Was vom Nachbarn rüberkommt: Die Spielregeln vor der eigenen Tür

Letzte Aktualisierung:
Dr. Alexander Martius, Anwalt,
Dr. Alexander Martius, Anwalt, Aachen

Aachen. Denken Sie an die linke Spur auf Deutschlands Autobahnen. Den morgendlichen Kampf der Handtücher auf den Liegen am Hotelpool. Oder den Kollisionskurs der Einkaufswagen, wenn im Discounter eine Kasse aufmacht. Was kommt Ihnen dabei in den Sinn?

Vielleicht: Das Leben ist hart und die Kruste der Zivilisation dünn? Es gibt unzählige Beispiele, in denen wir ganz schön eng aufeinanderrücken; am engsten vor der eigenen Tür: zu Hause. Wo die Linke-Spur-Fahrer und Handtuch-Liegenreservierer leben. Und Nachbarn sind. Dort treten sie unweigerlich zuerst zu Tage, die unterschiedlichen Temperamente, Vorstellungen, Kulturen, Vorlieben, Erwartungen, Erziehungen.

Der freundliche Rentner, der gern nackt duscht im Garten, mag das Kaffeekränzchen auf der eigenen Terrasse zunächst noch belustigen. Ist es aber sein Neffe, der seine Clique ebenso dabei hat, wie Alkopops und Ghettoblaster, ist Schluss mit lustig. Da wäre der Mitbürger, der seinen Müll am Zaun lagert, in Windrichtung 20 Meter zu Nachbars Kaffeetafel. Und sein Hund („Der tut nichts!”) macht zuverlässig in desselben Nachbarn Einfahrt. Neuerdings soll Herrchen auch „Rücken” haben. Im Garten tut er jedenfalls nichts mehr. Bäume und Hecken sprießen. Pflaumen, Laub, Nadeln, alles landet jenseits der Grenze. Da hilft auch die Höllenmaschine (der Laubsauger), zuverlässig im Herbst in der Mittagszeit zu Gange, nicht.

Was aber tun, wenn das Maß voll, die Geduld erschöpft, freundliches Bitten fruchtlos ist? Wenn es sich einvernehmlich nicht mehr regeln lässt, gibt es im Kern zwei Ansätze: Die Trennung vom Nachbarn zu verbessern, und wenn das nicht reicht, die Störung verbieten zu lassen.

Der Gesetzgeber lässt Sie nicht im Stich. Es gibt Spielregeln zu Grenzabständen, für Gebäude ebenso wie für Pflanzen, Bäume, Hecken, Zäune. Informieren Sie sich, ob in Ihrem Fall die Hecke zu hoch, der Zaun zu nie­drig, der Baum zu nah ist. Dann können Sie den Nachbarn zum Handeln zwingen. Einfacher ists bei Überwuchs und herbstlichem Laubfall: Bei Ihnen landendes Laub muss der Nachbar nicht beseitigen, was rüberwächst und (objektiv!) stört, schon. Beseitigt er den Überwuchs trotz Aufforderung und Fristsetzung nicht, dürfen Sies erledigen. Bei Wurzeln dürfen (und müssen) Sie direkt selbst ran. Aber auch hier sollten Sie vorher Bescheid sagen, wenn das Abtrennen der Wurzeln den Baum gefährdet. Und Früchte? Solange sie hängen sind es seine, sind sie gefallen, Ihre.

Was aber bei Lärm, Gerüchen, dem Fußball im Beet? Das Schwierigste, auch für die Gerichte, ist die Entscheidung, ob das hinzunehmende Maß überschritten ist. Faustregel: Ruhezeiten (ab 22 Uhr) und „Ortsüblichkeit” beachten. Und beim Grillen nicht übertreiben, im großen Garten freilich öfter als auf dem Balkon der Etagenwohnung. Einige Amtsgerichte haben den Holzkohlegrill ganz vom Balkon verbannt. Die Praxiserfahrung lehrt: Solange Sie und Ihr Nachbar sich mögen, dürfen Sie garantiert häufiger grillen, als das Amtsgericht Ihnen erlauben würde. Und ist der Wurm erst einmal drin im nachbarlichen Verhältnis, können die Gerichte nur im Einzelfall die Grenzen aufzeigen, den Ärger aber ebenso wenig wettmachen wie neuen Vorkommnissen vorbeugen. Trotzdem: Treibts der Nachbar zu bunt, müssen Sie eben doch auf Unterlassung klagen.

Bleiben der Fußball - und Waldis „Geschäft”. Für Schäden durch den Ball haften Kinder nur, wenn sie sieben Jahre oder älter sind und, so der Gesetzgeber, wenn sie reif genug sind, um erkennen zu können, was sie da anstellen. Und die Eltern? Nur, wenn sie was falsch gemacht haben. Aufsicht bedeutet nicht danebenstehen. Die Aufsichtspflicht richtet sich nach Alter und Entwicklungsstand des Kindes. Normal entwickelte Kinder dürfen im Freien spielen. Jura hat (Gott sei Dank) eben doch mit gesundem Menschenverstand zu tun. So machen die Eltern, sind die Kinder aus dem Kleinkindalter raus, nichts falsch, wenn sie einen groben Überblick haben und regelmäßig nachsehen. Je kleiner das Kind, desto öfter.

Und der Hund? Was er hinterlässt, müssen Sie eindeutig nicht dulden, der Halter ist gesetzlich verpflichtet, es wegzumachen.

Aber um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Eine deutsche Zeitung titelte vor einiger Zeit: „Streit um Hundekot - Nachbar erstochen!” Auch wenn das Leben hart und die Kruste der Zivilisation dünn sein mag, lassen Sie es bitte nicht so weit kommen!

az-regionales@zeitungsverlag-aachen.de
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert