Freie Verpackungsgrößen: Nur auf den Grundpreis ist Verlass

Von: Florian Sanktjohanser, dpa
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Ein Jahr freie Verpackungsgrößen: Nur auf den Grundpreis ist Verl
Die Füllmenge genau mit dem Preis abgleichen - so schützen sich Verbraucher bei Lebensmitteln vor sogenannten Mogelpackungen. Foto: dpa

Hamburg/Berlin. Fast ein Jahr ist die Zeit des gedankenlosen Zugreifens im Supermarkt nun vorbei. Bis zum 11. April 2009 konnten sich Verbraucher blind darauf verlassen, dass in der Milchtüte 1 Liter steckt und die Schokoladentafel 100 Gramm auf die Waage bringt.

Doch seit der Einführung einer EU-Richtlinie sind auch in Deutschland 950 Milliliter und 90 Gramm erlaubt. Verbraucherschützer haben vor versteckten Preiserhöhungen gewarnt. Eine Flut von „Mogelpackungen” ist bisher allerdings ausgeblieben.

Dennoch stören sich viele Verbraucher daran, dass viele Hersteller klammheimlich neuen Verpackungsgrößen auf den Markt gebracht oder Füllmengen verringert haben. „Wir bekommen seitdem mehr Mails von Verbrauchern, die sich beschweren”, lautet die Bilanz von Claudia Michehl von der Verbraucherzentrale Hamburg. Getrickst werde vor allem bei Marmeladen, Kartoffelchips, Waschmitteln und Süßigkeiten - aber nicht nur: „Das zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Warenangebot.”

Auch Birgit Rehlender von der Stiftung Warentest in Berlin hat beobachtet, dass immer mehr Hersteller ihre Packungen schrumpfen. Der Grund ist ihrer Einschätzung nach aber nicht die Gesetzesänderung, sondern dass der Preiskampf immer härter wird. Der kreative Umgang mit Füllmengen begann nicht erst im vergangenen April. „Das ist ein schleichender Prozess seit dem Jahr 2000”, sagt Michehl. In den vergangenen Jahren wurden aber die Verpackungsgrößen für noch mehr Produkte liberalisiert.

Seit April 2009 dürfen die Hersteller nun auch Milch, Wasser, Limonade, Fruchtsaft, Zucker und Schokolade frei nach ihrem Gusto eintüten. Die Verbraucherzentrale Hamburg listet auf ihrer Homepage Produkte auf, deren Füllmenge verringert wurde - bei gleichbleibendem Preis. Allein bei Grundnahrungsmitteln wie Zucker, Mehl oder Milch hätten sich Hersteller bisher nicht getraut, die Nennfüllmengen zu verringern. Der Grund sei, dass den Käufern die Standardmaße bestens vertraut sind. „Das wäre zu auffällig”, sagt Michehl.

Den einzigen Ausreißer wagte ein Discounter, der eine geschrumpfte Butter feilbot. Statt wie bisher 250 Gramm waren in die Packung „für Kleinverbraucher” nur noch 200 Gramm eingewickelt. Die Kunden protestierten, der Discounter nahm die Butter nach einer Woche wieder aus den Regalen - mit der Begründung, sie sei ein einwöchiges Aktionsangebot gewesen.

Stiftung Warentest führt in der Zeitschrift „test” jeden Monat zwei Beispiele von Mogelpackungen vor: Etwa halb volle Bratensaftdosen oder Kekstüten, die zu einem Drittel mit Luft gefüllt sind. Ungesetzlich ist all das nicht. Allzu groß dürfen die Hersteller ihre Verpackungen nicht aufplustern. Denn zu viel Luft in der Packung wäre unzulässig, die örtliche Eichbehörde könnte einschreiten. „Der Richtwert liegt bei 30 Prozent”, erklärt Friedhelm Braun vom Eichamt Köln. Das sei aber kein fester Grenzwert. Denn bei manchen Produkten könne sich die Füllmenge durch Lagerung und Transport verringern.

Stellt das Eichamt aber tatsächlich fest, dass zu viel Luft in der Packung ist, kann es dem Hersteller eine Geldstrafe aufbrummen und zwingen, die Packung zu verändern. Um mit der Füllmenge nicht die Verpackung verkleinern zu müssen, änderten die Hersteller deren Design oft komplett, sagt Michehl. Für Birgit Rehlender sind das keine Mogelpackungen im eigentlichen Sinne, denn „der Verbraucher müsste ja stutzig werden”. Bleibt die Verpackung dagegen gleich, werde der Verbraucher getäuscht.

Claudia Michehl rät, grundsätzlich auf die Grundpreise statt auf die Packungspreise zu schauen. Die Supermärkte seien gesetzlich verpflichtet, die Preise pro Kilogramm oder Liter am Regal anzugeben. Doch oft sei der Grundpreis sehr klein geschrieben, oder er fehle ganz. In diesem Fall sollten sich Kunden beim Verkaufspersonal, der Verbraucherzentrale oder der zuständigen Eichbehörde beschweren. Glaubt man Franz-Martin Rausch vom Handelsverband Deutschland (HDE) in Berlin, gibt es keinen Grund für Beschwerden: „Die Unternehmen geben den Grundpreis an”, sagt er.

Zumindest bei Wein, Sekt und Spirituosen können sich die Käufer noch darauf verlassen, dass die Flasche so groß ist wie gewohnt. Hier sind die Nennfüllmengen weiter gesetzlich vorgeschrieben. Bei Bier dagegen haben die Hersteller freie Hand. Flaschen mit 0,4 Litern Gerstensaft haben sich aber noch nicht ins Regal geschmuggelt - wahrscheinlich, weil den Käufern die Füllmengen durch den regelmäßigen Konsum bestens vertraut sind.
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