Zuchtfisch: Ähnlich gesund und umweltschonend wie Wildfisch

Von: Florian Sanktjohanser, dpa
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Nachschub für den wachsenden Fischhunger: Fast die Hälfte der weltweit verkauften Fische stammen schon heute aus Aquakulturen wie dieser in Norwegen. Foto: dpa

Kiel/Ahrensburg. In einem Punkt sind sich dann doch alle einig: Die umweltschonendste und nachhaltigste Form der Aquakultur ist der gute alte Karpfenteich. Im Idealbild schwimmen nur wenige Fische pro Quadratmeter frei herum und fressen, was die Sonne im Teich gedeihen lässt.

Eine vorbildliche extensive Anlage, die laut Rainer Froese, Fischereibiologe am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel, nur einen Haken hat: „Das ist ja schön und idyllisch, aber es bedient keinen Markt.” Doch welche Alternativen zum frischen Karpfen aus dem Teich sind ähnlich ökologisch unbedenklich und gesund?

Der Markt verlangt massenhaft nach Forellen, die weniger Gräten haben, nach immer mehr knackigen Pazifik-Shrimps und nach Lachsen mit ihrem wohlschmeckendem Fleisch voller gesunder Omega-3-Fettsäuren. Und der Markt wächst rasant. Laut einer Studie der Universität Münster stieg die Produktion von Fischen aus Aquakulturen zwischen 1985 und 1998 um 280 Prozent.

Kein anderer Bereich der Lebensmittelherstellung ist in den vergangenen Jahrzehnten so stark gewachsen. Im Jahr 2005 stammten nach Angaben der Umweltschutzorganisation WWF Deutschland in Frankfurt/Main bereits 47 Prozent der von Menschen verzehrten Fische aus Fischfarmen.

Ohne die Massenaufzucht in Aquakulturen wäre es nicht mehr möglich, den Fischhunger der wachsenden Weltbevölkerung zu stillen. Schließlich gelten laut der UN-Welternährungsorganisation FAO mehr als drei Viertel aller weltweiten Bestände als überfischt oder bis an die Grenzen ausgebeutet. Doch hat Zuchtfisch wirklich eine bessere Öko-Bilanz als Fangfisch?

„Da vergleicht man den Teufel mit dem Belzebub”, sagt Froese. Die beiden seien nicht zu trennen. Die intensive Aufzucht von Fischen in Aquakulturen sei Teil des Problems der Überfischung. Denn um Raubfische wie den Lachs zu mästen, würden große Mengen anderer Fische gefangen und zu Fischmehl zermahlen - darunter auch kleinere Speisefische wie Sardellen oder Makrelen. Um ein Kilogramm eines Raubfisches wie Lachs zu produzieren, müssten bis zu fünf Kilo Fischmehl verfüttert werden.

Volker Hilge hält diese Zahlen für falsch. Der Professor, der am Institut für Fischereiökologie in Ahrensburg (Schleswig-Holstein) zum Thema Aquakulturen forscht, sagt, dass pro Kilo Lachs heute nur noch zwischen 1,2 und 1,7 Kilo Fischmehl als Futter benötigt werden. Ein Drittel des Proteinbedarfs werde durch pflanzliche Eiweißlieferanten wie Soja gedeckt. Und auch die Berichte über Zuchtlachse, die mit Antibiotika vollgepumpt sind, seien überkommene Schauermärchen. Zumindest die Lachse aus Norwegen seien seit 10 bis 15 Jahren geimpft. In ihrem Fleisch sei wahrscheinlich weniger Antibiotika als in Schweinen und Hühnchen, sagt Hilge.

Horst Karl vom Max-Rubner-Institut in Hamburg stimmt ihm zu. In den vergangenen Jahren sei die Belastung der Zuchtfische mit Medikamenten stark zurückgegangen - ein Verdienst der strengen Kontrollen in der Europäischen Union. Diese seien in einigen asiatischen Ländern weitaus lascher. Doch wenn bei Stichproben an den Außengrenzen der EU Rückstände gefunden werden, würde die Ware zurückgeschickt und dem Hersteller der Zugang zu den Märkten in ganz Europa gesperrt.

Verbraucher müssen laut Karl also keine gesundheitlichen Bedenken haben, wenn sie an Fischtheken in Deutschland Zuchtfisch kaufen. Zuchtforellen könnten sogar weniger Schadstoffe enthalten als wild gefangene. Denn Schadstoffe wie Dioxin oder PCB werden über die Nahrung aufgenommen und reichern sich im Laufe der Jahre im Körper der Fische an. „Dafür haben Zuchtfische aber gar keine Zeit”, sagt Karl. Grundsätzlich könne man nicht sagen, ob Zucht- oder Wildfisch gesünder ist. Wildfische seien oft magerer, dafür seien Zuchtfische zum Teil frischer, weil sie schneller vom Hersteller zum Verbraucher gelangen. Letztlich hänge die Qualität von Zuchtfischen von den Zuchtbedingungen und dem Futter ab.

WWF-Fischereiexpertin Catherine Zucco empfiehlt Verbrauchern deshalb, beim Einkaufen auf Siegel wie „Bioland” oder „Naturland” zu achten. Im Laufe des kommenden Jahres will der WWF ein weltweites Nachhaltigkeitssiegel etablieren. In Anlehnung an das Siegel „Marine Stewardship Council” (MSC) für Wildfisch soll es „Aquaculture Stewardship Council” (ASC) heißen und hohe Umwelt- und Sozialstandards für Fischzuchten verankern.

Auch Rainer Froese rät, sich beim Einkauf an Bio-Siegeln zu orientieren. Welche Fischarten mehr oder weniger umweltverträglich gezüchtet werden, sei dagegen schwer zu sagen: „Das ist ein bisschen wie bei Freiland- und Käfigeiern. Es liegt an der Haltung, nicht am Huhn.”
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