phosphat an die Küste. Die großen Mineralienvorkommen sind wohl einer der Hauptgründe dafür, dass Marokko den Wüstenstreifen seit mehr als einem viertel Jahrhundert besetzt hält. Noch tauchen immer wieder Kamele am Straßenrand auf, Bauern mühen sich vereinzelt, mit Eseln den kargen Boden zu pflügen.

Je tiefer die Blechkarawane in die Westsahara vorstößt, desto unwirtlicher wird das Land. In Richtung mauretanischer Grenze tauchen die ersten Sanddünen auf und die Warnschilder vor Minen nehmen zu. Die Minenfelder erinnern an die Konfrontation zwischen der saharaurischen Befreiungsbewegung Polisario, Marokko und Mauretanien. Ansonsten ist im Küstenabschnitt der Westsahara von dem Konflikt nichts zu spüren, auch wenn die marokkanische Herrschaft international bis heute nicht anerkannt wird.

In Dakhla, gut 300 Kilometer vor der mauretanischen Grenze, haben sich die Autowerkstätten auf europäische Wüstenfahrer spezialisiert. Mit improvisierten Schweißgeräten und altem Werkzeug werden noch einige der Rallye-Wagen für die nächste Etappe fit gemacht. Wichtigste Zusatzausstattung ist ein Blech, das die Ölwanne davor schützt, von spitzen Steinen aufgerissen zu werden.

Der Grenzübergang zwischen Marokko und Mauretanien besteht aus staubigen Baracken. Eine vier Kilometer lange unasphaltierte Piste führt durch das Niemandsland zwischen den beiden Ländern. Die Organisatoren der Rallye, alles routinierte Afrikafahrer, geben ihr Bestes. Geht die Abfertigung auf der marokkanischen Seite noch =relativ schnell, gestalten sich die Hinterzimmer-Verhandlungen beim =mauretanischen Zoll und der Polizei über die „Gebühren” zäher. Nach sieben Stunden kann die Blechkarawane weiterziehen.

An der nächsten Grenze wird es vier Tage später bedeutend schneller gehen: Nach nur knapp drei Stunden sind die Fahrer im Senegal. „Das ist Rekord”, freut sich Organisator Heinz Bormann. Spätestens hier wird klar, dass die Startgebühr von 690 Euro pro Nase gut angelegt ist. Wie viel die Abfertigung an den diversen Kontrollposten insgesamt kostet, bleibt „Betriebsgeheimnis”. Es dürften mehrere hundert Euro pro Auto sein. Immerhin bleibt den Teilnehmern viel Zeit und Stress erspart.

Der fahrerische Höhepunkt der Rallye beginnt kurz hinter der mauretanischen Grenze. Statt über die erst seit wenigen Jahren fertige geteerte „Westafrika-Autobahn” führt die Route für zwei Tage entlang der ehemaligen „Nationalstraße 1” quer durch die Wüste. Wellblechpisten wechseln mit Tiefsand ab. Auf mehreren Off-Road- Kilometern ist fahrerisches Können gefragt. Drei versierte Führer dirigieren die Blechkarawane zwar zielsicher durch das Sand- und Geröllmeer. Doch manche Bodenwelle taucht wie aus dem Nichts auf und immer wieder gilt es, mit vereinten Kräften festgefahrene Autos heraus zu ziehen.

„Dass die alten Kisten das aushalten!” wundert sich so mancher. Fahrer Siegfried Doering stellt fest: „Was wir hier machen ist schon grenzwertig.” Denn die meisten Rallye-Wagen sind für den braven mitteleuropäischen Straßenverkehr gebaut und nicht für die wilde Wüstenfahrt.

Dennoch überstehen die Autos die Tortur erstaunlich gut ­ abgesehen von reparierbaren, kleineren Ausfällen. So gibt mal ein Lüfter seinen Geist auf, mal eine Benzinpumpe. Oder es fällt wegen mangelnder Bodenfreiheit ein Auspuffrohr ab, wodurch auch PS-schwache Kleinwagen einen Sound wie die Boliden des legendären Wüstenrennens „Paris-Dakar” von sich geben. Diese sportliche Großveranstaltung allerdings führt seit 2008 wegen der Furcht vor möglichen Anschlägen islamischer Extremisten nicht mehr durch dieses Gebiet.

