100 Jahre Gran Vía: Glanz und Niedergang eines Boulevards

Von: Hubert Kahl, dpa
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„Broadway” von Madrid: Die Gran Vía. Foto: dpa

Madrid. Mit einer vergoldeten Spitzhacke schlug der spanische König Alfonso XIII. gegen das Gemäuer. Auf diese Weise eröffnete der damalige Monarch am 4. April vor 100 Jahren die größte Abrissoperation in der Geschichte seines Landes.

Mitten durch das Gassengewirr der Madrider Altstadt wurde eine breite Schneise geschlagen. Durch diesen Freiraum verläuft heute die Gran Vía, der Vorzeige-Boulevard und „Broadway” der spanischen Hauptstadt. Der Enkel Alfonsos, Spaniens jetziger König Juan Carlos, feiert in diesen Tagen mit den Madrilenen das Jubiläum des Straßenbaus.

Die Regierenden in Spanien hatten in der damaligen Zeit voller Neid auf die breiten Prachtstraßen in Paris, London oder Berlin geschaut. Ihre Hauptstadt sollte da nicht nachstehen. Für die Gran Vía (Große Straße) ließen sie 14 Straßen und Gassen verschwinden. Mehr als 310 Gebäude in der Altstadt wurden abgerissen, darunter die Häuser, in denen der Maler Francisco de Goya (1746-1828) und der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) zeitweise gelebt hatten.

Mit dem Bau der Straße begann für die Madrilenen eine neue Zeit. Die 1300 Meter lange Gran Vía wurde zu einem Wahrzeichen des Fortschritts und der Weltoffenheit. An der Straße der Moderne erhielt Spanien seinen ersten Wolkenkratzer: Die Zentrale der Telekom- Gesellschaft Telefónica war damals mit 81 Metern eines der höchsten Verwaltungsgebäude in Europa. An der Gran Vía befanden sich auch Spaniens erste Kaufhäuser, die ersten Telefonzellen und Rolltreppen.

Die amerikanische Bar „Chicote” zählte Ernest Hemingway, Audrey Hepburn, Ava Gardner und Sophia Loren zu ihren Gästen. Die eine Hälfte der Gran Vía wurde mit ihren Prachtbauten und Bankpalästen der 20er und 30er Jahre ein wenig Paris nachempfunden. Der andere Teil erinnerte mit seinen Kinosälen und Theatern an den Broadway von Manhattan, allerdings im Miniaturformat.

Die Straße änderte im Laufe ihrer bewegten Geschichte mehrfach ihren Namen. Unter der Zweiten Republik (1931-1939) war sie zeitweise nach der anarchistischen Gewerkschaft CNT oder nach der Sowjetunion benannt. Die Franco-Diktatur (1939-1975) gab ihr nach dem Gründer der Staatspartei Falange den Namen „José-Antonio-Allee”. Um den Boulevard ranken sich zahllose Anekdoten. Dazu gehört die von einem improvisierten Stierkampf im Jahr 1928: Ein Kampfstier war ausgebrochen und versetzte die Passanten in Angst und Schrecken. Zufälligerweise kam der renommierte Torero Diego Mazquiarán des Weges und erlegte das Tier nach den Regeln seiner Kunst.

100 Jahre nach Beginn der Bauarbeiten hat die einstige Prachtstraße viel von ihrem Flair und Glanz eingebüßt. Die Bar „Chicote” existiert noch heute, aber die Hollywood-Größen bleiben weg. Die Filmpaläste wurden von Mode-Ketten verdrängt. Von den einst 15 Kinos überlebten nur drei. Hinter den prachtvollen Fassaden verbergen sich keine Juweliere und Luxus-Boutiquen mehr, sondern Wechselstuben oder Schnellrestaurants.

Auf die Gran Vía hat sich ein Hauch von Dekadenz gelegt. Die Straße ist als Geschäftsviertel längst nicht mehr die erste Adresse und als Vergnügungsmeile ein wenig aus der Mode gekommen. Auf den Bürgersteigen lagern Bettler und Obdachlose. Nebenstraßen wie die Calle Desengaño sind von Prostituierten und Drogendealern in Beschlag genommen worden. „Sie bilden eine Kloake im Hinterhof des spanischen Broadways”, schreibt die Zeitung „El País”. „Diesen Teil des Zentrums sollte man Besuchern lieber nicht zeigen.”

Als Alfonso XIII. am 4. April 1910 mit seiner goldenen Hacke den Bau der Gran Vía eröffnete, gab es in Madrid 150 Autos. Heute quälen sich pro Tag mehr als 50 000 Fahrzeuge durch die Straße und verpesten die Luft. Städteplaner schlugen vor, die Autos in einen unterirdischen Tunnel zu verbannen und die Straße in eine Grünanlage für Fußgänger zu verwandeln. Solche Pläne sind aber Zukunftsmusik.
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