Wenn der Geruchssinn abhandenkommt: Anosmie ist gar nicht so selten

Von: Claudia Bell, dpa
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DLG/Obstler/Nase
Stefan Hafen prüft beim Internationalen DLG-Qualitätswettbewerb für Spirituosen im Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Mirabellen- und Pflaumenbrände. Neben Obstbränden, Rum, Whiskysorten, Kräuterlikören oder Wodka werden auch Spezialitäten aus Kleinbrennereien geprüft. Foto: dpa

Hamburg/Dresden. Mirjam Bach kann nichts riechen. Kein Parfüm, keine Essensdüfte, kein frisch gemähtes Gras, auch keine unangenehmen Gerüche wie Schweiß oder angebranntes Essen. Die 31-Jährige aus Hamburg leidet unter einer Riechschwäche, der sogenannten Anosmie - und das von Geburt an.

Schon als kleines Kind sei ihr aufgefallen, dass ihre Schwester etwa den Geruch frischer Pfannkuchen schon beim Betreten des Hauses wahrnahm und sie selbst nicht. „Aber ich dachte damals, sie macht sich lustig über mich - erst später wurde mir klar, dass da wohl etwas nicht stimmt”, erzählt Bach.

Sie hat diesen genetischen Defekt nie als Manko oder Problem wahrgenommen oder darunter gelitten - schließlich kennt sie es ja nicht anders und vermisst daher nichts. Sie sei deswegen auch noch nie zum Arzt gegangen. Gleichwohl gibt es einige Situationen, in denen sie gerne riechen würde und sich auf andere Menschen verlassen muss: „Ich werde nie wissen, wie mein Baby riecht. Außerdem muss ich oft meinen Freund fragen, ob ich etwa einen Pullover noch einmal anziehen kann.”

Gefährlich wird die Anosmie dann, wenn beispielsweise etwas unbemerkt in Brand gerät. Auch Mirjam Bach machte diese Erfahrung, als sie ihre Reisetasche einmal zu nah an der Heizung abstellte und anschließend einschlief. Nur weil ihre Mitbewohnerin den beißenden Geruch der versengten Tasche bemerkte, konnte ein größerer Schaden verhindert werden. Seit der Geburt ihres kleinen Sohnes hat Bach Rauchmelder in der Wohnung installiert.

Mirjam Bach gehört zu den wenigen Menschen, deren Anosmie angeboren und genetisch bedingt ist. „Dieser Fall kommt nur bei einem von 8000 Menschen vor, und dann meistens bei Mädchen und Frauen”, sagt Prof. Thomas Hummel von der Universitätsklinik Dresden. Bei allen anderen - in Deutschland sind das Hummel zufolge etwa fünf Prozent der Bevölkerung - sei die Ursache für die Störung etwa ein Schädel-Hirn-Trauma nach einem Unfall oder eine banale Erkältung.

Auch chronische Entzündungen, Allergien oder eine krumm gewachsene Nasenscheidewand können einige der rund 30 Millionen Riechzellen auf der Schleimhaut entsprechend beschädigen. Zudem kann die Hälfte aller 80-Jährigen nicht mehr riechen, nahezu alle Alzheimer- und Parkinson-Kranken sind ebenfalls betroffen.

Im Fall von Polypen etwa kann der Defekt operativ behoben werden, in allen anderen Fällen gibt es bislang keine Heilungsmethode. Vor einigen Jahren leitete Hummel eine Studie, bei der den Patienten das Diabetiker-Präparat Alpha-Liponsäure verabreicht wurde. Dadurch konnten manche der Patienten zwar kurzfristig wieder etwas mehr riechen. „Aber die dauerhafte Gabe dieses Präparates hat sich leider nicht bewährt, es ist nichts Signifikantes dabei herausgekommen.”

Derzeit laufe eine Doppel-Blind-Studie mit Vitamin A und dem Antibiotikum Minocyclin. Zumindest bei der Gabe des Vitamins habe sich bislang allerdings noch kein positiver Effekt gezeigt. Eine Heilungsmethode ganz anderer Art testet Prof. Karl-Bernd Hüttenbrink an der HNO-Uniklinik in Köln. In Riechtrainings schnuppern die Patienten täglich eine Viertelstunde lang an extremen Düften und sollen dadurch ihre Sensibilität wiedererlangen.

Eingesetzt wird dabei auch der Stoff, den Eber während ihrer Brunftzeit absondern und den nur die Hälfte aller Menschen überhaupt riechen kann. Doch genau die Wahrnehmung dieses Geruchs könne auf Dauer trainiert und dadurch der Geruchssinn wiederhergestellt oder zumindest verbessert werden. „In unserer Vorläufer-Studie haben wir schon ganz beachtliche Erfolge erzielt”, betont Hüttenbrink. Manchem Betroffenen könnte das in Zukunft zu ganz neuen Sinneseindrücken verhelfen.
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