Der erste Wüstentag endet mit einer Vollmondnacht direkt am Atlantik. Der Sand der Sahara geht hier nahtlos ins Meer über. Die Flut macht eine Weiterfahrt am Strand für eine Weile unmöglich. An der Küste wird die bittere Armut vieler Mauretanier deutlich. Die Fischerdörfer bestehen nur aus ein paar armseligen Hütten, umgeben von Müllbergen. Ein Heer bettelnder Kinder, junger Männer und Frauen umschwirrt die Rallye-Autos. „Cadeau! Cadeau! (Geschenk! Geschenk!)”. Dieser Ruf wird den Auto-Tross auch auf seiner weiteren Reise durch Südmauretanien und den Senegal begleiten.

Hinter der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott wird die Landschaft wieder grüner. Dornbüsche und Akazien tauchen auf. Die Weiler tragen imposante Namen wie Riad oder Basra. Das Senegal-Delta mit seiner einzigartigen Vogelwelt bildet schließlich die Barriere zum wahren Schwarzen Kontinent. Warane und Warzenschweine huschen über den Damm, der Mauretanien und Senegal trennt. Jenseits der Grenze beginnt die Savanne. Mächtige Affenbrotbäume spenden Schatten am Straßenrand. Der Senegal muss im Zollkonvoi durchquert werden ­ ein Verkauf von Fahrzeugen, die älter als fünf Jahre sind, ist hier streng verboten.

Auf den letzten hundert Kilometern sind Fahrer und Autos aufs Äußerste gefordert. Auf der staubigen Teerstraße folgt streckenweise Schlagloch auf Schlagloch ­ schlimmer als jede Wüstenpiste. Am Abend ist Gambia erreicht, die Autos haben wohlbehalten mit der Fähre nach Banjul übergesetzt. Hier beginnen zweifellos die Tropen: Obwohl die Regenzeit schon seit ein paar Wochen vorbei ist, ist es schwül-heiß.

Drei Tage später sind die alten deutschen Autos verkauft. Selbst ein durchgerosteter Opel Kadett hat noch mehr als 600 Euro gebracht. Der Gesamterlös kann sich sehen lassen: 44 000 Euro. Vor Manduar, einem abgelegenen Dorf eine Autostunde von Banjul entfernt, haben sich Kinder an der Piste aufgestellt. Frauen in farbenprächtigen Kleidern begrüßen mit Freudentänzen und Gesängen die Rallye-Fahrer.

Die Gesundheitsstation des Dorfes erhält einen Großteil des Auktionserlöses. „Unsere Patienten kommen teilweise über Hunderte von Kilometern aus dem Busch”, berichtet der Arzt Suleiman Sambou. Er leitet die Gesundheitsstation seit sich der deutsche Verein „Gambia Afrika Hilfe” um die Einrichtung kümmert. Vorher war kontinuierliches Arbeiten unmöglich. Geld und Medikamente kamen nur sporadisch. Von den Rallye-Spenden sollen nun eine Pumpe und ein Generator für die Wasser- und Stromversorgung sowie ein Kühlschrank zur Aufbewahrung empfindlicher Arzneien und Seren gekauft werden.

Die Rallye-Teilnehmer fahren mit dem guten Gefühl nach Hause, mit ihrem Urlaubsabenteuer auch etwas für arme Menschen in ihrem Reiseland getan zu haben. „Wenn ich in Deutschland etwas spende, kommt doch nur ein Bruchteil an. Hier kann ich mir sicher sein, dass zumindest das meiste die Menschen erreicht”, sagt Jens Scherbel aus Erfurt zufrieden: „Wir waren in Afrika, haben eine Wüste durchquert und noch etwas Gutes getan.”
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