Berlin - Zu teuer: Ärzte enthalten Patienten Behandlungen vor

Zu teuer: Ärzte enthalten Patienten Behandlungen vor

Von: Verena Schmitt-Roschmann, dapd
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Berlin. Mehr als jeder zweite Arzt gibt zu, dass er Patienten aus Kostengründen Behandlungen vorenthält. In einer Allensbach-Studie bekannten sich dazu 55 Prozent der befragten Mediziner, wie das Institut für Demoskopie am Donnerstag in Berlin berichtete.

Den Patienten bleibt dies nicht verborgen: 42 Prozent sind skeptisch, ob sie wirklich alles Notwendige bekommen. Die Bundesärztekammer relativiert die Ergebnisse jedoch: Lebensnotwendiges werde nie verweigert.

Allensbach hatte 524 Ärzten die Frage gestellt, ob sie Patienten schon einmal aus Kostengründen Behandlungen vorenthalten hätten, die „aus medizinischer Sicht angeraten gewesen wären”. Dazu bekannten sich 62 Prozent der niedergelassenen Ärzte und 49 Prozent der Krankenhausärzte - insgesamt die genannten 55 Prozent. Davon sagten 24 Prozent, das komme gelegentlich vor, und bei zwölf Prozent war es sogar häufig, wie Institutschefin Renate Köcher erläuterte.

„Keine Patienten zu Schaden gekommen”

Unter den befragten 1832 Bürgern äußerten vor allem Kassenpatienten die Sorge, dass sie „im Krankheitsfall eine notwendige Behandlung vom Arzt aus Kostengründen nicht verschrieben bekommen” könnten. 46 Prozent aus dieser Gruppe vermuteten dies, während es unter den Privatpatienten nur zehn Prozent waren. Besonders häufig war diese Sorge bei Armen und Kranken: Unter den Menschen mit einem Monatseinkommen von unter 1500 Euro teilten 52 Prozent die Vermutung; unter jenen mit „weniger gutem” Gesundheitszustand 57 Prozent. Tatsächliche Einschränkungen beim Arzt erlebt haben nach eigenen Angaben 35 Prozent der Befragten.

Allerdings besteht aus Sicht der Bundesärztekammer kein echter Grund zur Sorge. Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte zwar, die Ergebnisse gäben zu denken. Es gehe aber nicht um „lebensnotwendige Leistungen” oder die Versorgung in Notfällen, sondern um „Leistungen, die man verschieben kann”. Dazu zählte Montgomery Vorsorgetermine oder planbare Behandlungen. Montgomery berief sich auf Gespräche mit seinen Kollegen. „Wir kennen keine Fälle, wo Patienten zu Schaden gekommen sind.”

Ärzte sind verpflichtet, Kranken zu helfen

Ärzte sind verpflichtet, Kranken zu helfen. Laut Gesetz muss zudem alles medizinisch Notwendige allen Patienten zur Verfügung stehen. Allerdings wird seit Jahren darüber debattiert, dass es Über-, Unter- und Fehlversorgung gibt. Was medizinisch notwendig oder wünschenswert ist, gilt oft als Ermessensfrage. Jahrelang gab es auch immer wieder Berichte, dass Mediziner zum Ende des Quartals Patienten nicht mehr annahmen, weil ihr Budget ausgeschöpft war.

Immerhin sagten unter den befragten Bürgern 41 Prozent auch, dass Ärzte oft Medikamente verschrieben, die nicht nötig seien. 56 Prozent sagten, die Deutschen gingen zu oft zum Arzt und trügen damit zu den Finanzproblemen im Gesundheitswesen bei.

Diese Meinung vertreten auch sehr viele Ärzte. Die Frage, ob es häufiger vorkomme, dass Patienten zum Arzt gingen, obwohl das aus medizinischer Sicht eigentlich nicht notwendig sei, bejahten 70 Prozent der befragten Mediziner.

Die meisten sind trotz allem zufrieden

Insgesamt sind die Deutschen nach wie vor zufrieden mit der Gesundheitsversorgung: 70 Prozent sagten dies, deutlich mehr als 2009 (64 Prozent). Von den befragten Ärzten bewerteten sogar 88 Prozent das System mit „gut” oder „sehr gut” - nach 82 Prozent im vergangenen Jahr.

Für die Zukunft befürchten allerdings viele Schlimmes. Zwei von drei Bürgern erwarten, dass der Kostendruck die Qualität der medizinischen Versorgung verschlechtert. Die Quote war allerdings 2009 mit 72 Prozent noch deutlich höher.

Den Auftrag für die Allensbach-Studie hatte der Finanzdienstleister MLP gegeben, der unter anderem Beratung zu privaten Versicherungsleistungen anbietet.
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